Arno Schmidt in Hamburg (Ebendemselben zum 100.)

Nein, Arno Schmidt war nie in Hamburg.

Oh, sicher, er ist gestern vor 100 Jahren, am 18. Januar 1914, in Hamburg-Hamm zur Welt gekommen und dort zur Schule gegangen. Aber „war“ er deswegen „in Hamburg“, wie es der Titel der von Joachim Kersten als Edition der Arno Schmidt Stiftung 2011 bei Hoffmann und Campe herausgegebenen Broschüre suggeriert?

Jene Ecke von Hamburg-Hamm, in der Schmidt aufwuchs, war – zumindest zu seiner Zeit – vom Kleinbürgertum geprägt, dessen typischer Vertreter auch Schmidts Vater war, ein Polizist in niederen Chargen. Hamburg die Hanse-Stadt, die Grossstadt, hat Schmidt bestenfalls mal besucht. Aber selbst Hamburg-Hamm hat der kleine Arno ja nicht wirklich „erlebt“.  Er selber wird in dieser Broschüre einmal zitiert mit der Aussage, dass Kindheitserinnerungen immer nur „Inselerinnerungen“ seien, zeitlich wie örtlich eng begrenzte Ausschnitte aus der Realität abbilden: einen alten Walnussbaum, das Schulhaus …

Die Broschüre liefert viele Texte, von Arno Schmidt selber (v.a. aus Abend mit Goldrand), dann auch von seiner Mutter und seiner Schwester. Auch Klassenkameraden kommen zu Wort und seine Frau. Die Auswahl ist gelungen und liefert vor allem ein gutes Bild von Schmidts Zeit in Hamburg-Hamm. Wenn wir genauer hinsehen, reduziert sich Schmidts Bild von Hamburg auf die Wohnung seiner Eltern und die Schule, in die er ging. Kindheitserinnerungen, wie sie in dieser Form wohl so mancher Jahrgänger Schmidts ebenfalls gehabt hat, und wie sie so ähnlich auch die heutigen Kinder einmal haben werden. Schmidts Mutter, die in Hamburg nie heimisch geworden ist, hat mit den Kindern die Stadt nach des Vaters Tod fluchtartig in Richtung der eigenen Heimat, der Lausitz, verlassen, als Schmidt noch ein Teenager war. Und auch wenn Schmidt stolz darauf war, perfektes Plattdeutsch zu sprechen: Er hat Hamburg nur mehr als Tourist besucht, und da waren v.a. die Museen und Bibliotheken das Ziel seines Interesses. (Man lese hier die Tagebuch-Einträge der Frau Alice, ebenfalls in dieser Broschüre.) Nein, Arno Schmidt „war“ nie „in Hamburg“.

Die Broschüre bringt auf etwas mehr als 150 Seiten neben den Texten auch zeitgenössische Bilder – sowohl von Arno Schmidt wie von Hamburg bzw. Hamburg-Hamm. Sie ist auch insofern interessant, als dass sie einen für Arno Schmidt typischen Wesenszug aufzeigt: seine Besserwisserei. Kaum Texte seiner Mitschüler oder seiner Mutter oder Schwester, die er nicht kommentiert und korrigiert. Denn selbstverständlich weiss Schmidt die Vornamen der Lehrer ebenso besser wie andere Ereignisse aus seiner Kindheit. Und selbstverständlich war schon der Schüler Schmidt ein ausgezeichneter Mathematiker, der selbst die Lehrer korrigieren konnte.

Das schmale Büchlein ist eine interessante Bettlektüre für den Aficionado. Eine Einführung in Arno Schmidt ist es nicht, soll es auch nicht sein. Aber wir erfahren hier von den Wurzeln des Arno Schmidt, der in der neueren deutschen Literatur eine einzigartige Rolle eingenommen hat. Schmidt war Zeit seines Lebens der Kleinbürger aus Hamburg-Hamm, voller Ressentiments und Vorurteile sowohl gegenüber dem Grossbürgertum (man vergleiche seine Ausfälle gegen Goethe) wie gegenüber dem Arbeiter, typischerweise selbst gegenüber seiner eigenen Klasse, dem kleinen Angestellten, wie seine – von der Gattin Alice verlesene! – Polemik anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises 1973 beweist. Arno Schmidt, der Kleinbürger, war kein besserer oder verständnisvollerer Gatte, als es sein Vater gewesen war; ich weiss nicht, ob Arno Schmidt überhaupt die Emanzipation der Frauen wahrgenommen hat. Arno Schmidt ist der Provinzler, der sich auch deswegen in der Heide vergräbt, um die Änderungen in der Welt ignorieren zu können. Fast zwangsläufig muss sich so einer für grösser und besser halten, als er es tatsächlich ist.

Mit der Geburtstags-Eloge einen Tag zu spät zu kommen, hat den Vorteil, dass man alle anderen schon gelesen hat. Und sich wundern kann. Vorausgeschickt: Ich finde Schmidt ungeheuer faszinierend und habe die Werke seiner mittleren Periode gern gelesen. Zettels Traum aber habe ich bis heute weggelassen. Man wird nun vielleicht sagen, dass ich mir dann gar kein Urteil über den Autor erlauben dürfe. Dem sei, wie dem ist.

Schmidt ist m.M.n. auch literarisch der Provinzler, der sich in seine eigene Arbeit verbohrt, in seine eigene Arbeitsweise – ein manischer Manierist. An Joyce und Freud geschult (die ich beide ebenfalls für überschätzt halte) entwickelt Schmidt eine Etym-Theorie, der er sein ganzes spätes Schaffen unterwirft. So etwas ist auf kurze Dauer witzig, aber Schmidt übertreibt es. Und wenn ich einen wirklich innovativen, grossen Autor des 20. Jahrhunderts nennen sollte, würde ich – Kuno Raeber nominieren. Denn, wenn wir ehrlich sind: Schmidt „kann“ kaum Handlung, und wenn, dann kupfert er ebenso unverschämt ab, wie Wieland: bei Klopstock, bei Jules Verne, bei Karl May. Schmidt „kann“ ganz sicher nicht Charaktere. Er ist durch sein Ziselieren am Wort bedeutend näher am Lyriker, den er zu verachten vorgibt, als ihm das wohl recht gewesen wäre, wäre es ihm je zu Bewusstsein gekommen. Selbst sein Autodidaktizismus, auf den er – wie jeder echte Autodidakt – so stolz ist, passt besser zum Lyriker als zum Realisten, der er so gern wäre.

Für einmal propagiere ich die Homöopathie, denn Schmidt ist ein Autor, der in homöopathischen Dosen genossen, durchaus faszinieren kann. Aber Schmidt war nie in Hamburg; und auch auf dem literarischen Parnass hört man nur sein Schimpfen aus dem Vorzimmer Hamm.

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