Harald Lesch, Klaus Klamphausen: Die Menschheit schafft sich ab

Lesch wurde als “Tele-Physiker” bekannt und versilbert seine Bekanntheit mit diversen Büchern: Die – wie das vorliegende – eine eher krude Mischung aus Kosmologie, Menschheitsgeschichte, einer Prise Philosophie und ökologischem Warnruf sind. Und weil da vieles, alles untergebracht werden soll, hat man schlussendlich den Eindruck, so rein gar nichts erfahren zu haben.

Der Anfang ist noch einigermaßen erträglich: Wer noch nie etwas über die Entstehung des Universums, den Urknall oder Supernovae gelesen hat, mag dabei auf seine Kosten kommen. Dann ein paar Sätze zur neolithischen Revolution (rein deskriptiv, auf Probleme durch die Erfindung der Landwirtschaft wird nicht hingewiesen, allenfalls werden dem Leser ein paar farbige Bildchen präsentiert) und im Anschluss ein Kapitel mit dem von Nestle entlehnten Titel “Vom Mythos zum Logos”. Das liest sich wie der Aufsatz eines 11jährigen, der sich den Inhalt aus dem Netz zusammenkopiert: “Später folgt bei den Griechen eine total materialistische Geistesströmung, die ohne jeden Mythos auskommt. Die Atomisten Leukipp und Demokrit sagen, es gibt die unteilbaren Teilchen – atomoi – und das Nichts. Das war’s. Sonst gibt’s nichts.” Das war’s dann auch zum Atomismus, zwei Absätze weiter wird des Aristoteles’ Tiefe ausgelotet: “[…] es heißt bei Aristoteles: ‘Die Welt steht uns zur Verfügung.’ Sie soll in ihrer Gänze von uns zu unserem Vorteil genutzt werden. Der Mensch kann mit der Natur machen, was er will. Und was er wollen soll, ist natürlich das Gute!” Damit ist auch Aristoteles erledigt, das Buch fährt mit der bahnbrechenden Erkenntnis fort, dass “das [das mit dem Guten] nicht immer klappt, ist auch schnell klar. Deswegen haben die griechischen Gelehrten auf der philosophischen Seite [sic] die Ethik erfunden.” Usf.

Das ist keine Parodie auf die philosophieschichtlichen Erkenntnisse eines unbedarften Schreiberlings, sondern verbrochen von jemanden, der angeblich auch Naturphilosophie an der Universität unterrichtet. Das wirklich Überraschende an diesem Buch ist die Tatsache, dass dieses unterirdische Niveau bis zum Schluss konsequent durchgehalten wird. Da werden alle möglichen (und unmöglichen) Fachleute zum Thema Anthropozän interviewt (die sich dann in betulichem Ton um die “Schöpfung” sorgen, Zeitungsartikel wiedergegeben oder semi-humoristische Texte von Kabarettisten (Dietmar Wischmeyer). Dabei wiederholen sich die Fragen und Antworten endlos und da eine beträchtliche Zahl der so Befragten einen christlichen Hintergrund haben (es kommt sogar irgendein evangelischer Bischof zu Wort, der sich sophistisch am Bibelwort “die Erde untertan zu machen” versucht – und natürlich zum Schluss kommt, dass das alles gar nicht so gemeint gewesen sei – was daran erinnert, dass die zahlreichen, vom lieben Gott in der Bibel geforderten Massenmorde, auch irgendwie – nach christlicher Lesweise – ungewollter Beifang sind).

Selbst wenn das Anliegen einer ökologisch agierenden, nachhaltigen Wirtschaft unterstützenswert erscheinen mag, die Umsetzung in diesem Buch changiert zwischen Lächerlichkeit und Peinlichkeit (die Wikipedia belehrt mich darüber, dass Lesch ein bekennender Protestant ist, was die zahlreichen Sonntagspredigten im Buch erklärt; andererseits bin ich über so viel Einfalt dann doch erstaunt: Für so beschränkt hätte ich ihn nicht gehalten). Dass es das Buch auf die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft hat, lässt nur zwei Rückschlüsse zu: Entweder ein hervorragendes Marketingkonzept oder eine sehr viel größere Zahl an unbedarften Lesern als ich ohnehin vermutet hätte. Ein plattes, banales Machwerk, dass eine Plattform bietet für allerlei dümmlich-religiöse Beiträge, die da nach der obligatorischen Technikkritik das Loblied des Bauchgefühls singen und weniger Vernunft fordern, “mit Herz und Gefühl die Zukunft meistern” wollen. Würde ich so nicht unterschreiben wollen, denn Mangel an Vernunft scheint es in der rezenten politischen Welt ohnehin genug zu geben. Bemerkung am Rande, aber sie scheint mir sehr gut zu diesem Buch zu passen: So wird der Einsatz von Greenpeace für chlorfreies Druckpapier gelobt – und gleichzeitige ist das 500seitige Elaborat durchgehend auf Hochglanzpapier gedruckt. Womit man es im Winter noch nicht mal nutzbringend verfeuern kann.


Harald Lesch, Klaus Klamphausen: Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän. München: Komplett-Media 2017.

Zum Hören:
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