Richard Wrangham: Feuer fangen

Ich mag Wranghams Denken, seine Schreibweise und habe sein neuestes Buch vor kurzem gelobt. Der Grund für dieses Mögen liegt in seiner dezidiert wissenschaftlichen Herangehensweise an Probleme: Er vermutet allüberall Ursachen, sucht diesen auf den Grund zu kommen – und er bedient sich dabei einer konzisen, verständlichen Schreibweise. Hypothetisches wird als solches gekennzeichnet und nirgendwo…

Arthur C. Clarke: Rendezvous with Rama

Bei meiner Vorstellung von John Wyndhams The Day of the Triffids habe ich schon einmal davon gesprochen, dass sich noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die europäische Science Fiction grundlegend von der US-amerikanischen unterschied. Das gilt sogar, ja besonders, für die britischen Autoren. Das gilt sogar, ja besonders, für den US-amerikanischsten aller britischen Autoren:…

Ernst Toller: Prosa / Briefe / Dramen / Gedichte

Im Oktober 1961 erschien diese Auswahl aus den Texten Ernst Tollers beim Rowohlt-Verlag, ohne Ortsangabe. Sie war Teil einer Reihe namens Rowohlt Paperback, genauer gesagt deren N° 1 (was aber nur aus einer kleinen Nummer auf dem Buchrücken ersichtlich ist). Ein bisschen größer als der Standard der rororo-Taschenbücher, in etwa Oktav. Es zeichnet kein Herausgeber…

Thomas S. Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions [Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen]

Kuhns Text The Structure of Scientific Revolutions erschien erstmals 1962 als Monografie in der International Encyclopedia of Unified Scienc von Neurath, Carnap und Morris. Eine Buchserie, die – wie der Titel schon sagt – versuchte, in der Gefolgschaft von Bacon, Llull, Descartes oder Leibniz abermals eine „Einheitswissenschaft“ zu definieren. Das erklärt die allgemeine Tendenz des…

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich [Louis Soutter, probablement]

Louis Soutter existierte wirklich, nicht nur sehr wahrscheinlich. (Im französischen Original heißt es nur „wahrscheinlich“ (probablement); ich vermute, dass die Übersetzerin, Yla M. von Dach, das Wörtchen „sehr“ eingefügt hat, um den Rhythmus des Französischen beizubehalten – was mich in Bezug auf die sehr melodiöse Sprache dieses biografischen Romans beruhigt: Sie stammt offenbar vom Autor…

Annemarie Schwarzenbach: Orientreisen. Reportagen aus der Fremde

»Unser Leben gleicht der Reise …«, und so scheint mir die Reise weniger ein Abenteuer und Ausflug in ungewöhnliche Bereiche zu sein, als vielmehr ein konzentrierte Abbild unserer Existenz: ansässig in einer Stadt, Bürger eines Landes, einem Stand oder Gesellschaftskreis verpflichtet, einer Familie und Sippe zugehörig, und verwachsen mit den Pflichten eines Berufs, den Gewohnheiten…

Olga Tokarczuk: Taghaus Nachthaus

Die Autorin war mir vor der Verleihung des Nobelpreises gänzlich unbekannt (aber das will nichts besagen). Und eigentlich wollte ich – wie Sandhofer – mit den Jakobsbüchern beginnen, habe aber dann aufgrund der Umfänglichkeit derselben davon abgesehen. So also “Taghaus Nachthaus”, ein Titel, der mir bis zum Schluss einigermaßen rätselhaft blieb, der vielleicht eine Anspielung…

Stanisław Lem: Sterntagebücher

Lem für Neu-Einsteiger… Tatsächlich würde ich, wenn mich jemand fragte, mit welchem Buch er oder sie in das riesige Universum der Lem’schen Schriften einsteigen solle, ohne zu zögern die Sterntagebücher des Ijon Tichy empfehlen. (Es hat mich nur bisher noch niemand gefragt.) Ich halte Lem nicht nur für den witzigsten Autor von Science Fiction, sondern…

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

Huxleys Roman ist – neben Orwells 1984 – die wohl berühmteste Dystopie der Literaturgeschichte. Kein Überwachungsstaat wie bei Orwell, sondern ein Konsumparadies lächelnder, kopulierender, weitgehend wunschloser Menschen, die für jede Unannehmlichkeit eine chemische Lösung namens “Soma” besitzen, kleinen Superantidepressiva ohne morgendlichem Kater oder Entzugserscheinungen. Die Menschen werden schon vor ihrer Geburt genormt, die Embryos in…

Francis Bacon: Neu-Atlantis

Als letzte Staatsutopie figuriert in meinem Rowohlt-Sammelband Neu-Atlantis des englischen Juristen und Staatsmanns Francis Bacon. „Jurist und Staatsmann“: Das klingt, als würde hier einer schreiben, der die Materie, ebenso wie Morus, aus dem ff kennt. Dennoch halte ich die Klassifizierung von Neu-Atlantis als Staatsutopie für zweifelhaft. Sie kann zumindest nicht ohne Interpretationen und Interpolationen des…