Steven Pinker: Gewalt

Ein Buch mit dem Titel „Gewalt“ lässt auf eine Aufzählung all der Ungeheuerlichkeiten schließen, die Menschen Menschen (oder auch anderen Lebewesen) angetan haben. Und obwohl dieser Aspekt in dem über 1000 Seiten starken Buch nicht zu kurz kommt, ist seine Botschaft eine grundsätzlich andere: Die Gewalt hat in unserer Geschichte ständig abgenommen – und das trotz der Verheerungen, die das 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen mit sich brachte.

Diese seine These belegt Pinker mit unzähligen Statistiken und Diagrammen, die allerdings mit all den Schwierigkeit behaftet sind, die mit der Aufbereitung eines solchen statistischen Materials verbunden sind. Zwar agiert er weniger unverfroren und nimmt die Interpretationen mit sehr viel mehr Vorsicht und Zurückhaltung vor wie etwa Ulrich Kühnen, dem offenbar hauptsächlich an Daten gelegen war, die seine Ansichten bestätigen, dennoch bleibt vieles fragwürdig. So bezieht er sich häufig auf Norbert Elias („Der Prozess der Zivilisation“), der von einer sukzessiven Abnahme der Gewalt vom Mittelalter bis zur Neuzeit gesprochen hatte, wobei er die Einwände von Historikern (z. B. Ernst Schubert, der explizit feststellt, dass die Thesen von Elias durch die Quellen nicht bestätigt werden) nirgendwo erwähnt. Auch wird die Auswahl der vorgelegten Daten nicht immer begründet und man kann sich der Vorstellung nicht erwehren, dass so manches Material auch in einem anderen Sinne als dem des Autors interpretiert werden kann. Allerdings muss man Pinker zugute halten, dass er sich dieser Problematik bewusst ist und immer wieder in relativierender Weise darauf hinweist. Und er bemüht sich auch um Hintergrundinformationen zur Erstellung von Statistiken, analysiert deren Strukturen (etwa logarithmische Skalen oder den Unterschied zwischen einer Poisson-Verteilung und einer Gaußschen Glockenkurve). Doch mit all dieser vermeintlichen Wissenschaftlichkeit in Bezug auf die Aufbereitung von Daten wird eine Genauigkeit suggeriert, die nie erreicht werden kann.

Der Grundaussage des Rückganges der Gewalt tut dies aber keinen Abbruch: Es ist offenkundig, dass vor 10000, 5000, 2000 oder 500 Jahren der Mensch sehr viel wahrscheinlich einem Gewaltdelikt zum Opfer fiel als heute (und das bezieht sich nicht nur auf Westeuropa, sondern auch auf die Entwicklungsländer oder die von Bandenkriegen zerrissenen Vorstädte von Millionenmetropolen wie Mexico-City, Manila oder Rio de Janeiro). Der von Rousseau angenommene friedliche Urzustand ist eine Illusion: Selbst unter den friedlichsten indigenen Völkern ist die Mordrate sehr viel höher als bei uns, von kriegerischen Stämmen wie den Yanomamö einmal abgesehen. Eine der Hauptursachen ist die Ausbildung von Machtstrukturen, die das Gewaltmonopol für sich beanspruchen: Das ursprüngliche Prinzip der Rache beinhaltet immer die Gefahr einer Gewaltspirale, eine Gefahr, die durch das Monopol eines weitgehend unbeteiligten Dritten (der nur an der Gewaltfreiheit Interesse hat) teilweise beseitigt wird. Selbstverständlich kann auch der Staat selbst für Gewalt verantwortlich zeichnen, wobei es immer die ideologischen (zu denen auch die religiösen zu zählen sind) Staatswesen sind, die die mit Abstand größten Opferzahlen aufweisen. Demokratien bzw. liberale Staaten, für die die Freiheit des Einzelnen von großer Bedeutung ist, sind die in dieser Hinsicht friedlichsten.

Die Idee des „ewigen Friedens“ (Kant) ist eine Frucht der Aufklärung und längst nicht so selbstverständlich wie uns das heute erscheinen will. Noch der Deutsche Idealismus mit seinem Primat der Historizität allen Geschehens sah im Krieg und in der Gewalt eine reinigende Kraft – und noch vor 100 Jahren wurden die wenigen Pazifisten bei Beginn des Ersten Weltkrieges als dümmliche Außenseiter und Weltfremde belächelt. Das Gedankengut der Aufklärung hat erst mit einer gewissen Verspätung jene – für uns heute selbstverständliche – Bedeutung erlangt, sodass nun kein Politiker mehr den Krieg als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bezeichnen kann, ohne sich dafür schärfster Kritik auszusetzen. (Dass manche die Gewalt im Stillen als durchaus legitimes Mittel ansehen, dies aber nicht sagen (dürfen), ist auch ein Fortschritt: So wird derjenige zumindest indirekt auf ein bestimmtes (friedliches) Handeln verpflichtet.) Wobei die Verbreitung friedlicher Ideen jeder, der einige Jahrzehnte auf diesem Planeten verbracht hat, an seiner eigenen Vergangenheit erkennen kann: Noch in den 60ern waren Frauen weitgehend der Gewalt von Männern ausgeliefert (bzw. auch materiell von ihnen abhängig in einer Weise, die heute – ganz selbstverständlich – unvorstellbar ist: Dass etwa eine Frau die Einwilligung ihres Mannes für die Eröffnung eines Kontos benötigte), erst seit etwa 20 Jahren ist die Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand, Alan Turing wurde aufgrund seiner Homosexualität noch in den 50er Jahren chemisch kastriert und in den Selbstmord getrieben und die Prügel, die mir mein Vater auch in aller Öffentlichkeit verabreichte, würden ihn heute möglicherweise hinter Gitter bringen und den Kleinen in eine Pflegefamilie. Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass es nicht noch immer sehr viel Gewalt gibt, dass Kinder, Frauen oder Schwule heute die ihnen entsprechenden Rechte tatsächlich in Anspruch nehmen können: Aber Dinge, die noch vor wenigen Jahrzehnten schier selbstverständlich waren sind heute ebenso undenkbar.

Natürlich führt Pinker neben der Dokumentation der Gewalt noch sehr viel mehr Gründe für den Rückgang derselben an (das Buch ist – wie erwähnt – sehr umfangreich), die aber alle in eine ähnliche Richtung zielen: Die Errichtung eines Gewaltmonopols, demokratische Strukturen und aufklärerisches Gedankengut haben uns eine Welt beschert, in der Gewalt als Mittel zur Problemlösung verpönt ist. Angesichts der Tatsachen, dass nicht nur sex, sondern auch „violence“, sells, scheint uns dies im Zeitalter der Selbstmordanschläge und Amokläufe ein wenig seltsam: Eine rationale Analyse des status quo besagt allerdings etwas anderes. Trotz Aleppo, dem Südsudan oder Afghanistan ist diese Jahrhundert friedlicher als alle vorhergehenden und die Tatsache, dass diese Gewalt keineswegs mehr als historisch notwendig, sondern als ein dringend zu vermeidendes Übel betrachtet wird, lässt auch für die Zukunft hoffen (wenngleich Kriege (auch größten Ausmaßes) einer Poisson-Verteilung folgen und deshalb nie auszuschließen sind). Vielleicht ist diese Entwicklung hin zu weniger Gewalt sogar eine Art Automatismus: Da jedes Lebewesen zu überleben trachtet, können wir rationale Mittel einsetzen, dieses Ziel für ein möglichst große Zahl zu erreichen. Frieden ist – im Gegensatz zum Krieg – ein sogenanntes Positivsummenspiel: Seine Verhinderung hat für alle Beteiligten etwas Gutes. (Trotzdem muss festgehalten werden, dass es immer wieder Mächtige gibt, denen an einem solchen Positivsummenspiel gar nicht gelegen ist und die ihr Volk für egoistische Ziele zu instrumentalisieren in der Lage sind (wie etwa Erdogan oder Orban): Überholte Vorstellungen von Ehre oder Stolz (meist Ausflüsse der erwähnten Ideologien) nehmen für einige Zeit eine größere Bedeutung an als etwa wirtschaftliche Prosperität oder Frieden. Dem gilt es vorzubeugen und es ist zu hoffen, dass gewissen unvermeidliche Rückschritte nicht allzu weit hinter bereits Erreichtem zurückführen werden. So glaube ich nicht, dass man etwa in Westeuropa je wieder vollkommen rechtlose Frauen antrifft.)

Pinker schreibt einen leicht lesbaren Stil, zumeist spannend, aber er ist eindeutig zu statistikverliebt: Diese Passagen wirken auf die Dauer ermüdend; sie sind dem (ehrenwerten) Ziel der Wissenschaftlichkeit geschuldet, können aber nicht immer einlösen, was sie zu beweisen vorgeben. Dazu kommen unzählige Beschreibungen von Sozialexperimenten, die – ähnlich wie bei Tomasello – häufig zu trivialen oder selbstverständlichen Aussagen führen (so „beweist“ Pinker anhand von Daten über mehrere Seiten, dass Selbstbeherrschung „ermüdet“: Um ihm das zu glauben, hätte auch ein Absatz gereicht). Insgesamt halte ich das Buch aber für wertvoll, weil es nicht sensationslüstern den Untergang der Welt beschreibt, sondern einem Trend Ausdruck verleiht, der in unserer fortgesetzten Katastrophenberichterstattung unterzugehen droht: Den Trend eines zunehmend friedlichen Lebens. Womit vielleicht (oder hoffentlich) auch das Bewusstsein dafür geschärft wird, dass es uns so schlecht nicht geht wie allerorten behauptet.


Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt a. M.: Fischer 2011.

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