H. C. Andersen’s Sämmtliche Märchen

Deutsch von Julius Reuscher. Illustrirt von Ludwig Richter, Theodor Hosemann, Graf Pocci und Oscar Fletsch. Zwölfte vermehrte Auflage mit über hundert in den Text gedruckten Holzschnitt-Illustrationen, fünf Tonbildern. Volks-Ausgabe. Leipzig: Ernst Julius Günther, 1875. Gelesen in folgendem Reprint: Hans-Christian [sic!] Andersen: Andersen’s Sämmtliche Märchen. Dresden: Fachbuch-Verlag Dresden, 2013.

Ob Reuschers Ausgabe wirklich sämmtliche Märchen Andersens enthält, will ich auf die Schnelle nicht entscheiden. Sie enthält jedenfalls viele, alle bekannte und sehr viele unbekannte.

Hans Christian Andersen (er lebte von 1805 bis 1875 und nannte sich als Autor immer nur H. C.) war der letzte grosse Hersteller von Kunstmärchen. Tatsächlich sind einige seiner Märchen so berühmt geworden, dass man sie heute oft für Volksmärchen hält: Die Prinzessin auf der Erbse, Däumelinchen, Des Kaisers neue Kleider, Das hässliche Entlein, um nur die bekanntesten zu nennen. Andere, ebenso bekannte, weichen vom Typ des Volksmärchens genügend ab, um dem Autor Andersen zugeschrieben zu bleiben: Der Tannenbaum, Die kleine Meerjungfrau (in Reuschers Übersetzung ist es noch eine Seejungfrau), Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, um auch hier nur die wichtigsten zu nennen.

Aber auch die „Volksmärchen“ Andersens sind keine klassischen Märchen, wie wir sie von den Brüdern Grimm kennen. Das eigentlich Märchenhafte tritt oft in den Hintergrund; Hexen und gute (oder böse) Geister kommen kaum vor. (Auf Dänisch heissen die „Märchen“ denn auch Eventyr, was man wohl mit ‘Phantastische Geschichten’ übersetzen müsste.) Andersens Märchen sind bekannt dafür, dass nicht alle ein klassisches Happy Ending aufweisen. Sätze wie „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ oder „Und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende“ wird man bei ihm vergebens suchen.

Andererseits sind auch die unglücklich endenden Geschichten nicht wirklich unglücklich. Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, das in der Kälte einer Neujahrsnacht erfriert, ist nur unglücklich in den Augen jener, die am Morgen den erfrorenen Körper finden. Das Mädchen selber ist höchst glücklich gestorben, kam doch seine heissgeliebte und schon lange verstorbene Grossmutter und holte es ab. Es beschäftigen sich überhaupt viele von Andersens Märchen mit dem Thema von Sein und Schein, mit dem Thema von vermeintlichem und wahrem Glück. Das macht – auch wenn Julius Reuschers Übersetzung ein wenig betulich wirkt – seine Eventyr bis heute zu einer Lektüre, die man geniessen kann. Und man sollte wirklich auch die unbekannteren lesen: Die Galoschen des Glückes, Der fliegende Koffer oder Die Stopfnadel. Viele seiner Märchen sind zwar von der damals herrschenden Religiosität getränkt (Dänemark war im 19. Jahrhundert ein ungeheuer frommes Land!). Sie versenden aber selbst dabei ironisch-satirische Spitzen gegen die Herrschenden: Den Einsatz eines Dickens für die Kinder der Ärmsten, die Verlierer der Industriellen Revolution, findet man auch bei Andersen. Die Märchen, die uns oft einen Einblick in die Lebensumstände des kleinen Bürgertums im dänischen 19. Jahrhundert geben, transzendieren zugleich diese Lebensumstände zur allgemeinen Conditio humana.

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