Marvin Harris: Menschen

Harris versucht sich in diesem Buch mit einer umfassenden Darstellung des anthropologischen Wissens seiner Zeit. “Seiner Zeit”: Das sind hier die 70er und 80er Jahre. Die englische Erstausgabe erschien 1977, die deutsche 1992, tatsächlich muss das Buch in späteren Auflagen stark überarbeitet worden sein, da Erkenntnisse und Ereignisse bis zum Jahr 1988 in das Buch einfließen. Trotzdem war zu befürchten, dass vieles bereits überholt scheint, da nirgendwo die Halbwertszeit wissenschaftlicher Forschungsergebnisse geringer ist als in der Anthropologie.

Eine weitgehend unberechtigte Befürchtung. Das liegt an der kritisch-wissenschaftlichen Arbeitsweise von Harris, der als Begründer des Kulturmaterialismus gilt*. Anthropologie ist – abgesehen von der reinen “Knochenarbeit” – immer mit Spekulationen verbunden und häufig (wie hier bei Dunbar) ist man oft nur noch mit unhaltbaren Annahmen konfrontiert, die einzig dem Weltbild des Autors entsprechen (im verlinkten Buch weiß Dunbar z. B. genau, was und wie Neandertaler beim Lagerfeuer gedacht haben). Harris ist hingegen Materialist im besten Sinne: Dort, wo er spekuliert, tut er das explizit und mit Hinweis auf die Fragwürdigkeit der Schlussfolgerungen und stets sind seine Überlegungen davon geprägt, dass vermutete Verhaltensweisen in irgendeiner Form sinnvoll gewesen sein müssen für die Vor- und Frühmenschen. Es mag Zufälle geben, aber hinter den allermeisten kulturellen Ausprägungen stecken – oft unbewusste – Gründe: Ernährungsgewohnheiten, sexuelle Vorlieben, Kriege, matriarchale oder patriachale Strukturen – für all das gibt es plausible Erklärungen. Die Betonung liegt auf plausibel: Man hat nirgendwo den Eindruck, dass hier ein Ideologe seine Ansichten den frühen Menschen unterschieben will, sondern dass er stets um logische Begründungen, stringente Schlussfolgerungen bemüht ist.

Das macht dieses Buch zu einem wirklichen Lesegenuss, obschon es immer nur Häppchen sind, die Harris darbietet: Auf rund 500 Seiten wird alles irgendwie spezifisch Menschliche abgehandelt. Darunter sind Fragestellungen, denen sich später Diamond gewidmet hat (warum eroberte die erste Welt die zweite und welchen Einfluss hatte bei all dem die Geographie, Ökologie), Fragen nach der Entstehung von Religion, animistischem Denken oder nach dem Zweck von Homosexualität bzw. dem Geschlechterverhältnis. Das alles wird – neben dem enormen Sachwissen, das Harris besitzt – auf eminent kluge und durchdachte Weise analysiert, die die Aussagen vieler in den letzten 30 Jahren publizierten Studien vorwegnimmt. Diese Kombination aus Vorsicht und Klugheit, aus Zurückhaltung und explizit ausgewiesener Spekulation macht das Buch auch nach so vielen Jahren ausnehmend lesbar und überraschend aktuell. Nur zu empfehlen.


*) Darunter ist ein auf geographischen, ökologischen und evolutionären Gesichtspunkten beruhender Forschungsansatz zu verstehen, der materiellen Voraussetzungen Priorität einräumt. Jared Diamonds Arbeiten wirken zu einem Gutteil wie eine Fortsetzung dieses Ansatzes, in vielem (außer in Bezug auf Nahrungsgewohnheiten) hat er die Ideen Harris’ ausführlicher dargestellt.


Marvin Harris: Menschen. Wie wir wurden, was wir sind. München: DTV 1997.

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