Théophile Gautier: Mademoiselle de Maupin

Charles Baudelaire verehrte ihn, die beiden Goncourts waren mit ihm befreundet – heute ist er ein Unbekannter: Théophile Gautier, der von 1811 bis 1872 lebte. Mademoiselle de Maupin ist sein bekanntester Roman.

Formal handelt es sich um einen – nicht ganz durchgehaltenen – Briefroman: Die drei Protagonisten schreiben Briefe an ihre Freunde. Nie schreiben sie einander, ausser ganz am Ende; und auch die Freunde bleiben stumm – ihre Antworten erfährt der Leser nie. Ein oder zwei Kapitel erzählen im auktorialen Stil Ereignisse, die man selbst bei extremem Verbiegen der Form nicht in einem Brief unterbringen hätte können.

Äusserlich betrachtet, geht es in diesem Roman um eine Dreiecks-Beziehung, in der jeder mit jeder, jede mit jedem und jede mit jeder. Eifersucht kommt allerdings nicht auf; der Roman bezieht seine Spannung aus etwas anderem, also kann auch die Dreiecks-Beziehung nicht sein springender Punkt sein: Mademoiselle de Maupin, die namengebende Protagonistin des Romans, beschliesst, weil sie der Rolle der Frau im Balzverhalten der gehobenen Gesellschaft Frankreichs in der Mitte des 19. Jahrhunderts müde ist, auf (Eroberungs-)Reise zu gehen – als Mann verkleidet. Sie trifft dabei auf den jungen Edelmann D’Albert, der nach langem Suchen endlich die perfekte Geliebte gefunden hat – nur, um herauszufinden, dass auch diese perfekte Beziehung mit der Zeit schal und langweilig wird. Das androgyne Wesen, das Mademoiselle de Maupin jetzt darstellt, fasziniert ihn. Es ist der Roman eines Dandy auf der Suche nach dem perfekten ästhetischen (Liebes-)Ideal, eines Dandy, der dieses Ideal verwirklichen möchte. Wir sehen, warum Baudelaire und die Symbolisten in Gautier einen der Ihren sahen.

Man mag Gautier als Vorläufer des Symbolismus, des Ästhetizismus, betrachten, und bei Mademoiselle de Maupin lässt sich diese These auch verteidigen. Allerdings ist z.B. einem Mário de Sá-Carneiro, zwei Generationen später, in A Confissão de Lúcio ein bedeutend besserer Roman zum selben Thema gelungen. Das liegt zu einem schönen Teil daran, dass Gautier zu seiner Zeit gewisse Dinge nicht einmal anzudeuten wagte. So wird dem Leser prophylaktisch schon im voraus mitgeteilt, dass Mademoiselle de Maupin die Kleider gewechselt hat; so, dass dieser Leser in keinem Moment auch nur den Verdacht haben kann, D’Albert lasse sich da auf eine homosexuelle Beziehung ein. Wenn’s um Frauen geht, kann Gautier da schon mehr wagen. Nicht nur werden da auch schon mal Busen entblösst: Ganz zum Schluss wird – in einer auktoriellen Passage! – recht deutlich gemacht, dass nicht nur D’Albert und Mademoiselle de Maupin eine Nacht zusammen verbrachten, sondern dass die Mademoiselle und Rosette, D’Alberts Original-Geliebte, ebenfalls eine Nacht lang zusammen in einem Bett waren – und das nicht, um der Ruhe und des Schlafes zu pflegen.

Fazit: Gautiers Erotik wirkt heute ein wenig verklemmt. Die Story ist interessant, ohne mitreissend zu wirken. Aber Gautier verfügt über ein grosses rhethorisches Talent, das ich noch gar nicht erwähnt habe. Sein Vorwort zu Mademoiselle de Maupin gehört zum Besten dieser Gattung, das ich je gelesen habe.

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