Sueton: The Twelve Caesars [dt.: Kaiserviten / OT: De vita Caesarum libri VIII]

(Je nach Übersetzer und Verlag lautet der deutsche Titel auch anders.)

Sueton liefert in den Kaiserviten die Lebensbeschreibungen der ersten zwölf römischen Kaiser von Julius Caesar bis und mit Domitian. Die zwölf Beschreibungen sind dabei von einander unabhängig; Sueton wiederholt in einer späteren Beschreibung durchaus Ereignisse, die er bereits beschrieben hat, wenn z.B. der nächste oder übernächste Kaiser (Adoptiv-)Sohn eines vorhergehenden war – was ja ziemlich oft vorkam. Es lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen, was er mit seinem Werk bezweckt hat,. Er wird zwar als ‘Historiograph’ apostrophiert, also als Geschichtsschreiber, aber ‘Biograf’ oder ‘Hofbiograf’ käme seiner Tätigkeit in den Kaiserviten näher, wenn es nicht so wäre, dass er an keinem der Zwölf ein gutes Haar lassen würde. Wir haben es schon bei Tacitus gesehen, und dasselbe gilt auch hier: Sueton war kein objektiver Autor, wollte es offenbar auch gar nicht sein. Im unterdessen Jahrhunderte alten Konflikt zwischen Senat und Alleinherrscher (Kaiser) nahm er wie sein Vorgänger die Partei des Senats. Nur so können wir gewisse Charakterisierungen (z.B. Claudius’ oder auch Domitians) verstehen. Nur so ist es verständlich, dass Sueton sich hinreissen lässt, auch Dinge zu berichten, die in einen Artikel zu setzen heute selbst der schamloseste Schmierenjournalist des schamlosesten Boulevardblattes sich weigern würde. Denn ‘Niveau’ ist das nicht immer, was Sueton liefert.

Auffallend ist auch, dass nicht jede Vita gleich lang ist, und die Länge einer Vita weder mit der Lebenslänge des besprochenen Kaisers, noch mit der Länge der Regierungszeit, noch mit irgendeiner subjektiven oder objektiven Wichtigkeit des jeweiligen Mannes zu tun hat. So füllen die Viten von Julius Caesar und Augustus zusammen praktisch ⅓ des gesamten Buchs; diejenige Caligulas ist nicht viel kürzer; und nach dem 6. Kaiser, Nero, haben wir bereits mehr als ⅔ des ganzen Buchs hinter uns. Fachleute wie Laien haben viel über die Gründe spekuliert. Lange herrschte die Meinung, dass er in der Entlassung Suetons aus kaiserlichen Diensten durch Hadrian zu suchen sei, die dem Autor nunmehr den Zugang zu den kaiserlichen und senatorischen Archiven verwehrte, und er sozusagen die restlichen Viten aus dem Daumen saugen musste. Heute ist man offenbar nicht mehr so sicher, dass Sueton für seine Kaiserviten die Archive tatsächlich in grossem Stil konsultiert hat, und man vermutet, dass es vielmehr die Tatsache war, dass Sueton mit einem andern, früheren (heute verschollenen) Werk bereits über die Epoche des Bürgerkriegs und der frühen Kaiser ‘gearbeitet’ hatte, er also, wenn nicht über Notizen, so über Einträge in seinem Kopf verfügte, die ihm bei der Abfassung zur Verfügung standen. Dass er bei den späteren Kaisern zusehends auf Augenzeugenberichte von Personen zurückgreift, die er selber gekannt hat (z.B. seinen Vater), muss das nicht widerlegen: Die Kaiserviten wurden erst ca. 120 u.Z. geschrieben – Caesar wurde schon 44 v.u.Z. ermordet: 150 Jahre alt wurde damals wie heute kein Mensch.


Noch ein Wort zu der von mir gelesenen Ausgabe: Wie der Titel des Aperçu schon zeigt, habe ich eine englische Übersetzung gelesen. Sie stammt von Robert Graves und ist zum ersten Mal 1957 bei Penguin erschienen. Graves wird in Deutschland konstant ‘von Ranke Graves’ genannt (seine Mutter war die Grossnichte des Historikers Leopold von Ranke), wohl um ihm und seinen Werken eine Aura der Wissenschaftlichkeit zu geben. Er war aber – wenn überhaupt – Literaturwissenschafter und verdiente seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller. Bekannt ist er für seine Beschäftigung mit der antiken Klassik; er hat u.a. zwei historische Romane über Claudius geschrieben oder eine Zusammenstellung der antiken Mythen herausgegeben.

Die Übersetzung von Sueton ist von ihm bewusst als Lesetext fürs breite Publikum verfasst. So gibt er im Vorwort zu, dass er Suetons Stil zu Gunsten einer einfacheren Lesbarkeit für seine Übersetzung missachtet hat. Ebenso bewusst hat er auf Fussnoten und Erklärungen verzichtet, ausser ein paar Einschüben, die er direkt im Text getätigt hat. Die römische Art der Zeitangabe nach den für dieses Jahr eingesetzten Konsuln hat er mit einer Angabe der Jahre nach unserer Zeitrechnung ergänzt, wofür ich ihm dankbar bin. Die römische Währung hat er durch ‘Goldstücke’ ersetzt, was irgendwie sinnlos ist: Ob ich nun lese, dass ein Bauwerk so und so viel ‘Sesterzen’ gekostet hat oder eine andere Summe an Goldstücken – ohne Wissen darum, was ein durchschnittlicher römischer Bürger für seinen täglichen, monatlichen oder jährlichen Lebensunterhalt brauchte, sind das für mich Zahlen ohne Relation. Bedauernswert ist es, dass Graves auf Kommentare verzichtet. Das macht vieles schwer verständlich, z.B. die Angaben über die Ämterlaufbahnen der Kaiser: Warum betont Sueton immer wieder, dass der Kaiser XY so und so viele Male Konsul gewesen ist? Aber sein Konsulat nur so und so lange inne gehabt hat und es dann freiwillig weitergegeben? Auch die politischen Spannungen zwischen Senatoren und Alleinherrscher müssten erklärt werden, weil man sonst gewisse Anspielungen nicht versteht. Ich würde deshalb jedem empfehlen, auf eine kommentierte Ausgabe zurück zu greifen – mit dem Risiko, dass es der Kommentare allzu viele werden. Das ist immer noch besser. Ich empfehledie 1955 bei Artemis in Zürich erschienene Ausgabe, die von André Lambert nicht nur übersetzt, sondern auch kommentiert wurde. Graves’ Ausgabe ist nur nett, wenn es einem einfach darum geht, die alten Skandalgeschichten noch einmal zu lesen.

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