Paul Scheerbart: Lesabéndio

Arno Schmidt hielt ihn für einen bunten Projekteur mit beschränkter Haftung, Adolf Bartels bezeichnete ihn als den blödsinnigsten aller deutschen Symbolisten, und für Otto Julius Bierbaum war er schlicht ein weiser Clown.

[…]

Für Walter Benjamin war Scheerbart daher ein großer Erdenbürger … der in einer Sprache, die so klar und farblos ist wie Glas die Linsen zur Vorschau in die Zukunft geschliffen hat … Und der darüber, bei seiner Linsenschleiferei – wie einst Spinoza – Weiser wurde.

S. 9-14

So beginnt, bzw. endet die Einleitung von Karl-Heinz Ebnet zu meiner Ausgabe1), in der Ebnet selber übrigens Scheerbart mit den Epitheta Kosmiker, Phantast und einer der eigenständigsten deutschen Schriftsteller der Jahrhundertwende versieht. Schmidt konnte Scheerbart, der 1915 starb, so wenig persönlich kennen wie wir heute; Bierbaum und Benjamin hingegen werden ihn gekannt haben.

Ich meinerseits möchte Scheerbart, vor allem den Scheerbart des kleinen Romans Lesabéndio, der 1913 mit dem Untertitel Ein Asteroiden-Roman erschien, vor allem „skurril“ nennen. Lesabéndio ist die Geschichte des gleichnamigen Bewohners des Asteroiden Pallas. Der Asteroid heisst sowohl bei den Erdbewohnern wie bei seinen eigenen Einwohnern ‘Pallas’. Einer der Pallasianer, der auf die Erde gereist ist, vermeldet, dass dort dieser Name zu Ehren eines Astronomen (sic!) namens ‘Peter Simon Pallas’ gewählt worden sei. Die Geschöpfe, die auf Pallas leben, bestehen im Grunde genommen nur aus einer Art riesigem Saugfuss, einem Kopf und unzähligen Händen. Nahrung nehmen sie im Schlaf zu sich, indem sie sich auf eine Pilzwiese hinlegen und in der Nacht die Sporen des Pilzes über eine extra dafür ausgefahrene Haut aufnehmen. Lesabéndio ist einer der grossen Künstler-Baumeister, die der Asteroid kennt. (Scheerbart übrigens schreibt im Text konsequent Asteroïd, nur im Roman-Untertitel erscheint das Wort in der Schreibweise, die wir üblicherweise im Deutschen verwenden.) Lesabéndio plant einen grossen Turm, mit dem er eine leuchtende Wolke, die den Himmel eine Kilometer über der Nordhalbkugel abdeckt, durchstossen möchte, um herauszufinden, was sich jenseits befindet. Es gelingt ihm, die ganze Bevölkerung zu begeistern, was unerlässlich war, weil er die Hilfe von ganz Pallas benötigt.

Im Roman finden sich viele kleine skurrile Ideen, und er ist in dieser Beziehung ein eigentliches Lesevergnügen, bis zum Schluss. Und damit meine ich: ausgenommen den Schluss. Dort durchbricht Lesabéndio nämlich tatsächlich die leuchtende Wolke und geht dabei in eine Art anderes Leben über. Am besten kann man es beschreiben, wenn man sagt, dass seine Seele zur Seele seines Heimat-Asteroiden wird. Dieser Prozess geht nicht ab ohne grosse Schmerzen für Lesabéndio wie für seine Mit-Pallasianer, aber – und hier verspüre ich ein gewisses Unbehagen – die Moral von der Geschicht’ wird wie folgt formuliert: Der sich selber Quälende kommt immer weiter. Diese Moral behagt mir in sich selber schon nicht; im Text wird sie – wohl ohne, dass sich Scheerbart dessen bewusst wurde – alsobald ad absurdum geführt, wenn ein zweiter Pallasianer ebenfalls versucht, die leuchtende Wolke zu durchbrechen, drei Mal einen Anlauf nimmt, drei Mal grosse Schmerzen dabei verspürt, drei Mal dabei scheitert und zum Schluss aufgibt und den für Pallasianer üblichen Tod stirbt, indem er sich von einem Artgenossen für eine Art Metempsychose mit Haut und (mangelnden) Haaren aufnehmen lässt.

Abgesehen von diesem Ende besticht Scheerbarts Roman durch eine Fülle an Ideen, die zwar oft nicht ganz logisch und konsequent bzw. kohärent daherkommen, aber faszinieren. Ein wenig kommt sich der Leser vor wie ein kleines Kind, das die Eltern erzählen hört, nicht so ganz versteht, worum es wirklich geht, aber gespannt zuhört. Auffällig sind die vielen Farben und Lichter, mit denen nicht nur der Asteroid, sondern das ganze Scheerbart’sche All ausgestattet und beschrieben ist.

Ein Büchlein also, das seinen Leser halb bewundernd, halb zweifelnd zurücklässt.


1) Ein vor Jahren im Neu-Antiquariat erworbenes Taschenbuch aus einer Reihe namens Deutsche Klassiker, mit einem Copyright-Vermerk 1994 SWAN Buch-Vertrieb GmbH, Kiel. Ich habe damals tatsächlich etwelche Bücher aus der Reihe gekauft, bin aber später nie wieder über diesen Verlag gestolpert und habe auch sonst keine Ahnung, woher er kam oder wohin er ging. (Habe mir aber auch keine Mühe gegeben, etwas herauszufinden.)

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