Ernst Toller: Prosa / Briefe / Dramen / Gedichte

Im Oktober 1961 erschien diese Auswahl aus den Texten Ernst Tollers beim Rowohlt-Verlag, ohne Ortsangabe. Sie war Teil einer Reihe namens Rowohlt Paperback, genauer gesagt deren N° 1 (was aber nur aus einer kleinen Nummer auf dem Buchrücken ersichtlich ist). Ein bisschen größer als der Standard der rororo-Taschenbücher, in etwa Oktav. Es zeichnet kein Herausgeber für diese Auswahl verantwortlich. Aufgenommen wurden in etwa alle (dem ungenannten Herausgeber wichtigen) belletristischen Werke Tollers aus dem knappen Jahrzehnt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Gegliedert sind sie nach den im Titel angegebenen formalen Gesichtspunkten. Dazu als Vorwort ein kurzer Abriss von Tollers Leben – auch und gerade in der Zeit nach 1933, bis hin zu seinem von Kurt Pinthus berichteten Selbstmord in New York – von Kurt Hiller. Eine kleine Rhapsodie an Verehrung. Am Schluss der beinahe 500 Seiten ein enigmatischer Text von Stefan Großmann, einem selbst mir bisher unbekannten österreichischen Zeitgenossen Tollers.

Toller war einer der wichtigsten und bekanntesten Schriftsteller Deutschlands in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Er war selber Soldat gewesen – hatte sich sogar in einem Anfall von jugendlichem Enthusiasmus freiwillig gemeldet, weil er der Meinung war, Deutschland müsse sich gegen die französischen und belgischen Einfälle auf sein Gebiet zur Wehr setzen, und der Tod unter den Waffen sei der ehrenhafteste. Seine Erlebnisse an der Front heilten ihn von diesem Enthusiasmus und er wurde zum Pazifisten.

Prosa

Wobei wir hier im Grunde genommen eine irreführende Bezeichnung vor uns haben. Es finden sich in diesem Teil keine belletristischen Prosawerke Tollers, auch keine seiner rein politischen und agitatorischen Schriften – diese sind vom ungenannten Herausgeber ja alle weggelassen worden. Sondern, was wir finden, ist:

Eine Jugend in Deutschland

Tollers Autobiografie und der einzige Text der Sammlung der später entstanden und erschienen ist, nämlich erst 1933 – bereits in Amsterdam, im Querido-Verlag. Toller erzählt darin sein Leben von seiner Kindheit an. Er wächst auf als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in einer Kleinstadt im damaligen Ostpreußen namens Samotschin. Schon das Kind, so erzählt er jedenfalls, wird mit den nicht nur nationalen, nicht nur linguistischen, sondern und vor allem auch ökonomischen Unterschieden zwischen der dünnen herrschenden Oberschicht der ‘Deutschen’ und der übrigen polnischen Bevölkerung konfrontiert. Sein bester Freund ist ein Pole, aber das hindert ihn nicht daran, den Freund in Gegenwart anderer ‘Deutscher’ als Polack zu beschimpfen. Dass sein Freund arm ist, entnimmt er eher unbewusst und indirekt aus der Tatsache, dass es bei ihm zum Mittagessen jedes Mal Kartoffeln gibt – und nie Braten. Andererseits muss er selber miterleben, wie seine Familie – obwohl völlig assimiliert und nationalistisch gesinnt wie nur irgendein deutscher Christ – von ebendiesen Christen als Juden stigmatisiert und ausgegrenzt wird. Noch allerdings sollten das ephemere Vorkommnisse sein.

Wir erfahren dann von Tollers Leben als sorgloser Student in Frankreich, der deutschen Mobilmachung, in der er sich freiwillig meldet, seinen Erlebnissen an der Front, die ihn zum Pazifisten machen und ihm die erste Haftstrafe eintragen. Wir erfahren, wie der wohlhabende Toller mehr und mehr politisch nach links driftet, bis er sich im Tumult der Nachkriegszeit an führender Stelle der (zweiten) Münchner Räterepublik wieder findet. Diese scheiterte bekanntlich, und Toller wurde von einem Standgericht zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt. Er entkam nur knapp einem Todesurteil, unter anderem auch deshalb, weil sich bekannte Schriftsteller und Persönlichkeiten für die Ehrenhaftigkeit seiner Motive verbürgten, und dafür, dass Toller, wo immer möglich, Blutvergießen und Lynchjustiz verhindert hatte. Toller war seit seinem ersten Drama über einen Kriegsheimkehrer in den literarischen Szenen von Berlin wie München bekannt: Eine Zeitlang gehörten Leute wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Richard Dehmel, Bjørnstjerne Bjørnson, Frank Wedekind, Theodor Lessing, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky, Romain Rolland oder Max Weber zu seinem regelmäßigen Umgang. Der Text endet mit Tollers Haftentlassung nach fünf Jahren – ein Ausblick auf spätere Zeiten und insbesondere auf die Person und Persönlichkeit Adolf Hitlers wurde in dieser Ausgabe weggelassen, so dass der Ausblick auf Kommendes sich auf ein paar Bemerkungen zu ebendiesem Hitler beschränkt oder auf die Ermordung Rathenaus.

Zu Beginn ist diese Autobiografie ähnlich wie Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert gestaltet: Auch Toller bringt die Erinnerungsfetzen des Kindes unkommentiert vor den Leser. Das hört mit der Zeit auf – anders als Benjamin (und als es der Titel des Textes suggeriert) geht Toller ja weit über die Kindheit seines Ich hinaus, bis zu seinem 30. Lebensjahr.

Briefe

Hier finden wir als Ergänzung zum Bericht von seiner Zeit der Festungshaft – vom ungenannten Herausgeber auch als solche gedacht – Tollers Briefe aus dem Gefängnis Niederschönenfeld. Hier zeigt sich Toller persönlicher, auch mehr dem Alltag verhaftet – was bei einem Briefwechsel ja nicht erstaunen sollte.

Die Autobiografie und die Briefe halte ich für den besseren und wichtigeren Teil dieser Sammlung.

Dramen

Toller hatte – trotz einiger Verbote – praktisch sofortigen und großen Erfolg mit seinen Dramen. Selbst an Max Reinhardts Bühne in Berlin wurde er uraufgeführt (während er in Niederschönenfeld einsaß!), selbst ein John Heartfield gestaltete für eine Uraufführung das Bühnenbild. Heute wirken sie oft pathetisch, die Figuren konstruierte Spielsteine. (Aber Brecht hat sein Leben lang nicht viel anders geschrieben …)

Die Wandlung

Tollers erstes Drama. Stark autobiografisch gefärbte Schilderung eines Künstlers, der an seinen Kriegserlebnissen zu Grunde geht.

Masse – Mensch

(Es gibt den Titel mal mit, mal ohne Gedankenstrich. Meines Erachtens ist der Gedankenstrich zwingend – Toller setzt die Masse (als blinde, unkontrollierte und unkontrollierbare Bestie) dem Tun eines Einzelnen (bzw. im vorliegenden Fall einer Einzelnen) entgegen, der, bzw. die, wo immer einen unblutigen, humanen (= menschlichen!) Weg sucht. Auch hier sind natürlich Tollers Erfahrungen mit der November-Revolution und der Räterepublik, wo er als Linker versuchte, die zerstrittenen linken Parteien zu einigen und zusammen handlungsfähig zu machen, eingewoben. Es sollte ihm so wenig gelingen wie seiner Hauptfigur Sonja Irene L. Tollers Erfahrungen mit der November-Revolution und der Räterepublik, wo er als Pazifist versuchte, Blutvergiessen zu vermeiden und friedlich-einvernehmliche Lösungen zwischen den Parteien zu finden, sind ebenso darin zu finden. Auch darin scheiterte er – genau wie seine Hauptfigur.

Die Maschinenstürmer

Eine fiktive Szene aus dem real stattgefundenen Kampf der so genannten Ludditen-Bewegung, einer kurzlebigen anarchischen Bewegung in der englischen Arbeiterschaft, die sich gegen die Einführung von noch effizienteren Spinnmaschinen wehrten, die noch mehr von ihnen arbeitslos machen würden, und die sie deshalb vielerorts zerstörten. Auch hier steht eine Figur im Zentrum, die versucht, die anarchischen Kräfte einerseits zu bündeln, andererseits zu mäßigen – auch diese hier scheitert und wird sogar von den eigenen Leuten tot geschlagen.

Hinkemann

Erzählt von einem Kriegsversehrten. Während Toller aus psychischen Gründen kriegsuntauglich geworden war, ist dieser Heimkehrer sozusagen am anderen Ende seines Körpers verletzt worden, und nicht innen, sondern außen – nicht im Kopf also, sondern an seiner Männlichkeit. Binnen kürzester Zeit werden sein Leben, seine Ehe, seine Liebe und seine Freundschaften alle in ein chaotisches Wechselbad von Gefühlen gerissen – bis zum Schluss seine Frau wie er Selbstmord begehen.

Gedichte

In seinen Gedichten ist Toller vielleicht am stärksten als Vertreter des Expressionismus erkennbar. Viele davon sind auch heute noch lesbar. Der anonyme Herausgeber hat zwei Gedichtsammlungen Tollers eingestellt:

Vormorgen
mit:
Verse vom Friedhof
Lieder der Gefangenen

Ebenfalls von seinen Kriegserlebnissen geprägt – aber wenn auf der Bühne Gefühle pathetisch und unrealistisch wirken, so sind sie in Gedichten durchaus willkommen und an ihrem Platz.

Das Schwalbenbuch

Ganz konkret autobiografisch: Im Gefängnis Niederschönenfeld hatte Toller einen Sommer lang Besuch von einem Schwalbenpaar, das in seiner Zelle nistete. Liebevoll, ja zärtlich, beschreibt er das Leben und Wirken des Paars, das für den Gefangenen so etwas wie eine Brücke ins Leben draußen vor den Gittern darstellte. Sehr berührend.

Alles in allem ist der Expressionist Toller recht gut gealtert. Nur seine Dramen – mit denen er zu Lebzeiten den größten Erfolg verzeichnete – wirken heute mit ihren hölzernen Figuren seltsam. Ich habe festgestellt, dass man vielerorts Toller nicht mehr kennt. Dem sollte man abhelfen.

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