Francis Bacon: Neu-Atlantis

Als letzte Staatsutopie figuriert in meinem Rowohlt-Sammelband Neu-Atlantis des englischen Juristen und Staatsmanns Francis Bacon. „Jurist und Staatsmann“: Das klingt, als würde hier einer schreiben, der die Materie, ebenso wie Morus, aus dem ff kennt. Dennoch halte ich die Klassifizierung von Neu-Atlantis als Staatsutopie für zweifelhaft. Sie kann zumindest nicht ohne Interpretationen und Interpolationen des Textes aufrecht erhalten werden. Der Text lädt allerdings nachgerade zu solchen Interpolationen ein, ist er doch Fragment geblieben. William Rawley, der Herausgeber der ersten, postumen Ausgabe von 1638, gibt schon den Startschuss zu diesen Interpolationen, denn er begründet den Abbruch des Werks wie folgt:

Der Verfasser hatte übrigens im Sinne, in dieser Fabel ein Buch über die Gesetze oder über die beste Staatsverfassung zu schreiben. Aber da dieses Werk zu lang zu werden drohte, setzte er, um nicht an der Arbeit an seiner Naturgeschichte und der Fortführung der anderen Teile der ‹Großen Unterweisung›, die er für weit wichtiger hielt, gehindert zu werden, hier den Punkt.

Die Wissenschaftsgeschichte mag es Bacon danken, die Literaturgeschichte und die Geschichte des politischen Denkens muss es bedauern. Was wir auf diese Weise erhalten haben, ist eher ein frühes Beispiel einer Science-Fiction-Story, als eine wirkliche Staatsutopie.

Dabei fällt im Vergleich mit anderen utopischen Entwürfen des Humanismus bei Bacon sofort der große gestalterische Wille und auch die entsprechende Kraft auf. Dass utopische Staatsentwürfe in einen fiktiven Rahmen gestellt werden, war im 16. und 17. Jahrhundert alleine schon durch den Selbsterhaltungstrieb des Autors vorgegeben. Wehe, man hätte eine ‘nackte’ politische Abhandlung geschrieben, in der eine andere Staatsform gelobt wurde, als die, in der man sich als Autor oder Verleger gerade befand! Ein Verbot durch die allgegenwärtige Zensur wäre das mindeste Schicksal gewesen, das Werk und Autor zu gegenwärtigen hatten. Also war eine Einkleidung in literarische Form opportun, ja obligatorisch. Nicht jeder Autor war aber hierin gleich geschickt. Thomas Morus ummantelt seine Erzählung von Utopia gerade noch so, dass man das Werk als Roman klassifizieren kann – mit einer Rahmenerzählung mit echten Personen, die auch echt wirken, und einer Binnenerzählung, die einer fiktiven Person zugeordnet wird, bei der nachzufragen der ‘echte’ Thomas Morus im Moment gerade vergisst, und die dann verschwunden ist. Die Imitation eines platonischen Dialogs bei Tommaso Campanella ist hingegen literarisch bar jeden Könnens gestaltet. Bacon seinerseits läuft literarisch zu Hochform auf. Das beginnt schon damit, dass er nicht den im Zusammenhang von Staatsutopien unterdessen ausgelutschten platonischen Dialog als Rahmen wählt, sonder die gerade in Mode kommende Reiseerzählung. So erzählt er denn in der Ich-Form von einer Reise in der Südsee. Widrige Winde und Erkrankungen in der Crew zwingen das Schiff, mit dem der Erzähler unterwegs ist, an einer unbekannten Insel anzulegen. Das hatte, wie Thomas Morus’ Rahmenerzählung, einen Geschmack von Wahrheit oder zumindest Wahrscheinlichkeit. Diese Segelfahrten gab es, jede Menge unentdeckter Inseln in der Südsee auch. Nur ist bei Bacon diese Insel nicht von nackten Wilden bewohnt, sondern von einer Zivilisation, die der der Schiffsbesatzung keineswegs nachsteht. Es wird sich im Verlauf der Erzählung erweisen, dass sie diese sogar übertrifft – jedenfalls in technisch-wissenschaftlicher Hinsicht. In puncto Religion sind sie offenbar stramme Katholiken, jedenfalls Christen, genau wie der (spanische?) Ich-Erzähler und seine Crew. Soweit hat Bacon die Geschichte noch ausgeführt.

Von den Einrichtungen der Einheimischen erfährt der Ich-Erzähler (und damit der Leser) in etwa Folgendes: Die Insel ist ein Überbleibsel des untergegangenen Atlantis und kennt eine Art Orden, das so genannte Haus Salomon. In diesem Namen steckt nicht nur der alte König Israels, sondern ebenso einer der Gründerväter des Staates Neu-Atlantis. Dieses Haus Salomon ist eine Art staatlicher Forschungsinstitut – mit der Einschränkung (oder Erweiterung, je nach Gesichtspunkt der Leserschaft), dass diese Wissenschaftler – oder jedenfalls ihre Spitzenvertreter, die so genannten Väter des Hauses Salomon – hohes Ansehen in der Bevölkerung genießen, vielleicht sogar den Staat Neu-Atlantis regieren. (Hier ist der Punkt, wo Bacon leider seine Schilderung nicht mehr genauer ausführt – die Führungsposition der Wissenschaftler muss aus Rand- und Nebenbemerkungen eher erschlossen werden, als dass der Autor es deutlich ausspräche.) Eine Aufzählung dessen, was die Wissenschaft von Neu-Atlantis erreicht hat, zeigt, wie genau Bacon die ‘echte’ zeitgenössische Wissenschaft verfolgte: Die meisten Errungenschaften der Inselbewohner sind Interpolationen bestehenden Wissens und Könnens, die bereits damals nicht unmöglich scheinen mussten. Allerdings sind die Neu-Atlantier um einiges fortgeschrittener in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung. (So kennt ihre Medizin auch Heilmittel gegen die Krankheit der Crew des spanischen Schiffs. Diese Krankheit ist gemäß Aussage des Ich-Erzählers nicht ansteckend; ich vermute, dass es sich um Skorbut gehandelt hat, der mit viel Vitamin C – die Inselbewohner reichen den Spaniern frische Früchte! – geheilt werden kann. Am weitesten zum Fenster hinaus gelehnt hat sich Bacon vielleicht mit der Annahme, dass die Einwohner von Neu-Atlantis bereits fliegen können. (Das konnten die Sonnenstaatler allerdings auch; dieser Menschheitstraum scheint in der damaligen Zeit – denken wir an da Vincis Zeichnungen und Versuche – gerade virulent gewesen zu sein.) Wir haben also im aktuellen Überlieferungszustand keine politische Utopie vor uns – dafür aber Science Fiction aus dem frühen 17. Jahrhundert!

Im Übrigen fällt auf, dass Neu-Atlantis, mehr noch als Morus’ Utopia, mehr noch als Campanellas Sonnenstaat, offenbar wirtschaftlich autark ist. Neu-Atlantis vermeidet jeden Kontakt mit der Außenwelt, der die Insel bekannt machen würde. Ein- und Ausreisen sind theoretisch verboten. Während aus diesem idealen Staat sowieso niemand mehr ausreisen will, wird in Notfällen – so im Fall unseres Erzählers – eine Einreise und ein Aufenthalt für eine genau definierte Zeit gestattet. Wie man solche Leute dazu anhält, bei ihrer Rückkehr nach Europa über die Insel Neu-Atlantis zu schweigen, hat uns Bacon nicht verraten. Ebenso wenig ist bekannt, wie genau die neu-atlantische Ökonomie funktioniert. Die Väter des Hauses Salomo reisen in prachtvollen Prunkgewändern und werfen mit Gold nur so um sich. Die Ächtung von Geld und Gold, die sowohl Utopia wie der Sonnenstaat kennen, findet hier also nicht statt. Gegessen wird ebenfalls gut und reichlich. Während die Utopier und die Sonnenstaatler eher Veganer und Abstinenzler gewesen zu sein scheinen, berichtet Bacon nichts derartiges von seinen Neu-Atlantiern. Im Gegenteil: Neben Fruchtsäften und Milch werden Wein und ein Bier-ähnliches Getränk explizit erwähnt. Auch scheint keine staatlich gelenkte Planwirtschaft zu bestehen, keine Gemeinschaft der Güter, da einmal von der Sorge für die Armen gesprochen wird. (Die es – zumindest theoretisch – in einem kommunistischen System im Stile von Utopia oder des Sonnenstaates nicht geben könnte.) Bergbau und sogar Handel scheinen zu existieren. Die Schilderung der Feier eines Mannes, der soeben seinen 30. leiblichen und noch lebenden Nachkommen erhalten hat, zeigt andererseits eine stark patriarchalisch Gesellschaftsordnung, die den Schwerpunkt auf die Familie legte. Gleichberechtigung der Geschlechter scheint nicht zu existieren, selbst über arbeitende Frauen, wie auf Utopia und im Sonnenstaat, erfahren wir jedenfalls nichts. An oben genannter Feier nehmen die Frauen (auch die Gattin des Gefeierten!) nur hinter Tüchern versteckt teil. Ein Schelm, wer hier an gewisse (Bekleidungs-)Sitten denkt, die noch heute in gewissen Kulturen herrschen. Details zur Familien- und Staatsordnung, wie gesagt, hat Bacon nicht (mehr) ausgeführt. In einer Nebenbemerkung entsetzt sich der Erzähler über die Sitte, die ein gewisser Autor geschildert haben soll, dass vor der Eheschließung der junge Mann die junge Frau und die junge Frau den jungen Mann zuerst nackt erblicken soll. (Nicht nur Bacon, auch andere – und nicht nur prüde Engländer! – haben diesen Nebenaspekt von Morus’ Utopia gern und immer wieder herausgehoben…) Dabei gilt es festzuhalten: Die klassische Ehe – und nur diese! – existiert ebenfalls in Neu-Atlantis, sogar die Nacktschau; aber hier sind es Beauftragte der zukünftigen Eheleute, die den prospektiven Gefährten anschauen, wenn diese nackt baden. Ob das so viel gesitteter und anständiger ist?

Dass sich die Insel gegen außen abschließt, heißt im Übrigen nicht, dass sie nicht wüsste und in Erfahrung zu bringen sucht, was in der Welt geschieht. Ähnlich wie in Fichtes Der geschlossene Handelsstaat von 1800 (kannte Fichte Neu-Atlantis?) gibt es eine Ausnahme: (Einige der) Väter des Hauses Salomon begeben sich regelmäßig auf Erkundungsreisen. Sie geben im Ausland ihre Herkunft nicht preis, halten sich aber so auf dem Laufenden, was die politischen und vor allem die wissenschaftlichen Entwicklungen in Europa betrifft.

Lebendig erzählt. Faszinierende Details einer fremden Kultur, die auf ein reiche Phantasie des Autors weisen. Es ist zu bedauern, hat Bacon auf eine Fertigstellung von Neu-Atlantis verzichtet.


Gelesen in der Version folgenden Taschenbuchs:

Der utopische Staat. Morus • Utopia / Campanella • Sonnenstaat / Bacon • Neu-Atlantis. Übersetzt und mit einem Essay ‹Zum Verständnis der Werke›, Bibliographie und Kommentar herausgegeben von Klaus J. Heinisch. Reinbek: Rowohlt, 1996. (= Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft / Philosophie des Humanismus und der Renaissance 3) [Eine dieser Reihen, die im 20. Jahrhundert auch große Publikumsverlage aufbauten, weil sie sich einem gewissen Bildungsauftrag verpflichtet fühlten. Im 21. Jahrhundert wird auf diesen Auftrag, einen daraus resultierenden Ruhm und guten Ruf nunmehr fröhlich gepfiffen. Wo die Gewinnausschüttung für die Aktionäre wichtig ist, werden alle diese Reihen, da wirtschaftlich uninteressant, ja kontraproduktiv, eingestellt.]

[Dass dem Buch ein erklärender Essay hinzugefügt wurde, ist an und für sich verdienstvoll. Heinisch’ Nachwort bietet denn auch eine interessante Liste weiterer Staatsutopien der Zeit. Das Verständnis der Werke wird allerdings auf Grund der etwas konfusen Struktur, der Abschweifungen und der aus dem Blauen geholten und den Leser keineswegs weiterführenden Zitate irgendwelcher Autoren nicht gefördert. Schade.]

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