Arthur C. Clarke: Rendezvous with Rama

Bei meiner Vorstellung von John Wyndhams The Day of the Triffids habe ich schon einmal davon gesprochen, dass sich noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die europäische Science Fiction grundlegend von der US-amerikanischen unterschied. Das gilt sogar, ja besonders, für die britischen Autoren. Das gilt sogar, ja besonders, für den US-amerikanischsten aller britischen Autoren: Arthur C. Clarke. Im Vorwort zu meiner Ausgabe von Rendezvous with Rama* drückt John Clute die Vermutung aus, dass die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs – bzw. der darauf folgenden dunklen Jahre, Clarke hat mit Jahrgang 1917 den Weltkrieg ja nicht bewusst miterlebt – an einem anderen Weltbild schuld sind, als es die US-Amerikaner hatten. Nicht die mehr oder weniger skrupellose Eroberung der „Last Frontier“, auch wenn sämtliche Aliens dabei drauf gehen, sondern das Bewusstsein, dass ein Scheitern, ein Verlieren, nicht nur im Rahmen des Möglichen wäre, sondern sogar höchst wahrscheinlich ist, prägte die europäische Science Fiction. Und dass selbst Siege allenfalls Pyrrhus-Siege sind. Da steckt sicher einige Wahrheit drin; ich denke aber, dass auch eine andere literarische Tradition – vereinfacht gesagt: H. G. Wells an Stelle von Pulp Fiction (Clarkes Commander Norton im vorliegenden Roman ist ein auch in Belletristik belesener Mann und kennt Wells ebenso, wie den ersten Commander des ersten (damals noch: Segel- und nicht Raum-)Schiffs mit dem Namen Endeavour, James Cook, und wendet sich in schwierigen Situationen sogar in seinen Selbstgesprächen an letzteren) – dass eine andere literarische Tradition also zumindest ebenso sehr dahinter steht.

Clarke wurde berühmt durch den Film 2001: Odyssee im Weltraum, den Stanley Kubrick mit Unterstützung durch den Autor nach einer seiner Kurzgeschichten (Sentinel) schrieb. Ich habe damals den Film angeschaut, das danach geschriebene Buch allerdings nie gelesen. Zu seltsam kam mir das Ende des Films vor, als dass ich Lust gehabt hätte, mir das Buch anzutun. Und so kommt es, dass Rendezvous with Rama der erste Roman von Arthur C. Clarke ist, den ich gelesen habe. Vor 2001: Odyssee im Weltraum also war der Autor Clarke zwar bekannt, aber immer noch einer unter vielen – danach war er weltberühmt. Das und das Einkommen, das der Film generierte, hatte den Vorteil, dass Clarke nunmehr schreiben konnte, was, wann und wie er wollte. Rendezvous with Rama ist der erste große Roman, den er danach schrieb, im Jahr 1973.

Der Roman beginnt mit einer Art Vorspiel. Im Jahre 2077 hat ein Komet, der ohne Vorwarnung auf der Erde einschlug, große Teile Norditaliens inklusive aller Kunstschätze Venedigs zerstört. Die Menschheit hat darauf hin beschlossen, ein Programm zu Überwachung des Sonnensystems zu lancieren, das sie Spaceguard nannte. Diese Überwachung findet eines Tages im Jahre 2131 weit jenseits der Jupiter-Umlaufbahn ein Objekt, das man zunächst für einen Asteroiden hält und mit der Nummer 31/439 versieht. (Die erste deutsche Übersetzung trug denn auch den Titel Rendezvous mit 31/439; wahrscheinlich wollte man Assoziationen mit Margarine vermeiden …) Als Asteroid hat das Objekt Anrecht auf einen Namen, und da man die griechisch-römische Mythologie schon längst erschöpft hat, greift man ins hinduistische Pantheon und nennt es Rama. Wie groß ist das Erstaunen, als sich beim Näherkommen herausstellt, dass das Objekt die Form eines absolut makellosen Zylinders hat, der sich rasend schnell um seine Längsachse dreht, und bei dem es sich deshalb nicht einmal um einen Kometen, sondern eindeutig um ein Artefakt handeln muss. Das Sonnensystem hat den lange ersehnten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation!

Es wird das nächst gelegene Raumschiff zur Erkundung des Eindringlings abkommandiert – eben die Endeavour unter Commander Norton. Der Roman besteht nun darin, dass sehr detailliert alle Erkundungszüge der Crew um Norton in diesem Zylinder geschildert werden. Galt er zunächst als von allem Leben verlassen, so zeigen sich mit weiterer Annäherung an die Sonne Gestalten, die verschiedene Aufräum- und Reparaturaktionen ausführen, aber ganz eindeutig nicht die eigentlichen „Ramaner“ sein können, weil es ihnen dazu an Intelligenz fehlt. Sie entpuppen sich bei einer Sektion durch die Bord-Medizinerin als Bioten: halb Roboter, halb biologisches Lebewesen (allerdings auf einer andern Biologie beruhend als der irdischen). Diese Bioten scheinen die Menschen als den Ramanern ähnlich genug einzustufen, um sie in Ruhe zu lassen.

Die Crew der Endeavour hat also auf der einen ebenen Fläche des Zylinders einen Eingang in das Innere gefunden und beginnt mit der Erkundung. (Diese Erkundungen, nebenbei, erinnern in ihrer Beschreibung sehr oft an – Tauchgänge. Clarke war Mitglied des Underwater Explorers Club, einer privaten Vereinigung von Tiefseetauchern, und führte in seiner Wahlheimat Sri Lanka eine Tauchschule.) Sehr rasch merken die Crew-Mitglieder, dass sie eigentlich nichts verstehen, von dem, was sie sehen, oder gar von dem, was in Rama vorgeht. Sie finden Anhäufungen von Gebäude-ähnlichen Strukturen, die sie eben dieser Ähnlichkeit mit irdischen Strukturen wegen „Städte“ nennen, und denen sie die Namen von New York, Paris, Rom, Peking, Moskau, London und Tokio geben.

Auf der Erde und auf der Endeavour wird spekuliert, warum die Aliens das Sonnensystem besuchen. Soteriologische Gedanken werden da ebenso aufgeworfen, wie die Angst, die Aliens könnten versuchen, sich das Sonnensystem und die darin lebenden Menschen untertan zu machen. (Womit Clarke – so ganz nebenbei – die Situation des Weltreisenden Cook für seine Endeavour umkehrt: Auch wenn im Moment das irdische Raumschiff die fremde Sonde erkundet, ist doch die technische Überlegenheit auf Seiten der Aliens – selbst, wenn sie auf dem Weg zum Sonnensystem gestorben sein sollten.) Es tauchen allerdings während all den Tagen, in denen die Sonde exploriert wird, keine Ramaner auf. Alles scheint vollautomatisch bzw. mit Bioten erledigt zu werden. Die These eines Generationen-Raumschiffs (in der Science Fiction der 1970er ein beliebtes Motiv) scheint sich also auch nicht zu bestätigen, oder höchstens unter der Annahme, dass die Ramaner die Länge des Wegs unterschätzt und deshalb mittlerweile gestorben sind. Man findet aber nicht einmal irgendwelche Leichen.

Das Rätsel bleibt eines bis zum Schluss, wo allerdings die menschliche Hybris vom Autor bitterböse entlarvt wird: Das fremde Schiff hat im Sonnensystem nur einen Zwischenstopp eingelegt, der offenbar dazu diente, die Schiffssysteme zu testen und instand zu setzen und – aufzutanken. Denn nun taucht das Schiff in die Korona der Sonne ein und saugt offenbar dort Plasma auf. Das Ganze war ein Tankstopp! Zusätzlich benutzt die Rama die Gravitation der Sonne, um mit einem Slingshot-Manöver (der deutsche Ausdruck dafür ist Vorbeischwung, auch Swing-by – die technischen Details des Manövers lese man bitte in Wikipedia oder andern Lexika nach), um mit einem Slingshot-Manöver also energiesparend Tempo zu gewinnen. Ohne sich um die Planeten des Sonnensystems weiter zu kümmern, fliegt die Kapsel wieder in die Weiten des Weltalls – Richtung Magellan-Wolke. Die Menschheit war nie ihr Ziel; wahrscheinlich wussten die Ramaner gar nichts von ihr bei der Planung ihres Flugs und würden auch nie etwas von ihr wissen.

Clarke verzichtet auf die möglich gewesenen und ansonsten gern gebrauchten Versatzteile, um Spannung zu erzeugen, wie z.B. auf Streitigkeiten innerhalb der Crew. Seine Protagonisten sind bei aller Verschiedenheit im Charakter doch alle auch viel zu gute Soldaten und Wissenschaftler, um sich in internen Querelen zu verlieren. Was der Roman dadurch an oberflächlicher Spannung verliert, gewinnt er in der detaillierten Beschreibung des Inneren von Rama. Als LeserIn staunen wir zusammen mit der Crew, durch deren Augen wir blicken, die fremden und unverständlichen Artefakte an. (Clute in seinem Vorwort erinnert in diesem Zusammenhang an die Wissenschaftler in den frühen Romanen von Jules Verne [auch ein Europäer!], die die gleiche Haltung gegenüber dem Fremden und Unverständlichen einnehmen!) Es ist im ganzen Roman auch kein einziger Toter zu beklagen. Das macht ihn zu einem unaufgeregten Bild der Fremdheit möglicher Außerirdischen. (Auch wenn Lem [noch ein Europäer!] die Unmöglichkeit einer Kommunikation zwischen verschiedenen Spezies, z.B. in Solaris, noch besser beschrieben hat.) Und da Clarke in Rendezvous with Rama auf die „metaphysischen“ Mätzchen à la 2001 verzichtet hat, durchaus eine Leseempfehlung.


* London: Folio Society, 2020.

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