Boris Pasternak: Doktor Schiwago

Pasternaks Roman wurde vor allem durch seine Verfilmung berühmt – als auch durch die Umstände, die den Autor dazu zwangen, den Nobelpreis von 1958 nicht anzunehmen. Der Film (mit Omar Sharif in der Hauptrolle) setzt – nicht weiter überraschend – sehr stark auf die Liebesgeschichte, während man das Buch als eine Kritik an der Umsetzung von politischen Ideologien im allgemeinen (und des Kommunismus im besonderen) verstehen kann (und wohl auch soll). Und es hatte offenbar in Russland selbst (trotz der Ächtung Pasternaks) großen Einfluss, sowohl bei Svetlana Aleksievic als auch bei Ulrich Schmid wird häufig auf den Roman verwiesen. (Dies war auch der tiefere Grund für meine Lektüre des Buches.)

Ein wenig liest sich der Roman wie eine Schimäre aus Dostojewskij und Tolstoi, die man ins 20. Jahrhundert transferiert hat. Den Figuren haftet etwas Dramatisches an, sie spiegeln im Grunde das wider, was man üblicherweise als die „tiefe russische Seele“ bezeichnet. Unglückliche Liebesbeziehungen, erhabene Charaktere, grausame Umstände – alles das führt zu einem „vom Winde verwehten“ Leben, das immer nur in kurzen Augenblicken genossen werden kann, um dann durch Tod oder ewige Trennung zu enden. Mich langweilen diese Gefühlsduseleien, diese Gespräche über Gott, den Sinn des Lebens, dazu kommt in diesem Fall noch der konzeptionell fragwürdige Dickensche Zufall (so klein ist Russland denn auch nicht, dass sich die paar Personen ständig über den Weg laufen müssten) und der Tonfall einer melodramatischen Tiefsinnigkeit. Auch wenn der Autor vorgibt (bzw. durch seinen Hauptperson vorgeben lässt), diese Melodramatik vermeiden zu wollen. Kurz vor der Trennung von Schiwago und Larissa verlangt es jenen, „ganz ohne Pathos“ zu sprechen, um dann seitenlang von den zerstören Hoffnungen und Träumen zu salbadern: „Wir wollen einander noch einmal unsere geheimen Worte sagen, […] Worte, die so groß und still sind wie der Name des Asiatischen Ozeans. Es ist kein Zufall, dass du am Ende meines Lebens stehst, du mein geheimer, verbotener Engel […]“ – und so geht das fort – natürlich ganz ohne Pathos.

Wichtiger, wohl auch gelungener ist die Darstellung der russischen Revolution, das Empfinden der Ungerechtigkeit, der Ungleichheit, das Bedürfnis, diesen Missständen abzuhelfen, das kontrastiert wird mit einer unmenschlichen Realität, die von den großen Idealen nichts übrig lässt. „Eine gerechte Welt lässt sich nicht durch Blut und Gewalt aufbauen“ lässt sich Schiwago in einer solchen Diskussion einmal vernehmen, wobei er selbst zu Beginn der Ereignisse bzw. mit den vorhergehenden Umsturzversuchen noch sympathisiert hat. Diese sukzessive Desillusionierung in seiner Hauptperson sichtbar zu machen gelingt Pasternak recht gut, doch auch hier sind die Diskussionen und Gespräche häufig von einer betulichen Romantik getragen (so stellt die überaus kluge Sima Tunzewa in einem Monolog fest, dass die beiden wichtigsten Probleme des Daseins in „Gott und der Arbeit“ bestünden). Passend dazu auch die „nachgelassenen“ Gedichte Schiwagos (der ja eigentlich ein Schöngeist, Literat und Philosoph ist), die häufig das Leben und Leiden Christi zum Thema haben und die Zerrissenheit des Gottmenschen (ein Gedicht heißt „Gethsemane“) in Verse bringt.

Mir sind all diese Russen zu tiefsinnig, ihr Hang zur Metaphysik und Sentimentalität nervt mich zusehends (in jugendlichem Alter konnte ich einem Fürsten Myschkin oder einem Raskolnikoff noch etwas abgewinnen, später aber wirkt all das ein wenig platt und realitätsfremd, auch und vor allem im ach so schicksalhaften Untergang, der fast allen „Helden“ beschieden ist), das Gerede von Gott und Mythos ist genau das: Gerede. Wem derlei gefällt, der mag auch mit Doktor Schiwago gut bedient sein, allerdings waren für mich die wirklich interessanten und lesenswerten Passagen jene, in denen die sukzessive Entmenschlichung eines Bürgerkrieges gezeigt wurde, das Zerbrechen von Idealen, die beim Versuch, das Himmelreich auf die Erde zu holen, diese zur Hölle machten.


Boris Pasternak: Doktor Schiwago. Frankfurt a. M.: Fischer 1958.

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