Rudyard Kipling: Über Bord [Capitains Courageous]

Schriftsteller besitzen gegenüber Normalsterblichen den Vorteil, dass sie sogar ihre Rachephantasien zu Gold machen können. Jener verzogene Millionärssohn, über den sich Rudyard und seine Mitpassagiere auf dem Pazifikdampfer so ärgerten: In diesem Roman lässt ihn der Autor einfach über Bord fallen.

Das ist allerdings erst der Anfang des Romans. Harvey Cheyne – so heisst der junge Mann – wird nämlich von einem Fischerboot halb ertrunken aus dem Wasser gezogen und so gerettet. Seine Versuche, den Skipper der We’re Here dazu zu überreden, umzudrehen und ihn an Land abzusetzen, scheitern, und so muss er als Mitglied der Crew eine ganze Saison als Fischer arbeiten. Sehr rasch wird dabei aus dem verwöhnten Schnösel ein ganzer junger Mann und ein brauchbarer Teil der Mannschaft.

Kipling gelingt es dabei, nicht nur die Entwicklung des Jungen zu beschreiben. Er schildert das Schicksal der Crew-Mitglieder, und das auf eine Art und Weise, dass sich vor dem Leser ein ganzer Mikrokosmos auftut. Wie viele verschiedene Typen sind da nicht versammelt, wie viele Schicksale auf einem Boot vereint. Schon alleine für die Schilderungen all dieser Menschen hätte Kipling den Literatur-Nobelpreis verdient gehabt. Aber er schildert ebenso, und so weit ich als Landratte das beurteilen kann, ebenso präzise, das alte, bereits im Aussterben begriffene Handwerk der Hochsee-Fischerei im Nordwest-Atlantik, vor der Küste Neufundlands. (Diese Gegend, einst sehr fischreich, ist heute praktisch leergefischt.)

Zum Lesevergnügen trägt auch die exzellente Übertragung durch Gisbert Haefs bei. Haefs fungiert auch als Herausgeber und hat in dieser Funktion ein ebenfalls ausgezeichnetes Nachwort geschrieben, das nicht nur die Entstehungsgeschichte des Romans beschreibt, sondern auch versucht, die einseitige Sicht auf Kipling als Rassisten und Kolonialisten zu korrigieren. (Es ist wahr: In Über Bord kommen Männer verschiedener Rassen und verschiedenen Glaubens vor, ohne dass der Autor sich über den einen oder andern negativer ausliesse.) In Kiplings viel zitierter Definition des Kolonialismus als The burden of the white man legt Haefs so das Gewicht auf das Wort ‘Bürde’, einer Bürde, die der Weisse nun leider einmal auf sich genommen hat (was er gemäss Haefs Kipling besser sein gelassen hätte), und die er nun nicht mehr so einfach los wird. Auch der Warner vor dem Faschismus aus den 1930ern wird von Haefs in ein anderes Licht gesetzt. (Die Swastika, die sich auf frühen Ausgaben von Kiplings Werk findet, war ein altes, indisches religiöses Symbol und lange in Verwendung, bevor es der Nationalsozialismus missbrauchte.) Die ‘Fussnoten’ des Übersetzers sind als Marginalien halb in den Text eingerückt und verschmelzen sich so nahtlos in den Lesefluss – eine ausgezeichnete buchgestalterische Idee!

Meine Ausgabe von Über Bord (Büchergilde, 2015) ist ausserdem ganz hinten mit einer Skizze eines Segelschiffs versehen von der Art, wie es die We’re here war, auf der Harvey das Erwachsen-Sein gelehrt wurde. Dort sind die Segel und andere Schiffsteile mit ihren seemännischen Bezeichnungen versehen – so, dass auch eine Landratte wie ich weiss, wo er das Geffeltoppsegel zu suchen hat, mit dem Harvey so lange zu kämpfen hat, bis er es herunterkriegt. Speziell ist die Bindung des Buchs: Es ist auf der Vorderseite ein zweites Leinenstück eingebunden – so, dass sich aussen auf dem vorderen Buchdeckel eine Tasche bildet. In diese Tasche wiederum ist eine Landkarte gesteckt worden, in der die Gegend von Neufundland, wo Harvey das Fischer-Handwerk lernt, aufgezeichnet ist. Auch diese Karte ist hilfreich, orientieren sich doch der Skipper der We’re here und seine Crew immer wieder mit Hilfe von Landmarken bzw. Tiefen und Untiefen.

Ich kann mir vorstellen, dass ich als 10- oder 12-Jähriger dieses Buch verschlungen hätte. Es ist aber nicht nur für Jugendliche geeignet. Auch den Erwachsenen vermögen die Schilderungen all der menschlichen Schicksale auf der We’re here zu faszinieren, ebenso wie die Beschreibungen des Schiffs selber, von Wind und Wetter auf hoher See und den verschiedenen nautischen Vor- und Verrichtungen auf einem alten Segelboot. Für mich war das Buch ein wirkliches Highlight dieses Jahres.

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