Herbstbott der Gottfried Keller-Gesellschaft Zürich

Eine Veranstaltung im Rahmen des Literaturfestivals «Zürich liest ’19».

Einige mögen sich vielleicht erinnern: Schon vor drei Jahren war ich am „Herbstbott“ der Gottfried Keller-Gesellschaft in Zürich. Einiges scheint in jedem Jahr gleich zu bleiben. So kann ich auch dieses Jahr nur wiederholen, was ich damals schrieb:

Es erschienen recht viele Leute, die meisten davon im Sonntagsstaat, und die Mehrheit war gut jenseits der 75 Jahre alt.

Anderes war dieses Jahr aber anders. 2016 war der Vortrag des Zürcher Germanistik-Professors Philipp Theison interessant und anregend. Er hatte es nicht nur verstanden, einen faszinierenden Aspekt in Kellers Werk auszumachen und vorzustellen; er war dazu auch noch in der Lage, seinen Vortrag witzig und unterhaltsam zu gestalten, ohne seicht zu werden. Das Rahmenprogramm, will sagen: die musikalischen Gäste, war ebenfalls unterhaltsam, ja frech, wie ich es damals nannte. Dafür war der abschließende Apéro 2016 eher ein Reinfall:

Nichtssagende Salznüsschen und ein fruchtiger Weißwein, der leider viel zu kalt serviert wurde.

2019 war es umgekehrt: Der Wein zum Apéro hatte genau die richtige Temperatur. (Es war dieses Jahr auch ein Federweißer; dieser hat etwas mehr Körper und kann sich auch bei tieferen Temperaturen noch angenehm entwickeln.) Serviert wurden dazu verschiedene Canapés, die ausgezeichnet schmeckten. So weit die positive Seite, die zum Glück ganz zum Schluss kam.

Bei der eigentlichen Veranstaltung war die Gesellschaft dieses Jahr äußerst konservativ und konventionell. Die musikalische Umrahmung bildeten ein Pianist (der allerdings aus Platzmangel nicht auf einem Flügel spielen konnte, sondern mit elektronischem Ersatz Vorlieb nehmen musste) und ein Tenor. Was wir hörten, waren zwar nicht die klassischen Lieder, die im Allgemeinen einen Liederabend ausmachen. Es handelte sich um vertonte Gedichte von Gottfried Keller und des Hauptreferenten, der dieses Jahr ein Schriftsteller war. Man merkte es den Liedern leider an, dass sie von keinem Schubert vertont worden waren. Erschwerend kam hinzu, dass der Tenor zwar eine klassische Ausbildung genossen hatte, aber beim Wechsel von eher leiseren Tönen zum Forte offenbar ein prinzipielles Problem hat. Er kann sein Volumen zu wenig kontrollieren; anstatt sukzessive lauter zu werden, brüllte er bei jedem Forte gleich in voller Lautstärke los. Schade.

Auch der Vortrag war dieses Jahr eher mau. Ein Schriftsteller namens Christian Haller (von dem ich vorher noch nie gehört hatte – aber das ist mein Problem; ich kann und will nicht alle Autoren der Gegenwart kennen) arbeitete sich am poetologischen Thema der Selbstfiktionalisierung als Ausgangspunkt des Schreibens ab, will sagen – auch wenn Haller dabei nur auf Keller zurück griff – an der alten Aussage Goethes, dass beim Schreiben immer Autobiografisches dabei ist. Leider konnte Haller zum eigentlichen Thema nichts Neues beibringen. Er versuchte vielmehr, an Hand einer autobiografischen Lektüre der beiden großen Romane Gottfried Kellers, Der grüne Heinrich und Martin Salander, nachzuzeichnen, wie sich die existentiellen Lebens-Krisen Kellers in seinem Werk, vor allem eben in den beiden Romanen, abbildeten. Dass er dazu nicht mehr hervorbrachte, als jeder Lektüre-Schlüssel für Gymnasiasten auch (vielleicht hat er sein Wissen ja von so einem Schlüssel), sei Haller verziehen. Für meinen Geschmack peinlich wurde es allerdings, als er eigene Krisen und deren Abbildung im eigenen Werk in Parallele setzte zu Kellers Leben und Werk. Ich mag diese Haltung des „Siehe, ich bin (fast) ein zweiter Goethe!“ nicht.

Dennoch erhielt er für die Verhältnisse der Gottfried Keller-Gesellschaft lange anhaltenden, schon fast frenetischen Applaus. Warum – es sei denn aus Höflichkeit – entzog sich mir.

Ich weiß nicht, ob man sich im Jubiläumsjahr nicht traute, abermals etwas frech zu werden, oder ob man die Veranstaltung von 2016 als peinlichen Ausrutscher empfand. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass die Gesellschaft ihr Durchschnittsalter nicht so rasch unter 75 drücken können wird, wenn ihr Auftritt nicht frischer und interessanter wird.

Zum Hören:
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