Richard Wrangham: Feuer fangen

Ich mag Wranghams Denken, seine Schreibweise und habe sein neuestes Buch vor kurzem gelobt. Der Grund für dieses Mögen liegt in seiner dezidiert wissenschaftlichen Herangehensweise an Probleme: Er vermutet allüberall Ursachen, sucht diesen auf den Grund zu kommen – und er bedient sich dabei einer konzisen, verständlichen Schreibweise. Hypothetisches wird als solches gekennzeichnet und nirgendwo gibt Wrangham vor mehr zu wissen, als die Faktenlage hergibt.

Im vorliegenden Buch macht er das Kochen als eine der Hauptursachen für unsere Menschwerdung aus. Das mag erstmal weit hergeholt klingen, ist aber aufgrund der zahlreichen Indizien, die Wrangham zusammenträgt, alles andere als eine verquere und unbewiesene Theorie. Ausgangspunkt für seine Überlegungen sind die rezenten Rohkostfetischisten: Diese können kaum so viel Nahrung zu sich nehmen ohne Gewicht zu verlieren. Die Gründe liegen in unserem Verdauungssystem, das auf Rohkost weit weniger effizient reagiert denn auch Gekochtes bzw. – auch das ist bereits ein Schritt zu einer verbesserten Nahrungsverwertung – stark Zerkleinertes. Reines Kalorienzählen ist für den Abnehmwilligen nicht sinnvoll: Es ist von entscheidender Bedeutung, in welchem Zustand die Nahrung eingenommen wird.

Wrangham macht mehrere Schritte für eine verbesserte Kalorienzufuhr ausfindig: Zum einen ist es fleischliche Nahrung, die eine bessere Versorgung mit Kalorien bewirkt, dann das Mürbe-Machen vor dem Essen (das Weichklopfen des Antilopenschnitzels) und schließlich deren Zubereitung auf und über dem Feuer, die nicht nur beim Fleisch zu einer stark verkürzten Kauzeit (Schimpansen verbringen bis zu 8 Stunden täglich mit Kauen) und leichteren Aufnahme der Proteinketten führt, sondern auch manches Gemüse überhaupt erst verdaulich macht (bzw. sehr viel leichter: Eine rohe Kartoffel bedeutet für den Körper – und die Kauwerkzeuge – einen sehr viel größeren Aufwand denn eine gekochte). Kochen erschließt also neue Nahrungsquellen, macht ansonsten verlorene Energien verfügbar und hat eine weitere, überaus bemerkenswerte Auswirkung: Aufgrund der dadurch stark erleichterten Verdauung hat sich unser Verdauungstrakt stark zurückgebildet, wir haben einen im Vergleich mit anderen Primaten wesentlich verkürzten Darm. Energie, die bislang für die Größe des Magen-Darm-Traktes aufgewandt werden musste, kann nun in ein größeres Gehirn investiert werden (ich glaube diesen Zusammenhang zwischen Darm und Gehirnentwicklung schon bei Marvin Harris in ähnlicher Form gelesen zu haben).

Wrangham setzt die Beherrschung des Feuers vor ca. zwei Millionen Jahren an, zur Zeit des Übergangs vom Australopithecinen zum Homo habilis und Homo erectus. Das ist genau jene Zeit, in der sich die Gehirne der Vormenschen stark vergrößert haben (hier allerdings befinden wir uns im hypothetischen Bereich: Die Funde reichen als Beleg dafür nicht aus, eine sehr wahrscheinliche Beherrschung des Feuers lässt sich erst mit vor 400 000 Jahren datieren). Die Auswirkungen des Kochens reichen jedoch bis in unsere Zeit: Wrangham macht es für die Arbeitsteilung in Familien verantwortlich und dafür, dass die Frau an “den Herd gefesselt” ist (in knapp 99 % aller menschlichen Gesellschaften ist die Frau für das Kochen zuständig und daran hat sich selbst in unserer aufgeklärten Welt nicht sehr viel geändert). Die Gründe dafür sind vielfältig: Zum einen ist der Mensch das einzige Tier, das Nahrung nicht sofort verzehrt, sondern aufbewahrt bzw. zubereitet. Letztere, die Zubereitung, ist eine öffentliche und häufig langwierige Verrichtung und eine Homo-erectus Frau, so Wrangham, war damit der Gefahr ausgesetzt, dass ihr das Essen entwendet würde. Wenn es denn nicht einen allgemein anerkannten Beschützer gäbe, einen Vater oder Mann, der diese Rolle übernimmt. (Bei all dem hatte ich den Eindruck, dass Wrangham mit dieser seiner Erklärung selbst nicht ganz glücklich war, sie wirkt ein bisschen wie eine nachträglich dem Problem übergestülpte Lösung: Vielleicht ist sie richtig, aber ich könnte mir auch andere Erklärungsmodelle vorstellen.) Tatsache aber ist, dass in sehr vielen Jäger- und Sammlergesellschaften der Raub von Nahrung ein Tabu ist, man kann sich bittend einer Feuerstelle nähern, sollte diesem Wunsch aber nicht weiter Nachdruck verleihen. Interessant auch, dass das Kochen einer Frau für einen Mann (bzw. die Einladung zum Essen) in manchen Gesellschaften (bei Akzeptanz des Angebotenen) mit einer Art Eheschließung gleichgesetzt wird (Wrangham berichtet, dass Ethnologen darauf hinweisen, bei einem solchen Angebot große Vorsicht walten zu lassen: Sonst ist man schneller liiert als womöglich erwünscht).

Dieser Versuch einer Erklärung der männlichen und weiblichen Rollenbilder (deren Vorhandensein außer Frage steht, aber – naturalistischer Fehlschluss – woraus selbstverständlich nicht auf deren Sollen geschlossen werden kann) hat mich bei diesem Buch am wenigsten überzeugt (was bloß eine Aufforderung an die Anthropologen darstellt, ein plausibleres Modell vorzuschlagen). Trotzdem ein hervorragendes Buch, durchdacht, klug und ein wahrer Lesegenuss.


Richard Wrangham: Feuer fangen. Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution. München: DVA 2009.

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