Midas Dekkers: Geliebtes Tier: Die Geschichte einer innigen Beziehung

Nachdem ich dieses Buch mit viel Vergnügen gelesen habe, dachte ich mit einem günstigen Buch desselben Autors nicht viel falsch machen zu können. Und es war auch kein Fehlgriff, nur nicht das Erwartete (nämlich eine Untersuchung der Beziehung des Menschen zu seinen Haustieren in evolutionärer Hinsicht).

Sondern vielmehr eine Art Kulturgeschichte der Sodomie. Für eine derartige Untersuchung bieten sich zuvörderst die zahlreichen Mythen an (Zeus hat ja in allerlei Gestalten seinen begehrten Jungfrauen beigewohnt) – und bei Dekkers erfährt man denn auch, warum er sich Leda in Form eines Schwans genähert hat (weil sich nämlich dieser Vogel als einer der wenigen eines stattlichen Gliedes rühmen kann). Und auch das Christentum beginnt mit Sodomie: Die Taube im Schoße der Jungfrau (wenngleich ich mir den Akt von Taube und Mensch nicht wirklich anschaulich vorzustellen in der Lage bin). Des weiteren sind in diesem Zusammenhang die zahlreichen Fabelwesen von Bedeutung bzw. auch die Erzählungen von lüsternen Menschenaffen (King Kongs Beziehung zur Dame seines Herzens ist nur eine Variante von der Schönen mit dem Biest), Erzählungen, für die es in der Wirklichkeit aber an Belegen mangelt.

Daneben gibt es noch Ausflüge in die Rechtsgeschichte (im Regelfall wurden bei sodomitischen Beziehungen beide Beteiligte verurteilt und somit auch so manches Kalb oder Pferd dem Scheiterhaufen überantwortet). Interessanter, teilweise auch überraschender die Belege für sodomitische Beziehungen in unserer Zeit: Zum einen überraschen die Zahlen (etwa des Kinsey-Reports), der bei der männlichen us-amerikanischen Landbevölkerung auf 50 % sodomitische Kontakte kommt. Zum anderen thematisiert Dekkers auch das verbreitete Tabu solcher Verbindungen und stellt die Frage, ob diese zu Recht ein Fall für den Psychiater und eine Normverletzung darstellen. Dergleichen hat man vor noch nicht allzu langer Zeit auch von der Homosexualität behauptet, während man heute in einigermaßen aufgeklärten Kreisen an diesen Beziehungen nichts Verwerfliches mehr sieht. Doch Dekkers vergisst hier einen Punkt, der ihm im Zusammenhang mit den Rechten von Tieren durchaus klar vor Augen steht: Mit Rechten sind zumeist auch Pflichten verbunden; diese aber setzen einen freien Willen voraus. Und genau hier liegt das Problem: Ein Tier kann sich kaum frei dazu entschließen, eine Beziehung zum Hoferben aufzunehmen – und ebensowenig der Rüde, der sich den Avancen seiner Besitzerin ausgesetzt sieht. Denn bei allen sexuellen Beziehungen stellt sich stets die Frage nach dem Einverständnis – und ob der/die/das Betreffende ein solches aufgrund seiner geistigen Verfasstheit auch zu geben imstande ist.* Ich vermag nicht zu beurteilen, inwieweit ein größeres Säugetier unter solchen Aktivitäten leidet (Hühner sterben zumeist daran) bzw. unter welchen Umständen man eine solche Beziehung tolerieren könnte. Dass Derartiges per se krankhaft sei ist aber tatsächlich eine fragwürdige Feststellung: Gerade in Hinsicht auf sexuelle Präferenzen sollte man mit solchen Urteilen vorsichtig sein.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass Dekkers den Bogen in diesem Buch häufig (und vielleicht absichtlich) überspannt: Nicht jeder Kontakt zwischen Haustier und Besitzer ist sexueller Natur. Einer Katze das Fell zu kraulen scheint mir eher eine sinnliche (haptische) Erfahrung zu sein, wie überhaupt sinnliche Erlebnisse keineswegs immer mit Sexualität in Verbindung stehen. Akustische, optische, haptische oder olfaktorische Erfahrungen können schön und erfüllend sein ohne einen Bezug zur Fortpflanzung zu haben (obschon sie damit in Zusammenhang stehen können), ebenso gibt es zwischenmenschliche (zwischen-mensch-tierliche) Beziehungen ohne sexuellen Hintergrund. Dekkers aber sieht sogar in der Kastration von Stieren in der Landwirtschaft etwas irgendwie erotisch Motiviertes: Das erscheint dann doch übertrieben und lächerlich und erinnert an die Freudsche Sexbesessenheit, bei der kein noch so unschuldiger Gebrauchsgegenstand vom Verdacht, Sexualsymbol zu sein, freigesprochen wurde (bei Dekkers mag das aber einer bewusst provokativen Haltung geschuldet sein). – Insgesamt ein amüsantes, weil häufig freches Buch, das sich kein Blatt vor den Mund nimmt, andererseits scheinen mir einige Ausführungen fragwürdig. Insgesamt aber war ich – bei aller anfänglichen Skepsis – eher positiv überrascht und habe mich über weite Strecken gut unterhalten.


*) Das ist ja auch die Crux bei der Pädophilie: Die Neigung an sich ist keineswegs strafbar (oder auch nur verwerflich, denn diese Neigungen sucht sich niemand aus), hingegen wird die Tat selbst zu Recht unter Strafe gestellt. Weil man davon ausgeht, dass Menschen bis zu einem bestimmten Alter (wie immer man das festlegt) nicht in der Lage sind, die Reichweite ihres Tuns einzuschätzen. Weshalb auch die explizite Zustimmung des Betreffenden nicht vor Strafverfolgung schützt.


Midas Dekkers: Geliebtes Tier: Die Geschichte einer innigen Beziehung. München, Wien: Hanser 1994.

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