Quentin Mouron: Vesoul, 7. Januar 2015

Vesoul ist für mich der Inbegriff der französischen Provinz. Und ich vermute, dass ich darin nicht der einzige bin. Diesen Ruf verdankt die Kleinstadt im Département Haute-Saône dem gleichnamigen Lied von Jacques Brel. Brel selber stammte – jedenfalls aus der Sicht von Paris, dem Zentrum französischen Seins und Lebens – ebenfalls aus der Provinz, aus einer belgischen Gemeinde in der Nähe Brüssels, die nicht viel weniger Einwohner zählt als Vesoul. Der Autor des vorliegenden Romans, Quentin Mouron, stammt auch aus der Provinz, nämlich aus dem kleinen Städtchen Lausanne, das seinerseits ebenfalls ungefähr gleich viel Einwohner aufweist wie Vesoul, auch wenn es die Hauptstadt des Schweizer Kantons Waadt bildet. Aufgewachsen ist Mouron im kanadischen Quebec, was sprachgeografisch gesehen wie Belgien oder die Schweiz ebenfalls am Rand des frankophonen Raums liegt – sprich: Mouron stammt aus der Provinz.

Provinz ist denn auch das Thema dieses Romans. Nicht irgendeine bestimmte Provinz allerdings. Denn Mouron verzerrt die Provinz ins Groteske und dadurch ins Allgemeine. Das beginnt schon bei der Widmung des Romans: Für niemanden. Es folgt ein Zitat aus Adornos Negativer Dialektik: Versöhnung wäre das Eingedenken des nicht länger feindseligen Vielen (…). Wobei sich da schon die Frage stellt, ob das Zitat nun programmatisch gemeint ist oder anti-programmatisch – oder überhaupt ohne Zusammenhang mit dem Roman steht.

Der eigentliche Roman beginnt mit einem Vorspiel: Unterwegs. Das ist für einmal wörtlich zu nehmen, meldet sich doch der namenlose Ich-Erzähler von der Nationalstraße 57 Richtung Vesoul, aus einem Audi A4.

Geschäftsleute, Handelsvertreter und hoch dotierte Künstler sind scharf auf die Marke Audi.

vermeldet er altklug. Denn er ist hier nur Beifahrer, genauer gesagt ein mitgenommener Anhalter. Der Fahrer ist Anfang dreißig, Vermögensberater. Nachdem der Vermögensberater dem jungen Mann gegenüber zunächst mit einigen seiner Partys groß getan hat, schweift der Ich-Erzähler ab. Er berichtet, warum er die Schweiz gerade verlassen hat: Er erhält immer wieder Aufgebote zum Zivilschutzdienst, die er als Vorwand empfindet, damit der Staat ihn mit noch mehr Verboten und Verpflichtungen in die Mangel nehmen kann. Dieser ersten Abschweifung folgt auf dem Fuß eine zweite. Diesmal geht es Literatur, genauer gesagt, explizit um die Picaro- oder Schelmenromane. Während seine Freunde langsam verbürgerlichen, heiraten und sich Kinder und Haustiere anschaffen, will der Ich-Erzähler noch einmal reisen, noch einmal (oder vielleicht zum ersten Mal?) etwas erleben. Doch der Picaro ist – auch in seinem eigenen Selbstverständnis – nicht der nonkonforme Punk, der dieser Ich-Erzähler offenbar ist. Der Picaro, der Schelm, der sich überall durchschlägt, ist im 21. Jahrhundert der Jung-Manager, der als Hans-Dampf-in-allen-Gassen sich überall auskennt, alles tun oder lassen kann, jeden kennt oder in kürzester Zeit kennen gelernt hat.

Der Picaro hat in fünf Jahrhunderten etwas Wertvolles gewonnen: Er ist inzwischen achtbar und wird beneidet. Einst im Widerspruch zur Welt, ist er heute ihr vollkommenes Ebenbild. Besser noch: Er ist die Welt selbst. Im 21. Jahrhundert schließlich, nachdem er über unzählige Massengräber gestolpert ist, ist der Picaro frei und unbeschwert; Millionen seinesgleichen funkeln wie Lichter auf der Erdoberfläche; sie bilden das Mosaik der Weltordnung.

So ein Picaro ist auch der Fahrer des Audi A4, und schon auf Seite 21 erkennt der Ich-Erzähler in Saint-Preux (so heisst der Vermögensberater) seinen Meister.

Saint-Preux ist unterwegs zu einem Kongress in Vesoul. Er hat sich aber seinen Terminplan so eingerichtet, dass er vor Beginn des Kongresses noch einen Tag frei hat. Am Vorabend des Kongresses gehen deshalb die beiden auf eine Kneipentour. Und hier nun kippt die Geschichte ins Groteske. Im ganzen Provinznest Vesoul finden die zwei keine anständige Brasserie. Zuletzt landen sie in einer Art Spelunke, wo sie sich großzügig am lokalen Weißwein bedienen. Dinge führen zu Dingen – das Gelage artet in eine Schlägerei mit den anwesenden Einheimischen aus. Dabei zeigt sich, dass Saint-Preux auf seinem i-Phone eine App installiert hat, die als Laser-Schwert funktioniert.

Am folgenden Tag landen die beiden auf einem Literaturfestival der besonderen Sorte. Es nennt sich Hibernale der Dichter. Der Zutritt erfolgt über einen Tunnel der Zitate, wo sich allerhand entstellte Zitate finden – entstellt, weil sich Komitees von Literaturwissenschaftlern (Männer und Frauen, Vertreter aller Religionen, aller Hautfarben, aller sexuellen Orientierungen und aller Körper- und Geistesformen) darüber gebeugt hatten, um ihnen jede Form von Ableismus weg zu schreiben. Selbst Baudelaire wird nicht verschont. Nur ein Zitat findet der Ich-Erzähler, das unverändert hingesetzt worden sei. Es stammt angeblich von Aragon. (Die Übersetzer weisen in ihren Anmerkungen am Ende des Romans darauf hin, dass das Zitat in Tat und Wahrheit aus einem Gedicht André Bretons stammt – und der Schluss geändert worden ist…)

Auf dem Literaturfestival treffen die beiden Protagonisten auf allerhand Leute: pazifistische Nazis, aggressive Kleinwüchsige, Schwule, Lesben, Transsexuelle – das ganze Spektrum politischer oder sozialer Ausnahmezustände ist vertreten und wird von Quentin Mouron durch den Kakao gezogen. Ich will hier gar nicht erst versuchen, die Erlebnisse der beiden an diesem Tag nachzuerzählen, zu abstrus ist das Ganze – bei aller Abstrusität aber durchaus unterhaltend. Mouron hat eindeutig vom Surrealismus gelernt. Und vom Punk-Rock.

Am folgenden Tag aber wird alles anders. Während am ersten Tag des Festivals die rivalisierenden Gruppen immer und immer wieder in wahre Schlachten verwickelt wurden, geschieht am zweiten etwas, das alle diese Auseinandersetzungen stoppt und die Gruppen vereint. Und hier nun erklärt sich der zweite Teil des Roman-Titels. Der 7. Januar 2015 ist der Tag, an dem zwei Terroristen der Al-Qaida die Redaktionsräume der Satire-Zeitschrift Charlie Hébdo stürmten und insgesamt 12 Menschen erschossen. Die Nachricht von diesem Anschlag, die auch in der Realität die französische Nation zumindest für den Moment einte, ja weltweit alle in den Ruf Je suis Charlie einstimmen ließ: Sie lässt auch die Zwistigkeiten der Teilnehmer des Literaturfestivals zumindest für diesen Tag verstummen. Selbst wer die Satire-Zeitschrift vorher kaum beachtet, oder gar als altväterisch verachtet hatte, wird sich plötzlich zu Charlie erklären. Mouron versteht es, diese plötzliche Einigkeit aller fein-ironisch-satirisch als das darzustellen, was es war: eine zwar im Moment ernst und ehrlich gemeinte Empörung, die aber diesen einen Moment nicht überdauern konnte.

Auch für Saint-Preux ändert zum Schluss relativ wenig. Der Kongress ist verschoben und nach Pontarlier verlegt worden. Und anstatt eines Menschen, der ihn „Meister“ nennt, reisen nun deren zwei mit ihm, weil in Vesoul sich noch ein Gymnasiast angeschlossen hat, der sich als Dichter fühlt aber mit seinem Stiefvater und der alkoholkranken Mutter nicht klar kommt. Das Heer der Pikaros hat ein Mitglied mehr.

Fazit: Grotesk. Überdreht. Satirisch und manchmal zum Schreien komisch. Ein Büchlein, das den Alltag sprengt. Zumindest für den Moment. Mehr kann auch Saint-Preux nicht verlangen.


Quentin Mouron: Vesoul, 7. Januar 2015. Aus dem Französischen übersetzt von Holger Vock und Sabine Müller. Zürich: bilgerverlag, 2020

Mit Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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