E. O. Wilson: Die soziale Eroberung der Erde

Wilson kann als einer der Gründerväter der Soziobiologie gelten. Und ihm ist ein recht seltenes Kunststück (gemeinsam mit Bert Hölldobler) gelungen – nämlich ein entomologisches Fachbuch über Ameisen (The Ants) zu einem Bestseller zu machen.

Der Bezug zu den kleinen, staatenbildenden Tierchen fehlt auch in diesem Buch nicht: Gehören doch die Ameisen zu den wenigen Arten, die jene Arbeitsteilung, die in der Welt der Menschen einen nicht zu überschätzenden Anteil hat, für sich schon zuvor entdeckt haben. – Einleitend skizziert Wilson die Entwicklung vom Australopithecinen zum Homo sapiens – immer mit dem Hinweis, dass eines der entscheidenden Elemente in dieser Entwicklung die zur Eusozialität war (die also altruistische und kooperative Verhaltensweisen umfasste). Für eine solche Kooperation bedarf es der Kommunikation und der Fähigkeit, die Absichten des Gegenüber richtig einzuschätzen, Dinge, die einzig durch ein hochentwickeltes Gehirn möglich wurden.

Nach einer faszinierenden Darstellung dieser Entwicklung bei den Insekten (vom oben erwähnten Buch gibt es mittlerweile eine gekürzte, deutsche Fassung, die ich demnächst hier zu besprechen beabsichtige) kommt Wilson zu seinem ureigentlichen Anliegen: Der Zurückweisung der auf Verwandtschaft basierenden Genselektion (ursprünglich von Hamilton, später von Dawkins vertreten), die auf der Formel r * B > C (r ist der Verwandtschaftskoeffizient, der etwa zwischen Vater und Tochter 0,5 beträgt, B der Nutzen (benefit) und c die Kosten des Verhaltens) beruht. Wilson glaubt nachweisen zu können, dass die von ihm bevorzugte Gruppenselektion das altruistische Verhalten Einzelner in der Gemeinschaft sehr viel besser erklären kann als diese Kin-Selection. Er betrachtet etwa einen Ameisenstaat als den erweiterten Phänotyp der Königin (und zieht Vergleiche zwischen den Arbeiterinnen und dem Funktionieren einzelner Organe im Gesamtorganismus), die Selektion greift also an bei der Gruppe, dem “Superorganismus” und nicht beim Individuum an, das in Wilsons Theorie eher mit den Antikörpern eines Organismus verglichen werden kann.

Die Eusozialität wirkt – im Sinne der Gruppenselektion – beim Menschen stets auf zwei Ebenen: Auf der Individualebene sind die üblichen, egoistischen Mechanismen wirksam, während auf der Gruppenebene (allerdings nur innerhalb einer spezifischen Gruppe) das altruistische Verhaltensrepertoire wirksam wird. Nur deshalb konnten sich altruistische Gene durchsetzen: Weil sie beim Überlebenskampf Gruppe gegen Gruppe einen Überlebensvorteil bedeuteten. Die oben erwähnte – mathematisch dargestellte – Verwandtenselektion könne dies nicht wirklich erklären: Vor allem könnte sehr häufig der Grad der Verwandtschaft ebensowenig bestimmt werden wie der Nutzen und die Kosten eines Verhaltens. Immer ließen sich die Parameter so wählen, dass sie schließlich zum gewünschten Ergebnis führten, aber genau dadurch würden sie der Wissenschaftlichkeit entbehren. Dabei ist zu erwähnen, dass Wilson selbst bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts selbst ein Anhänger der Verwandtenselektion war.

Wilson gelingt es, diese seine Vorstellung der Selektion sehr plausibel darzustellen und kann viele rezente Verhaltensweisen des Menschen durch seine Theorie erklären (inwieweit er damit die Verwandtenselektion widerlegt, vermag ich nicht wirklich zu beurteilen: Dies ist zum Teil ein Streit zwischen mathematischen Modellen). So lassen sich die Begriffe der Moral oder Ehre mit seinem Ansatz sehr gut vereinbaren und er kann auch die Funktion der Religion (besser als etwa Dawkins in seinem “Gotteswahn”) als ein gruppenverbindendes Element kennzeichnen. Dabei ist er in seinem zusammenfassenden Ausblick in dieser Beziehung für einen US-Amerikaner von überraschender Klarheit: “Warum sind wir dann gut beraten, die Mythen und Götter der organisierten Religionen offen in Frage zu stellen? Weil sie verdummen und entzweien. Weil jede und jeder nur eine Version einer konkurrierenden Vielfalt von Szenarien ist, die eventuell wahr sein könnten. Weil sie die Ignoranz befördern, die Menschen davon abhält, die Probleme der realen Welt zu erkennen, und die sie häufig auf falsche Wege und in katastrophale Handlungen führt. Getreu ihrer biologischen Herkunft spornen die Religionen leidenschaftlich zum Altruismus zwischen ihren Mitgliedern an und weiten ihn auch systematisch auf Außenstehende aus, allerdings gewöhnlich verbunden mit dem Ziel der Bekehrung. Das Engagement für einen bestimmten Glauben ist per definitionem religiöse Engstirnigkeit.” Kein vorsichtiges Gerede von “man weiß nicht genau oder sicher” oder “den positiven Funktionen der Religion”, sondern eine nüchterne Analyse dessen, was Religion in einer evolutionär entstandenen Gruppe von Lebewesen bewirkt. Ihm ist die “Befreiung der Menschheit von den oppressiven Formen des Tribalismus” ein Anliegen, die unter anderem darin besteht, die Anmaßung aller irgendwie im Namen Gottes Sprechender zurückzuweisen. “Zu diesen Lieferanten für theologischen Narzissmus gehören Möchtegernpropheten, die Gründer religiöser Kulte, leidenschaftliche evangelikale Pastoren, Ayatollahs, Vorsteher der heiligen Moscheen, Großrabbiner, Rosch-Jeschiwas, der Dalai-Lama und der Papst.” Wobei er auch die dogmatischen politischen Ideologien (von rechts wie von links) zu diesen tribalistisch-religiösen Denkweisen zählt.

Ich schätze Bücher, deren Autoren ein fundiertes, wissenschaftliches Hintergrundwissen besitzen und die die biologischen Fundamente unseres Daseins stets im Fokus haben. Wilson ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass entomologisches Fachwissen sehr viel mehr zur Aufklärung der “ewigen Fragen” (wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen) beiträgt als versponnene philosophische Theorien, die weit abseits vom Leben von ewigem Geist und idealen Entitäten schwadronieren. Anregend, spannend und informativ (ohne in allem mit dem Autor einer Meinung zu sein) ist dieses Buch mehr als eine Empfehlung wert.


E. O. Wilson: Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen. München: Beck 2013.

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