Franz M. Wuketits: Naturkatastrophe Mensch

Der Titel dieses Buches ist reißerisch und vermittelt eine falsche Vorstellung: Denn es geht weniger um die “Naturkatastrophe Mensch” (obschon das letzte Kapitel dem gewidmet ist), sondern um das Fortschrittsdenken in der Geschichte bzw. im evolutionären Bereich. Wobei Wuketits die Ansicht vertritt, dass es gerade dieses Denken ist, dass uns zu vielen höchst fragwürdigen Entwicklungen geführt hat.

Eines der Probleme des Buch ist eine gewisse Begriffsungenauigkeit: Wuketits definiert nirgends, was er nun genau unter Fortschritt versteht, sondern weist nur immer wieder darauf hin, dass alle Teleologie, jedes historizistische Denken (ob es sich nun um religiöse Endzeitvorstellungen handelt oder die hegelsche Fleischwerdung des Weltgeistes) in Bezug auf die menschliche Entwicklung absolut falsch ist. Evolution ist zufallsbasiert und ziellos, es gibt keine Entwicklung hin auf einen bestimmten Endzustand, sondern bloß kontingente Mutationen, ebensolche interchromosomale Rekombinationen und den selektiven Einfluss der Umwelt, bei dem allerdings die Wechselwirkung mit den Lebewesen eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt. Die Feststellung bestimmter Tendenzen hat mit einem Ziel nichts zu tun: Etwa die zu einer größeren Autonomie und damit verbunden einer steigenden Flexibilität, die das Lebewesen von genetischer Programmierung unabhängiger macht bzw. die damit verbundene Ausbildung eines zentralen Steuerungssystems. Trotz der Tatsache dieser Entwicklung ist das entscheidende Kriterium immer das des Überlebens bzw. des Fortpflanzens. Und es scheint keineswegs gesichert, dass die Entstehung unseres Gehirns tatsächlich über längere Sicht einen Überlebensvorteil bedeutet: Im abschließenden Teil glaubt Wuketits diese Folgerung mit Nachdruck verneinen zu können.

Denn er hält das Gehirn für ein Beispiel eines hypertrophen Organs: Und wie bei anderen Hypertrophien (er erwähnt die Eckzähne des Säbelzahntigers oder die enormen Geweihgrößen von Riesenhirschen) beeinträchtigt diese zumeist das Überleben der Art (wie auch eine übermäßige Spezialisierung ein Risiko darstellt). Letzteres aber wird beim Menschen trotz seiner “rudimentären natürlichen Ausstattung” durch die vom Bewusstsein erzeugte Autonomie weitgehend kompensiert. Das Hauptproblem sieht Wuketits aber einfach darin, dass unser technisch-rationaler Fortschritt nicht mit einer emotionalen Reife einher geht: Ein Steinzeitmensch mit den Möglichkeiten der Atomtechnik. Typisch dafür sind kurzsichtige Verhaltensweisen, die uns etwa Entwicklungsprozesse exponentialer Art zwar durchschauen, aber nicht entsprechend handeln lassen (wobei – wie etwa bei der Klimaerwärmung – irreversible, möglicherweise auch rekursive Prozesse in Gang gesetzt werden, die wir nicht ansatzweise zu beherrschen in der Lage sind).

Der letzte Teil dient der Skizzierung des menschlichen Wahnsinns: Und obwohl Wuketits Poppers mahnende Worte zitiert, wo er vor dem “dauernden Versuch warnt, den jungen Menschen zu sagen, dass sie in einer schlechten Welt leben”, kann er sich vor einem solche allumfassenden Pessimismus nicht ganz bewahren. Er schreibt (zu Recht) von dem “Elend aller Utopien”, aber auch von einem unvermeidlichen Holocaust des Menschen, der Wachstumskatastrophe (Wachstum als Fetisch der Gesellschaft), von einer “Involution und Inflation des Wissens, der Normen und Gesetze” und einer Permanenz des Wahnsinns (wobei der Mensch seinen Neocortex nicht dazu einsetzt, statt der Menschen Ideen sterben zu lassen (Popper), sondern einzig nach gewaltsamen Lösungen sucht), sodass für eine einigermaßen gedeihliche Zukunft der Menschheit keine Hoffnung bleibt. Nun – vielleicht hat er Recht, mir aber will diese konstatierte Aussichtslosigkeit übertrieben und – vor allem – kontraproduktiv erscheinen. Wobei Wuketits neben dem Lebenstrieb auch auf den Freudschen Todestrieb rekurriert, der uns scheinbar zu diesem Verhalten treibt: Was ich für Nonsens halte (und die Existenz eines solchen Todestriebs bezweifeln will). Denn alle Destruktion, alle Gewalt und jeder Krieg sind sehr viel eher Ausdruck eines Willens zum Überleben, auch wenn der Weg der Gewalt (der in früheren Zeiten seine evolutionäre Berechtigung hatte) in unserer Zeit mit Sicherheit falsch und verderblich ist. Ich stimmte Wuketits durchaus in der Feststellung, dass uns zum Leben nur der Augenblick, das Hier und Jetzt bleibt (ohne die erwähnten Parusievorstellungen jedweder Provenienz), dass aber die konstatierte Gewissheit des Untergangs das Gewicht einer self-fulfilling prophecy darstellt. Auch wenn die politische Weltlage heute noch weniger Anlass zur Hoffnung gibt wie vor 20 Jahren (als das Buch entstand), bin ich nicht bereit, mich mit einem solchen Weltuntergangsszenario zufrieden zu geben. Denn mit Sicherheit kann man nur festestellen, dass uns Gewissheit nicht zur Verfügung steht.

Das Lesenswerte und Kluge dieses Buches besteht aber vor allem in der detaillierten Beschreibung der Evolutionsgeschichte, in der Zurückweisung teleologischer Denkweisen und den zahlreichen Beispielen für die kontingente Struktur der Evolution. Dass vor solchen Denkmustern auch große Naturwissenschaftler und Evolutionstheoretiker (wie Darwin selbst oder auch Haeckel) nicht gefeit waren, zeigt den enormen Einfluss des Denkens im platonischen Sinne: Eine ewige und ideale Welt steht einer tatsächlichen Welt gegenüber, die sich entwickelt, die prozessual ist und kein Ziel kennt, keinen Essentialismus. In diesen Kapiteln sieht man den Evolutionsbiologen am Werk, sie sind gelungen, eingängig und allein schon Anlass genug, das Buch zu lesen.


Franz M. Wuketits: Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne Fortschritt. Düsseldorf: Patmos 1998.

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