Émile Zola: Meine Reise nach Rom

Ende Oktober 1894 reist Émile Zola mit seiner Frau nach Rom, wo sie sich runde sechs Wochen aufhalten werden. Zola benutzt den Aufenthalt, um für seinen neuesten Roman zu recherchieren. (Es handelt sich um Rome. Dieser Roman gehört nicht zum Rougon-Macquart-Zyklus, sondern ist der Mittelteil einer Trilogie namens Trois villes und kaum bekannt. Hauptfigur des Romans ist der französische Priester Pierre Froment – von Zola in seinem Reisebericht nachgerade liebevoll mein Pierre genannt. Froment hat im ersten Band dieser Trilogie – Lourdes – eben dort Erfahrungen gesammelt mit dem Geschäftssinn und dem kalkuliert eingesetzten Illusionismus der katholischen Kirche. Sein Buch darüber ist auf dem Index gelandet, und Pierre begibt sich in Band 2 nach Rom, um zu versuchen, das Buch wieder loszueisen.)

1867 waren auch die Brüder Goncourt zu Recherche-Zwecken in Rom gewesen. Während aber bei ihnen dieser Besuch selbst in ihren Tagebüchern keine nennenswerten Spuren hinterlassen hat, ist das bei Zola mit seiner Reise nach Rom ganz anders. Zola beobachtet genau und notiert seine Beobachtungen fein säuberlich. Obwohl er auch Neapel und den Vesuv kurz besucht hat, steht in Meine Reise nach Rom letztere Stadt ganz im Mittelpunkt.

Rom begann 1894 seinem Status als Hauptstadt des Königreichs Italien gerecht zu werden. Verwaltung und Regierungsstellen, und natürlich auch der König, Umberto I., zogen nach und nach in Rom ein. Die Stadt boomte, ganze neue Quartiere wurden für die erwarteten Regierungs-Mitarbeiter aus dem Boden gestampft. Aus der relativ kleinen, mittelalterlichen Stadt, wie sie Goethe und Karl Philipp Moritz noch gekannt hatten, wurde eine moderne Grossstadt. Zola, der ja nicht als Tourist gekommen war, fuhr auch durch die neuen Viertel. Was er sah, war Schmutz und Armut: Die Bauherren hatten sich mit ihren neuen Gebäuden offenbar übernommen; viele Bauten blieben im Rohbau stecken, andere wiesen statt der geplanten fünf oft erst zwei Stockwerke auf. An der Stelle von solventen Mietern hatten sich arme Leute darin breit gemacht, die Wohnungen mit provisorischen Türen und Fensterläden versehen. (Man sieht: Hausbesetzungen sind keine Erfindung des 20. Jahrhunderts!) Doch Armut fand Zola auch in den Palazzi des Zentrums. Die alten Familien waren verarmt und mussten ihre Palazzi vermieten. Oft fand sich nun im Erdgeschoss ein Laden oder ein Handwerker mit seinem Geschäft; die oberen Stockwerke waren in Wohnungen unterteilt worden, der Besitzer des Palazzo lebte im zweiten Stock – dort, wo früher die Dienstboten untergebracht waren.

Zolas Ziel bei seiner Reise war es, ein Gespür für Rom und möglichst viel Informationen über den Papst und die Kurie zu erhalten. Die offizielle katholische Kirche hatte allerdings einen guten Riecher, worum es Zola ging. Niemand empfing ihn – Papst Leo XIII., den Zola so gern gesprochen hätte, schon gar nicht. Wurde der Kirchenkritiker Zola vom Vatikan geblockt, so hatte der Franzose Zola auch Hindernisse bei den Italienern zu überwinden. Zu lange und zu sehr hatte Frankreich die weltlichen territorialen Ansprüche des Kirchenstaats gestützt, als dass bei den Anhängern Italiens nicht Ressentiments und Vorbehalte gegenüber französischen Staatsbürgern vorhanden gewesen wären. Dennoch ist es erstaunlich, welch genaue Informationen sich Zola verschaffen konnte – sowohl darüber, wie es hinter den Kulissen bei der Indexierung einer Schrift vor sich ging, wie über die de facto nicht existierende Möglichkeit, dass eine Schrift wieder vom Index genommen werden könnte, und last but not least auch über den genauen Tagesablauf von Leo XIII. Politischer Höhepunkt seiner Reise war sicher, dass er von Umberto I. empfangen wurde, und seine Frau von der Königin. (Mein Pierre wurde übrigens, im Gegensatz zu seinem Erfinder, vom Papst empfangen – was an der Verdammung seiner Schrift aber nichts änderte.)

Daneben sind in der Reise nach Rom vor allem Zolas Schilderungen der Stadt zu rühmen. Nicht nur, dass Zola durch Roms Strassen fährt oder geht, und dabei notiert, dass auch mein Pierre zur selben Stunde hier entlang gehen müsse: Immer wieder sucht Zola Geländepunkte, von denen aus er die Stadt übersehen kann. Seine Aussichten beschreibt er ganz genau – und es ist nicht nur schön zu lesen, sondern auch interessant zu bemerken, wie der Naturalist Zola, wenn er Ansichten beschreibt, einerseits eine fotografische Präzision aufweist, und andererseits in der Beschreibung der Farben nachgerade zum Impressionisten wird.

Aber was mich wirklich begeistert hat, ist der Ausblick auf Sankt Peter von einer Eichenallee aus, die eine Mauer entlang führt. Sankt Peter erscheint da mit seiner gewaltigen Kuppel wie in einer Mulde zwischen zwei Anhöhen liegend. Links der Monte Mario, und zur Rechten ein Gefälle im Gelände, ein leicht abfallender Hang, der Rom verdeckt, so dass Sankt Peter nahezu allein dort erscheint, mit seiner wuchtigen Masse die wenigen Bauten niederdrückend, die er überragt, den Borgo, den Vatikan, alles was ihn umgibt. Man könnte denken, dass er aus einer Art Steinbruch, einer Gebäudeansammlung, hervorschießt. Gelbe und weiße Blöcke, bei klarer Sonne rostfarben. Die gewaltige Kuppel, von gräulicher Farbe. Die eigentümliche Wirkung, die davon ausgeht. Das Überwältigende dieser Erscheinung, wie die Kuppel die Häuser, sie sich unterjochend, niederdrückt. Weit hinten zieht die Campagna eine sehr feine bläuliche Fluchtlinie in den Raum. (S. 41f)


Émile Zola: Meine Reise nach Rom. Übersetzt von Helmut Moysich. Mit einem Nachwort von Hanns-Josef Ortheil. Mainz: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 2014.

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