Tom Segev: Es war einmal ein Palästina

Das Buch behandelt den Zeitraum zwischen der Balfour-Deklaration (1917) und dem jüdisch-arabischen Krieg von 1948, jene Zeit also, in der die Briten die Mandatsherrschaft über Palästina ausübten. In diesen drei Jahrzehnten hat sich das politische Schicksal des Nahen Ostens entschieden – und nicht zu seinem Besten.

Noch vor der Balfour-Deklaration hatten die Zionisten den Traum von einem eigenen Staat beschworen – obschon sie nicht wirklich an die Realisierung geglaubt hatten. Der Erste Weltkrieg, die Befreiung Palästinas von den mit den Deutschen befreundeten Türken durch die Engländer nebst deren seltsamen Annahmen über die „Macht der Juden“ (die auf höchst irrationalen und im Grunde antisemitischen Gefühlen basierten) brachten sie ihrem Ziel (zu ihrer eigenen Überraschung) näher – und führten zu einer diplomatischen Zwickmühle für das Vereinigte Königreich, aus der es sich bis zu seinem Rückzug nicht mehr befreien konnte. Auch wenn nur von einer „Heimstätte“ in diesem Dokument die Rede war und die maßgeblichen Politiker wie Chaim Weizman oder Ben Gurion es lange Zeit vermieden, von einem Nationalstaat zu sprechen, konnte man nun von zionistischer Seite stets auf diesen (auch von den Versailler Friedensverhandlungen anerkannten) Vertrag sich berufen. Das Problem der Engländer bestand nun darin, dass man auch der arabischen Seite Zusagen bezüglich eines arabisch-palästinensischen Staates gemacht hatte, Zusagen, die durch die Balfour-Deklaration fragwürdig geworden waren.

Und schon bald zeigte sich die Unmöglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens in Palästina: Man konnte sich über Einwanderungsquoten nicht einigen, die Araber sahen die Gefahr, von ihrem Land vertrieben zu werden*, während die Engländer zwischen die Fronten gerieten (aber doch zumeist die Juden begünstigten). Während der 20er und 30er Jahre verschärften sich die Fronten, die wenigen Initiativen, die von jüdischer oder arabischer Seite für ein gemeinsames Zusammenleben unternommen wurden, fielen den sehr viel populäreren, extremistischen Positionen beider Seiten zum Opfer**. Und so trieb man sukzessive in einen Bürgerkrieg, es gab Gräueltaten auf beiden Seiten, die schon bald nur noch eine Entscheidung durch Waffen möglich machten. Die Engländer verwalteten nur noch, sie investierten nichts in Schulen oder Ausbildung der einheimischen Bevölkerung, während die Juden sich sehr viel besser zu organisieren verstanden. Weshalb der 1948 schließlich ausbrechende Krieg die Araber auf verlorenem Posten sah: Kaum jemand der arabischen „Bruderstaaten“ unterstützte die Palästinenser, sie hatten weder Waffen noch militärische Strukturen (wie etwa ein gemeinsames Oberkommando) und waren daher weitgehend chancenlos.

Segevs Buch ist einfach nur großartig zu nennen: Geschrieben von einem israelischen Historiker ist es von stupender Objektivität, geißelt die (unzähligen) Verbrechen auf beiden Seiten (als auch die völlige Unfähigkeit der Engländer, in diesem Konflikt vernünftig zu vermitteln). In diese umfangreiche Darstellung verwoben sind zahlreich Einzelschicksale: Segev zitiert aus Briefen, Tagebüchern (von jungen jüdischen Einwanderern), aus den Notizen jüdischer und arabischer Persönlichkeiten und verleiht dadurch dem Buch einen berührend-authentischen Charakter. Immer aber bleibt der Autor der historischen Wahrheit verpflichtet, nirgendwo hat man je den Eindruck, als ob er sich auf die eine oder andere Seite schlagen würde, sondern versucht die Standpunkte aller Beteiligten nachzuvollziehen und herauszuarbeiten. Es gibt wohl wenige historische Bücher, die bei einem Thema von derartiger Brisanz der Wissenschaftlichkeit in dieser Weise dienen, insofern darf dieses Buch mit Recht als herausragend bezeichnet werden.


*) Einer weitverbreiteten Mär zufolge haben die Juden das meiste Land käuflich erworben: Tatsächlich aber handelte es sich bei den Käufen nur um etwa 6 – 12 % des Staatsgebietes, wobei die meisten Grundstücke von arabischen Großgrundbesitzern erworben wurden. Die Pächter, die bisher dieses Land bestellten, wurden anschließend vertrieben (was schon sehr früh beanstandet wurde: Von den Engländern wurde sogar ein Verbot des Grundstückverkaufs bewirkt, das aber immer wieder umgangen wurde).

**) Als Palästina in den 20er Jahren von einem Erdbeben erschüttert wurde, bedauerte ein Engländer, dass nicht sämtliche „heiligen“ Stätten samt und sonders zu Schutthaufen geworden wären: Vielleicht hätte dann der damals schon viele Tote fordernde Streit um die Klagemauer endlich ein Ende gefunden. Was aber zu bezweifeln ist: Wer um einer Mauer willen den anderen umzubringen bereit ist, lässt sich von keinem zum Schutthaufen gewordenen Heiligtum von seinem ach so heiligen Eifer abbringen.


Tom Segev: Es war einmal ein Palästina. München: Siedler 2005.

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