Theodor Gottlieb von Hippel: Lebensläufe nach aufsteigender Linie

Theodor Gottlieb von Hippel (1741-1796), den Wikipedia den Älteren nennt, um ihn von seinem gleichnamigen Neffen und Testamentsvollstrecker zu unterscheiden, war ein hochrangiger und verdienter Verwaltungsbeamter in preussischen Diensten, Bügermeister und schliesslich Stadtpräsident von Königsberg. In dieser Funktion war er auch häufiger (Ehren-) Gast bei Immanuel Kants Mittagsmahlzeiten. Für ihre Verdienste um Preussen wurden 1790 einige Mitglieder der Familie geadelt.

Hippel gilt als Aufklärer, und von seinen Schriften sind vor allem die über die Rechte der Frauen im 20. und 21. Jahrhundert ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Hippel publizierte seine Werke anonym, und es war ihm gar nicht recht, als dieses sein Anonymat gelüftet wurde. Immerhin befand er sich in derselben Zwickmühle, wie so mancher Autoren-Kollege, der ebenfalls ein hohes Amt in der Verwaltung ausübte – der Zwickmühle nämlich, dass Hippel in seinen Schriften Vorgänge kritisierte, die er im realen Leben unterstützen musste, die Verurteilung junger, mittelloser Frauen wegen Abtreibung oder Kindesmord beispielsweise. Ähnlich wird man ja bei Brockes das Gefühl nicht los, der Autor müsse sich wegen seiner harmlosen Freude an der Natur und an seinem Garten immer auch physikoteleologisch rechtfertigen; und Rabener vermied es gar gänzlich, in seinen Ständesatiren die Stände anzugreifen, mit denen er beruflich verkehrte, und machte lieber den Landjunker lächerlich, mit dem er nichts zu tun hatte.

Hippels Aufklärung ist eine gemässigte. Die Religion beäugte er bedeutend weniger kritisch als sein Freund Kant. Nicht nur aus utilitaristischen Gründen vertrat er eine Position des naiven, redlichen, protestantischen Christentums – er selber lebte wohl auch so. Diese Position finden wir auch in seinem zu seinen Lebzeiten bekanntesten Werk wieder, den Lebensläufen nach aufsteigender Linie. Wir erfahren darin die Geschichte eines jungen Mannes aus dem lettischen Kurland, dessen unglücklich verlaufende Jugendliebe, sein Studium der Theologie in Köngisberg, den Tod seiner Eltern, seine Heirat. Das Ganze verläuft nicht undramatisch und nicht ohne Hindernisse. Ein klassischer Entwicklungsroman also.

Dabei schrieb Hippel in diesem Roman überaus modern. ‘Modern’ nicht nur nach zeitgenössischen Begriffen – Hippel führt in grossem Stil die Ich-Erzählung ein, und hat Lawrence Sternes Poetik der Digression ins Deutsche übernommen, wo er dann zusammen mit dem Iren zum Vorbild Jean Pauls wurde. Hippel ist auch ‘modern’ nach heutigem Massstab: Die Gespräche, die er in seinem Roman überliefert, wirken so lebensecht, als hätte sie ein Goncourt an einem Pariser Künstler-Dîner mit-stenografiert, bei andern Ergüssen des erzählenden Ich erinnert Hippels Erzähl-Technik sogar an die zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühende Technik des Stream of Consciousness, bei der man das Gefühl hat, dem Ich bei der Verfertigung seiner Gedanken zuhören zu können.

Last but not least ist die Grundidee des Romans ziemlich revolutionär. Der Titel-Zusatz Nach aufsteigender Linie nämlich deutet Hippels Versuch an, die Lebensläufe seiner Figuren – den jungen Mann und Ich-Erzähler, der als roter Faden dient, einmal ausgenommen – quasi von ‘hinten her’ zu erzählen. Das heisst, dass wir erst nach dem Tode des Vaters z.B. von dessen eigentlicher Herkunft erfahren, die dem Sohn zu dessen Lebzeiten ebenso rätselhaft blieb wie der Mutter und Gattin. Auch die Figur des Grafen, der eine Art Sterbe-Hospiz betreibt, und der selber nur in dunklen Räumen lebt und bereits in seinem Sarg schläft, ist in ihrer Bizarrerie erst wieder bei der späten Schauer-Romantik, bei Poe, oder dem frühen Surrealismus eines Lautréamont anzuztreffen.

Alles in allem verlangt Hippels Roman eine aufmerksame Lektüre. Es ist zwar nicht so, wie Wikipedia vorgibt, dass die Ich-Erzähler ohne Vorwarnung ändern und so den Leser verwirren. (Eher schon ist es so, dass – ähnlich wie bei den Goncourts! – bei den stenografischen Gesprächsnotizen schon mal der Wortführende nicht genannt wird, und erraten werden muss.) Aber die Übergänge sind oft gut versteckt. Einige der Digressionen sind auch zu lange geraten und verführen den Leser zum raschen Überblättern. Wie so oft zu jener Zeit mischen sich auch aufklärerische mit empfindsamen Gedanken – will sagen: eine gewisse Larmoyanz ist dem Roman nicht abzusprechen. Aber die Gestalt des den Tod hofierenden Grafen alleine ist meiner Meinung nach die Lektüre wert gewesen.

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