Thomas Hobbes: Leviathan

Homo homini lupus – diesen auf Plautus’ lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit [Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt] zurückgehenden Satz zitiert Thomas Hobbes in seinem Leviathan bekanntlich nicht. Aber er ist die Grundlage seines politischen Denkens. Im Leviathan führt Hobbes das Konzept sehr unaufgeregt, fast nebenbei, ein.

Thomas Hobbes ist Rationalist, das bedeutet auch, dass er ab ovo deduziert. Bevor er zum Staat kommt, definiert er den staatsbildenden Körper, den Menschen. Und um den Menschen definieren zu können, muss er zuerst die Art und Weise definieren, wie der Mensch seine Umwelt erkennt. Dabei entpuppt sich Hobbes als Empirist. Nur, was die Sinne uns mitteilen, existiert. Vom Menschen und seiner Erkenntnis geht Hobbes über zum Commonwealth (wie er den Staat durchgehend nennt), vom Commonwealth im Allgemeinen zum christlichen Commonwealth, von daher zu dessen Gegensatz, dem Reich der Finsternis (d.i., der katholischen Kirche, deren Leiter, der Papst, den Anspruch erhob, noch über jedem einzelstaatlichen Souverän zu stehen – sowohl der Anglikaner wie der Staatstheoretiker Hobbes protestierten dagegen). Obwohl Thomas Hobbes sich zu Beginn noch gegen jede scholastische Form der Erkenntnistheorie wendet – in den apologetischen Kapiteln zum christlichen Commonwealth und zum Reich der Finsternis kann auch er nicht anders, als scholastisch aus der Bibel zu argumentieren und zu deduzieren.

Nachdem die Grundlagen seiner Abhandlung, der Mensch und der Staat, einmal definiert sind, geht Hobbes völlig rational, ja mathematisch zu Gange. Der Mensch ist für ihn nicht mehr als eine Rechenfigur, eine Ziffer. Psychologische Finessen oder Probleme kümmern ihn nicht. Zusammen mit dem Ausgangspunkt des homo homini lupus macht das diesen Text zu einer recht brutalen Angelegenheit.

Der Mensch ist auf der Suche nach Schutz vor dem andern Menschen. Zu diesem Zweck setzen sich ein paar zusammen und bilden über einen Vertrag ein staatsähnliches Gebilde, den Leviathan. (Rousseau war ja keineswegs der erste mit der Idee eines Gesellschaftsvertrags.) Das Wichtige am Leviathan ist für Hobbes weniger der furchterregende Aspekt, auf den das Buch Hiob so grossen Wert legt, sondern der unerschütterliche und unverbrüchliche Zusammenhang seiner Teile:

Die Gliedmaßen seines Fleisches hangen aneinander und halten hart an ihm, daß er nicht zerfallen kann. (Hiob 41, 23)

Denn dies ist für Hobbes zentral: Wer sich einmal einem Staat angeschlossen hat, wer einmal einen Gesellschaftsvertrag unterschrieben hat, hat damit praktisch alle seine Rechte weggegeben. Einmal Glied eines Staates, darf ich allenfalls noch in Notwehr mich gegen Übergriffe eines andern verteidigen – ich darf aber nicht einmal mehr einem andern in Not zu Hilfe kommen, weil das nun Aufgabe des Staates ist, eine Aufgabe, in die ich nicht eingreifen darf. Und wenn der Staat Sanktionen gegen mich verhängt, habe ich auch dem Staat gegenüber das Recht auf Verteidigung verloren. Der Staat hat de facto eine absolutistische Gewalt erhalten, und dabei spielt es keine Rolle, ob das Staatsoberhaupt nun ein Einzelner ist (Monarchie), eine ausgewählte Gruppe (Aristokratie) oder gar eine Versammlung der Bürger (Demokratie). Hobbes neigt dazu, die Monarchie als beste dieser drei schon im Altertum bekannten Regierungsformen zu betrachten, aber er hält ganz klar fest, dass die einmal gewählte Form nicht mehr geändert werden darf.

Natürlich ist hierin ein starkes biografisches Element verankert: Thomas Hobbes hat den Bürgerkrieg zwischen Parlament und Krone, der 1642 ausbrach, hautnah miterlebt – er musste schon 1641 ins französische Exil fliehen, weil er sich in einer anonymen Flugschrift für den König Charles I. eingesetzt hatte.

Hobbes’ Staat ähnelt in seiner Struktur eine Söldnerbande oder auch einer mafiösen Gesellschaft. Ich unterstelle mich diesem Capo dieser Organisation freiwillig, aber wenn ich mich einmal unterstellt habe, gibt es kein Zurück mehr. Ich darf mich nicht mehr ausklinken, ich darf schon gar nicht den Capo wechseln. Rebellion gegen den Capo ist die höchste Sünde, die die Organisation kennt. Hobbes’ Bild ist ahistorisch – er geht nirgends darauf ein, warum meine Kinder, die zur Zeit meines Eintritts in diesen Söldner-Staat vielleicht noch gar nicht geboren sind, ebenfalls an meine Vertragsschliessung gebunden sein sollen. Wohl kann der König seine Autorität an seinen Sohn weitergeben, er muss es sogar, denn in der obersten staatlichen Autorität darf es nie einen Bruch geben – aber weshalb die Kinder der ersten Vertragspartner den Vertrag ebenfalls übernehmen sollten und nicht neu über einen neuen Vertrag beschliessen dürfen, wird nicht klar und ist nur aus Hobbes’ Angst vor anarchischen Verhältnissen zu begründen. Es sollte auch noch rund 150 Jahre dauern, bis in Frankreich die Allgemeinen Menschenrechte erfunden werden sollten.

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