Ferdinand Beneke: Die Tagebücher. II/5: Beilagen 1806 und 1807

Wenn der Wurm drin ist, ist der Wurm drin… Auch dieser Band der Abteilung II ist falsch etikettiert. Dieses Mal war man allerdings insofern konsequent, als dass sowohl das Schildchen auf dem Buchrücken falsch ist, wie dasjenige auf dem vorderen Buchdeckel. Innen stimmt es dann: Wir haben hier die Beilagen der Jahre 1806 und 1807 vor uns.

Anders als in den Beilagen der vorhergehenden drei Jahre, in denen wir vorwiegend Privates den Tagebüchern beigefügt fanden, sind die Jahre 1806 und 1807 nach außen gerichtet, politisch. Es ist die Zeit, in der sich Napoléon praktisch ganz Mitteleuropa untertan macht. Das geht auch an Hamburg nicht spurlos vorbei, und damit auch an Beneke nicht. Wohl finden wir das eine oder andere Exzerpt aus seiner Lektüre – Kosegarten seltsamer Weise, und natürlich der damals bei Beneke noch ubiquitäre Jean Paul.

Aber nun figurieren in Benekes Sammlung ganz prominent Zeitungsausschnitte mit politischen Proklamationen: Der preußische König, der gegen die französische Annexionspolitik und gegen Napoléon wettert – nur, um ein Jahr später die große und unverbrüchliche Freundschaft zwischen Preußen und Frankreich zu verkünden. (Gewisse Dinge ändern nie!) Der britische König, der gegen die von Frankreich in die Wege geleitete preußische Annexion Hannovers protestiert – wie es Beneke scheint, ohne größere Konsequenzen daraus zu ziehen. (Die Kämpfe gegen Napoléons Truppen auf der iberischen Halbinsel und zur See, auf die sich Großbritannien konzentrierte, hatte Beneke – und mit ihm wohl ganz Hamburg, ja ganz Deutschland – nicht auf dem Radar.) Auch Verkündigungen Napoléons werden von Beneke sorgsam beiseite gelegt.

Es ist die Zeit, in der Beneke „deutsch“ wird, ja teutsch, wie er es selber schreibt. Dementsprechend tritt der Briefwechsel mit dem Bremer Schulfreund und nunmehrigen Senator Johann Smidt in den Hintergrund. Der sucht nach wie vor das Heil in einer Revitalisierung der alten Hanse; Beneke sieht nach Preußens Niederlage gegen die französischen Truppen keine Chance, das etwas Kleineres als ein Zusammenschluss aller deutscher Staaten etwas gegen Napoléon unternehmen könnte. (Erst später, im in der Abteilung III geschilderten Exil, wird Beneke wieder hanseatisch denken.)

Mag sein, dass die Verschiebung der Prioritäten, was die Beilagen betrifft, auch damit zusammenhängt, dass Beneke in den Jahren 1806 bis 1807 „erwachsen“ geworden ist und deswegen Privates in den Hintergrund seines Interesses tritt, Öffentliches wichtiger wird. Vielleicht werden wir in den Beilagen zu den Jahren 1808 bis 1810 mehr erfahren.

Zum Hören:
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