Palladios “Vier Bücher zur Architektur”

Aus einfachen Verhältnissen stammend – sein Vater war Müller und die zweimaligen “von” in seinem Namen sind Herkunftsbezeichnungen, keine Adelsprädikate – erlernte Andrea di Pietro della Gondola (1508-1580) das Handwerk eines Steinmetz. Unter dem ihm beigelegten Künstlernamen “Palladio” schwang er sich weit über das Handwerkliche hinaus und wurde der erste grosse Künstler der Neuzeit, der sich nur als Architekt betätigte – anders also als z.B. der nur wenig ältere Michelangelo, der sich auch als Maler und Bildhauer betätigte. Palladio war vorwiegend in Vicenza und in Venedig tätig, wo noch heute seine Bauwerke stehen.

Sein theoretisches Vermächtnis sind Die vier Bücher zur Architektur von 1570. Darin legt er die Hauptpunkte dar, nach denen er sich in seinen eigenen Bauten richtete. Dazu gehören simple handwerkliche Tricks wie der, dass die Mauern der Obergeschosse dünner zu sein haben als die der untern, damit die untern das Gewicht der obern auch zu tragen vermöchten. Aber auch die Grund- und Aufrisse seiner eigenen Werke werden dargelegt. Palladio war ein grosser Verehrer der antiken römischen Baukunst, die er in Italien ja auch ständig vor Augen hatte. Zumindest gedanklich hat er so die eine oder andere Ruine wieder instand zu setzen versucht.

Daneben studierte er den grossen Architektur-Theoretiker der römischen Zeit ins Detail: Vitruvs Zehn Bücher über die Architektur. In seinem eigenen Werk, den Vier Büchern zur Architektur, folgt er ihnen bis in Details betr. der Reihenfolge der behandelten Themen. Palladio unterscheidet in Theorie und Praxis vor allem zwischen Sakral- und Privat-Gebäuden. Erstere benötigen einen grossen Versammlungsraum, der idealerweise rund ist. (Palladio macht allerdings kleinere Zugeständnisse an die Bedürfnisse der christlichen Priesterschaft, die gewisse zusätzliche Räume benötigt, um diverse zum Gottesdienst benötigten Geräte möglichst nahe am Versammlungsraum lagern zu können.) Seine Lieblinge sind aber offenbar Privat-Gebäude. Grosszügig bemessene Eingangshallen – in den oberen Stöcken dann Loggien – sind für ihn unabdingbar. Je nach Lage des Hauses – Stadthaus oder Landsitz – wird die Loggia auch mal auf der strassen-abgewandten Seite zu liegen kommen. Auch der Lichteinfall spielt eine Rolle; Palladio baut im und für den Süden, wo allzuviel Sonne nur stört.

Palladio berücksichtigt auch kleine Details: Den Ort, wo ein Haus aufgestellt werden soll ebenso, wie die Materialien, aus denen es bestehen soll, die Säulenarten und -ordnungen, die Zimmerhöhe und Anzahl Fenster, die Gewölbe, die Strassen und zum Schluss widmet er ein ganzes Buch den Tempeln. Palladio bespricht vorwiegend antike Tempel, die er zu rekonstruieren sucht, zumindest in Gedanken.

Interessanterweise verficht Palladio in seinem Werk die These, dass die Form der Funktion untergeordnet sein muss. Sein Lieblingsbeispiel sind dabei die gerade in Mode gekommenen, oben offenen Giebel, die für Palladio unsinnig sind, weil sie mit dieser Form die Funktion des Schutzes vor Regen, die ihre Daseinsberechtigung ausmacht, nicht mehr erfüllen können. Ich denke, die Neue Sachlichkeit eines Bauhauses hätte ihm gefallen.

Palladios Stil ist – wenigstens was seine Schreibe betrifft – einfach. Das Wichtige an seinem theoretischen Werk sind für ihn nicht die Worte, sondern die Zeichnungen, die er in Form von Holzschnitten seinem Text beigegeben hat. So vermitteln die Vier Bücher ein wenig den Eindruck, man sässe mit Palladio irgendwo zusammen – vielleicht in seinem Atelier, weil man ihm einen Bauauftrag erteilen möchte – und nun beginnt der Architekt zu erzählen, skizziert rasch diesen oder jenen Grundriss oder zeigt uns eine Detail-Ansicht eines Fassadenteils.

Die vier Bücher zur Architektur wurden in der Folgezeit äusserst einflussreich. Weniger in Palladios Heimat Italien allerdings, sondern interessanterweise im protestantischen bzw. anglikanischen Raum, sprich: Im England des 17. und 18. Jahrhunderts und in den sich auch politisch an der antiken Römischen Republik orientierenden USA der Gründerväter. Thomas Jefferson, der dritte US-amerikanische Präsident, sich im Alter auch als Architekt betätigte, gestaltete sowohl das Hauptgebäude ‘seiner’ University of Virginia in Palladios Stil und nach dessen Richtilinien, wie auch das Herrenhaus auf seinem eigenen Land- und Alterssitz, Monticello. (Er folgte Palladio sogar darin, dass er die Nebengebäude gut versteckte, so dass man sie von den hauptsächlichen Aufenthaltsräumen im Hauptgebäude nicht sehen konnte. Diese Nebengebäude waren bei Jefferson allerdings – anders als bei Palladio vorgesehen – nicht nur die Ställe für Pferde u.ä., sondern vor allem die Unterkünfte seiner Sklaven.)

Ein interessanter Blick aus der Sicht eines Profis auf bekannte und weniger bekannte Bauwerke der römischen Antike – und auf welche des Renaissance-Manierismus.

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2 Kommentare zu Palladios “Vier Bücher zur Architektur”

  1. Ron sagt:

    Endlich habe ich die Werke des Palladio erlangt, zwar nicht die Originalausgabe, die ich in Vicenza gesehen, deren Tafeln in Holz geschnitten sind, aber eine genaue Kopie (…).
    Bei Gelegenheit dieses Ankaufs betrat ich einen Buchladen, der in Italien ein ganz eigenes Ansehen hat. Alle Bücher stehen geheftet umher, und man findet den ganzen Tag über gute Gesellschaft. Was von Weltgeistlichen, Edelleuten, Künstlern einigermaßen mit der Literatur verwandt ist, geht hier auf und ab. Man verlangt ein Buch, schlägt nach, liest und unterhält sich, wie es kommen will. So fand ich etwa ein halb Dutzend beisammen, welche sämtlich, als ich nach den Werken des Palladio fragte, auf mich aufmerksam wurden. Indes der Herr des Ladens das Buch suchte, rühmten sie es und gaben mir Notiz von dem Originale und der Kopie, sie waren mit dem Werke selbst und dem Verdienst des Verfassers sehr wohl bekannt. Da sie mich für einen Architekten hielten, lobten sie mich, daß ich vor allen andern zu den Studien dieses Meisters schritte, er leiste zu Gebrauch und Anwendung mehr als Vitruv selbst, denn er habe die Alten und das Altertum gründlich studiert und es unsern Bedürfnissen näherzuführen gesucht. Ich unterhielt mich lange mit diesen freundlichen Männern, erfuhr noch einiges, die Denkwürdigkeiten der Stadt betreffend, und empfahl mich.” (Italienische Reise)

  2. Pingback: F. Th. Vischers „Aesthetik“ 3.1 (1851) | litteratur.ch

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