Conrad’s Congo

„Kongo“ – der Name steht für einige der grausamsten Verbrechen, die sich der weisse Mann je gegenüber den Indigenen Schwarzafrikas hat im Rahmen des Kolonialismus zu Schulde kommen lassen. Ja, für einige der grausamsten Verbrechen, die sich überhaupt ein Volk oder eine Rasse gegenüber andern Völkern hat zu Schulde kommen lassen. Und das sagt viel, sehr viel, ist doch gerade die Geschichte des Kolonialismus voll von Gräueltaten.

1876, bei der sog. ‘Geografischen Konferenz’ in Brüssel, dann 1885 bei der internationalen Kongo-Konferenz wurde der afrikanische Kontinent definitiv unter den weissen Staaten Europas aufgeteilt. Belgien als Staat stand dem Kolonialismus misstrauisch gegenüber – was den gewieften Diplomaten Leopold II., den Mann, der auf Belgiens Thron sass, nicht daran hinderte, sich eine eigene Kolonie zu wünschen. Und genau das erhielt er an diesen Konferenzen: seinen eigene, höchstpersönliche Kolonie – den Kongo-Freistaat. Sofort machte er sich daran, unter dem Deckmantel der Wissenschaft und des Kampfs gegen die Sklaverei ein eigenes Terrorregime aufzubauen. Unkontrolliert von jeder politischen Gewalt zu Hause und im Ausland (die übrigen Kolonialstaaten hatten alle ihre eigenen Gründe, den persönlichen Kongo-Freistaat Leopolds bestehen zu lassen) wurden Firmen gegründet, deren Gewinne letztendlich ihm persönlich zuflossen. Diese Firmen bauten Handelsstationen auf, v.a. entlang des Kongo-Flusses, Handelsstationen, die dazu dienten, möglichst viel Arbeit aus den umliegenden Dörfern der schwarzen Bevölkerung herauszupressen, um Kautschuk aus dem Urwald zu gewinnen. Ganze Dörfer wurden niedergewalzt und / oder in Sippenhaft genommen; wer nicht genug lieferte, wurde – mit dem ganzen Dorf zusammen – erschossen. Wer nicht erschossen wurde, verhungerte, weil die Weissen den Eingeborenen nicht genügend Zeit und Land liessen, Nahrung für den Eigengebrauch anzubauen. Den Erschossenen, aber auch noch Lebendigen, wurden die Hände abgeschlagen. Vergewaltigungen waren üblich. Durch diese Massnahmen, und durch den Umstand, dass, wer immer es konnte, in die humaneren französisch kontrollierten Gebiete floh, war binnen kurzem die Gegend entlang des Flusslaufs praktisch entvölkert.

Die grausamen Praktiken der Handlanger Leopolds II. blieben nicht unbemerkt. In den 1890er Jahren bereiste Roger Casement den Kongo – seinerseits eine schillernde Figur, glühender irischer Patriot, 1911 für seine Menschenrechtsuntersuchungen geadelt, 1916 wegen Hochverrats (er hatte im Ersten Weltkrieg Kontakt zu deutschen Militärkreisen, die er davon zu überzeugen suchte, der irischen Sache zu Hilfe zu kommen) hingerichtet. Sein Bericht läutete das Ende der persönlichen und unkontrollierten Herrschaft Leopolds II. ein: 1906 ging die Kolonie an den Staat Belgien über.

Noch 1890 aber schiffte sich auch ein gewisser Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowsk nach dem Freistaat ein. Dieser, aus polnischem Adel stammend, der bei der Aufteilung Polens unter russische Herrschaft geraten war, im Exil in der Ukraine lebend, war 1886 zunächst britischer Staatsbürger geworden und dann auch Ordinary Master of the British merchant marine, also Kapitän für Segelschiffe der britischen Handelsmarine. Seine Karriere in der Marine kam nicht so recht voran, und so war er nun im Dienst einer der von Leopold II. gegründeten Handelsgesellschaften für den Kongo. Er sollte eines der Schiffe übernehmen, die regelmässig den Fluss befuhren, um den Kautschuk an den verschiedenen Stationen aufzunehmen und Richtung Meer zu transportieren. Auch hier war seine Karriere kurz: Er befehligte zwar für ein paar Wochen (und das auch nur als Ersatz, weil der eigentliche Kapitän ausgefallen war) eines dieser Schiffe. Dann aber wurde er krank und mehr tot als lebendig wieder an die Küste und von da zurück nach Europa geführt. Es geht die Sage, dass der Kapitän Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowsk den Fluss hinauf reiste, der Schriftsteller Joseph Conrad zurück kam. Die stimmt allerdings so nicht: Der später als Joseph Conrad berühmt Gewordene schleppte schon auf der Hinreise ein Manuskript zu einem Roman mit sich, einem Roman, der schon damals Almayer’s Folly hiess. (Natürlich verdankte die letztendliche Version den Erlebnissen des Autors am Kongo noch so einiges.)

Conrad’s Congo, um nun endlich auf das Buch zu kommen, stellt verschiedene Dokumente aus jener Zeit zusammen: Conrads Briefe an Angehörige aus der Zeit vor der Abreise, seine Tagebücher aus dem Kongo, eine Erlebnisse im Kongo festhaltende Kurzgeschichte, einige Zeugnisse zu seinem Leben und seiner Person von anderen Autoren, sowie Auszüge aus Casements Bericht.

Da die meisten Briefe aus der Zeit vor der Abreise in den Kongo stammen, erfahren wir darin herzlich wenig über Afrika. Im Land selber, und dann auch lange Zeit nach seiner Rückkehr, war Conrad zunächst zu beschäftigt, danach zu krank, um grossartig als Briefschreiber tätig sein zu können. Seine beiden Tagebücher sind rein technischer Natur: Aufzeichnungen eines Kapitäns, der seinen Weg den Kongo hinauf und wieder hinunter finden wollte. Es fällt auf, wie wenig Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowsk von den Gräueltaten mitbekam oder mitbekommen zu haben vorgab. Sein Verhältnis zu Casement, den er vor Ort kennen gelernt hatte, war offenbar ziemlich ambivalent: Er wusste nicht, was er aus diesem Mann machen sollte. Seine Kurzgeschichte, An Outpost of Progress, schildert, wie zwei Weisse, die eine der Handelsstationen entlang des Kongo leiten sollten, am Tropenkoller erkranken und verrückt werden, und enthält keine Anspielungen auf die Gräueltaten, die die Weissen der indigenen Bevölkerung antaten, sondern ähnelt in Stil und Stimmung eher den grossen Romanen Conrads. Verblüffend (oder erschreckend) unpolitisch also, dieser polnisch-russischstämmige, jetzt britische Kapitän zur See.

Die Lebenszeugnisse stammten u.a. von John Galsworthy, Ford Madox Ford und Bertrand Russell und beziehen sich oft nur am Rand auf Conrad’s Congo. Interessant und erschreckend hingegen Casements Bericht und die zeitgenössischen Fotografien, die einige der Gräueltaten belegen. Alles in allem sicher nicht nur für Conrad-Aficionados eine an- und aufregende Lektüre.


Conrad’s Congo. Joseph Conrad’s Expedition to the Congo Free State, 1890. Edited and introduced by J. H. Stape. London: The Folio Society, 2013.

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