Gottfried Keller: Kleider machen Leute

Seldwyla heisst eine fiktive Kleinstadt im Schweizer Mittelland, die sich Gottfried Keller als Handlungsort für eine Reihe von Novellen erdacht hat – Die Leute von Seldwyla. Die Fachwelt ist sich, glaube ich, dahingehend einig, dass das Vorbild für Seldwyla Kellers Heimatstadt Zürich gewesen ist. Zürich, die Stadt, in der er 1819 geboren wurde. Zürich, die Stadt, in der er 1890 auch starb. Lange Jahre galt Keller in seiner Heimatstadt als Taugenichts. Erst seine Berufung zum Ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich und sein zunehmender Ruhm als Schriftsteller änderten das. Kein Wunder, persiflierte er mit seinen Seldwyler Geschichten Land und Leute von Zürich. – Wobei: Den zweiten Band der Leute von Seldwyla schrieb Keller, als er bereits seit Jahren wohlbestallter Staatsschreiber war…

Kleider machen Leute gehört in eben diesen zweiten Band. Zusammen mit Romeo und Julia auf dem Dorfe handelt es sich bei Kleider machen Leute um den vielleicht bekanntesten und meist gelesenen Text Kellers.

Keller wäre nicht ein bis heute berühmter Autor, wenn seine Geschichten sich nicht dadurch auszeichneten, dass sie mehrere Ebenen aufweisen. So auch Kleider machen Leute. Auf den ersten Blick wirkt die Novelle wie eine Art modernes Märchen: Der arme, kleine Schneider erobert die Prinzessin gegen alle äusseren Widerstände. Doch wo der Schneider im Märchen ein pfiffiger Geselle ist, ist Kellers Schneider eher blöd (im alten Sinn des Wortes) und bleibt über weite Strecken der Novelle einfach passiv. Er agiert nicht, er reagiert nur auf das, was ihm von aussen angetragen wird. Das hindert ihn allerdings nicht daran, sehr egoistisch zu denken und zu handeln.

Überhaupt ist ‘Egoismus’ eines der wichtigen Stichworte zu dieser Novelle. Alle, nicht nur die Seldwyler, werden von ihrem Egoismus regiert. Kellers Menschenbild ist offenbar sehr von Thomas Hobbes‘ Krieg aller gegen alle beeinflusst. Es ist Strapinskis (so heisst der Schneider) Egoismus, der ihn in erster Linie veranlasst, Seldwyla zu verlassen, weil sein Arbeitgeber Bankrott gemacht hat – ein unter Seldwylern nicht ungewöhliches Phänomen, wie der auktoriale Erzähler süffisant anmerkt. Es ist sein Egoismus, der Strapinski veranlasst, die Verwechslung mit einem polnischen Grafien, die ihm in der Nachbarstadt Goldach widerfährt, unwidersprochen hinzunehmen – kriegt er doch so warmes Essen und ein warmes Bett umsonst. Und Geld hat er sowieso keines. Es ist Egoismus, der den jungen Goldacher Melcher Böhni veranlasst, der Verwechslung ruhig zuzusehen. Wenn die alten, etablierten Herren der Stadt ein bisschen Geld an den Schneider (als den er ihn an seinen zerstochenen Fingern erkennt) verlieren, kann das dem um seine Etablierung noch Ringenden nur recht sein. Erst als Strapinski ihm die Frau wegzunehmen droht, die er sich ausgesucht hatte, intrigiert er offen gegen ihn und verbündet sich mit den Seldwylern, die dem abtrünnigen Schneider seine Desertion nicht verzeihen wollen. Als es sich aber herausstellt, dass Nettchen zu Strapinski hält, ihm auch ein nicht unbeträchtliches Erbe von Mutterseite in die Ehe bringen wird, schlägt die Meinung der Seldwyler um. Sie beschützen das Pärchen, das Zuflucht in einem Seldwyler Hotel gesucht hat, und beinahe, so der Erzähler einmal mehr süffisant, hätte sich der trojanische Krieg wiederholt. Nettchen allerdings gelingt es, die Wogen zu glätten. Das Pärchen heiratet und verbringt die ersten zehn oder zwölf Jahre seiner Ehe in Seldwyla. Strapinski wird zum großen Marchand-Tailleur und Tuchherr, bevor er dann sein Vermögen, Frau und Kind einpackt und nach Goldach geht.

Eine einzige Figur in diesem Spiel ist nicht (nur) von egoistischen Motiven getrieben: Nettchen. Kellers Frauenfiguren sind wahrscheinlich schon zehntausende von Malen in der Fachliteratur untersucht worden. Auch Nettchen gehört zu diesen marien- oder engelsgleichen Gestalten, die bei aller äusserlichen Sanftheit die Männerwelt durchschauen und mit List und Liebe regieren.

Gottfried Keller: Bis heute äusserst lesenswert.

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