Svetlana A. Aleksievic: Tschernobyl

Wie schon bei Secondhand-Zeit und Zinkjungen gelingt Alexijewitsch auch in diesem Buch eine höchst eindrucksvolle Dokumentation: Tschernobyl hat wie sonst nur der Afghanistan-Krieg zum Untergang der Sowjetunion beigetragen und es war in all seinen Auswirkungen symptomatisch für den Niedergang einer Großmacht. Wieder sind es die Originalzeugnisse der Betroffenen, ihre Authentizität, die zutiefst berühren, unabhängig davon, ob nun überzeugte Kommunisten (die das Desaster noch verteidigen oder tatsächlich einen imperialistischen Anschlag hinter dem Super-GAU vermuten) oder einfache Betroffene zu Wort kommen.

Der 26. April 1986 wird auf immer ein geschichtsträchtiges Datum bleiben, ein Datum, das auch in nicht (oder kaum) betroffenen Ländern ein Um-, zumindest aber ein Nachdenken ausgelöst hat. Für die Sowjetunion selbst war es ein Un-Denkbares: Man hatte Einsatzpläne, wie bei einem möglichen Atomangriff des Westens die Bevölkerung informiert und evakuiert werden sollte, ein ziviles Unglück dieses Ausmaßes war hingegen außerhalb jeder Vorstellungskraft. Der ungeheure Dilettantismus eines völlig unfähigen und korrupten Staates, der die Stimmen von einigen, ganz wenigen Wissenschaftlern (die meisten waren gegen besseres Wissen und Gewissen bereit, die Vorkommnisse zu vertuschen) ignorierte und tage- und wochenlang mit den Evakuierungen zuwartete, ist schier unbegreiflich: Die Bevölkerung wurde bewusst nicht informiert (um Panik zu vermeiden oder die so wichtigen Feierlichkeiten zum 1. Mai nicht zu gefährden), Kinder spielten im Freien (und waren nach wenigen Stunden lebender Sondermüll), die “Liquidatoren” arbeiteten mit völlig unzulänglicher Ausrüstung, sie wurden mit Bonuszahlungen und Sowjetorden belohnt, um samt und sonders schon bald elendiglich zu krepieren.

Aber sie funktionierten, sie waren “Sowjetmenschen” (wie sie sich auch selbst bezeichneten), eine Weigerung nicht eigentlich möglich – und wurde von den meisten nicht einmal in Erwägung gezogen. Man gehorchte, weil die Obrigkeit befahl, man sah die Armee in das verseuchte Gebiet einrücken und war beruhigt (was könne denn noch groß passieren, wenn die Rote Armee hier sei), man vertraute auf den allmächtigen Staat ohne im mindesten zu ahnen, das dieser zum einen Teil völlig überfordert, zum anderen aber auch total korrupt war (das einzige, das in diesen Tagen funktionierte, war der Geheimdienst: So berichten die wenigen Physiker, die sich um geeignete Maßnahmen bemühten, übereinstimmend von der Unmöglichkeit, das Wort “Haverie” in einem Telefongespräch nur zu erwähnen, ohne das nicht sofort die Verbindung abgebrochen wäre). Obwohl es etwa möglich gewesen wäre, den Großteil der Bevölkerung mit Jod zu versorgen (das für den Kriegsfall vorgesehen war), wurden die Depots nicht geöffnet: Nur keine Panik, nur nicht den Anschein erwecken, dass der Staat die Dinge nicht völlig unter Kontrolle habe. Wobei die wirklich Mächtigen sehr wohl wussten, was da geschehen war: Denn sie setzten sich diesem Wahnsinn nicht aus, sorgten dafür, dass betroffene Familienmitglieder evakuiert wurden, eine entsprechende medizinische Versorgung bekamen, ließen Straßen vor einem Besuch asphaltieren, um Kontakt mit kontaminiertem Staub zu vermeiden.

Das alles liest sich so ungeheuerlich, fast unglaubwürdig: Es ist die Diskrepanz zwischen der naiv gläubigen Landbevölkerung und einer Hochtechnologie, deren Folgen nicht in Ansätzen verstanden wird. Man wird umgesiedelt, nimmt aber Gemüse, Obst mit, holt noch die letzten Schnapsvorräte aus dem Keller (um die es ja schade wäre), obwohl die Verstrahlung der Lebensmittel so hoch ist, dass die Geräte sie nicht einmal mehr anzeigen können (oft gar nicht mehr funktionieren), man glaubt den Versicherungen der Obrigkeit, dass die Rückkehr in einigen Wochen möglich sei oder kommt schließlich heimlich in das Sperrgebiet: Um dort zu leben oder verstrahltes Arbeitsgerät, Konsumgüter aus der Zone zu holen, um es später auf einem Markt zu verkaufen (angeblich ist auf diese Weise so gut wie alles irgendwie Verwertbare aus der Umgebung von Tschernobyl wieder in Umlauf gekommen). Man glaubt dem Staat, dem Kreisvorsitzenden, der Partei, man ist nicht erzogen zu einem irgendwie gearteten Zweifel, man nimmt alles fatalistisch hin. Eine Ärztin beschimpft eine andere als Verräterin: Weil sie ihre Kinder aus der verseuchten Zone wegbringt, weil sie dadurch den kommunistischen Staat untergräbt. Der Einzelne zählt nicht, man kalkuliert wie selbstverständlich von seiten des Staates mit einer Anzahl Toten, setzt die verträgliche Strahlendosis um den Faktor 50 hinauf und erklärt schließlich das Schicksal der Betroffenen zur Geheimsache (so gibt es nach wie vor keine wirklich valide Opferzahl).

Die Autorin beschreibt jene Einzelschicksale, die im großen Kollektiv bedeutungslos sind, waren: Und verleiht dadurch den Opfern eine Stimme. Kinder, erst nach dem Unfall geboren, die über das Sterben ihrer kleinen Mitpatienten berichten – wissend, dass ihnen bald das gleiche widerfahren wird, die Frau, die den zerfallenden Körper ihres Ehemannes noch bis zum bitteren Ende pflegt, eine andere, die sich in die Intensivstation stiehlt, um ihren Mann noch einmal zu umarmen (was tödlich sein hätte können), ein Kind, das ohne Körperöffnungen zur Welt kommt, entgegen jeder Erwartung weiterlebt und dessen Mutter hofft, dass sich wenigstens im Westen irgendwer für die medizinische Sensation interessiert. Hunderte, Tausende, Zehntausende Schicksale, von denen niemand Notiz nimmt, dazu eine Landschaft, die auf tausende Jahre hinaus unbewohnbar ist. Einige wenige Rückkehrer sind dort, alte Menschen, entflohene Sträflinge. Partielle Apokalypse, die von der unheiligen Verbindung von absoluter Macht und Technik zeugt. “Eine Chronik der Zukunft” – so der Untertitel des Buches, eine Warnung vor Ignoranz und Gleichgültigkeit.


Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl. Berlin: Berlin-Verlag 2006.

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