Giulia Enders: Darm mit Charme

Vor etwa vier oder fünf Jahren landete die Medizinstudentin Giulia Enders mit diesem Buch einen Überraschungscoup. Praktisch aus dem Nichts eroberte sie Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste in der Kategorie Sachbuch, um dort über Monate zu bleiben. Dazu kamen Interviews in den angesehensten Zeitungen und Zeitschriften, Auftritte in diversen Talkshows im TV. Einige davon habe ich gelesen bzw. gesehen. Vor allem in den Talkshows war es interessant zu sehen, wie praktisch jeder Talkmaster – meist handelt es sich bei ihnen ja um nicht mehr ganz so junge Männer – auf einer Nebenbemerkung Enders’ herumritt, die „richtige“ Position beim Stuhlgang betreffend. Das wirft m.M.n. ein etwas seltsames Licht auf diese Herren, da ich den Eindruck nicht los wurde, dass man(n) da insgeheim seine Lust am Fäkalischen an einer jungen, gut aussehenden Frau auslebte, die das erst noch provoziert hatte. Eine Kritikerin hingegen zeigte eine Gemeinsamkeit zwischen Darm mit Charme und Charlotte Roches Feuchtgebieten auf, indem beide Autorinnen Tabus ansprachen (und brachen) – Roche, die „Wilde“, die mit Ekel und lautstarker Provokation arbeitet; Enders, die „Brave“, die den Darm als eine Art Wunder biologischer Ingenieurskunst hinstellt, in dem Tausende Komponenten sinnvoll zusammenwirken.

Bücher von Bestseller-Listen lese ich eigentlich nicht. Und so habe ich zwar den Rummel, der damals um Giulia Enders stattfand, aus dem Augenwinkel verfolgt, fühlte mich aber nie veranlasst, das Buch in die Hand zu nehmen. Nun ist mir aber vor kurzem eine schon etwas zerlesene Taschenbuch-Lizenz-Ausgabe auf den Tisch geflattert, so dass ich beschloss, doch einmal einen Blick ins Buch zu riskieren. Ich war zugegeben skeptisch. Die Skepsis wich zusehends einer nicht geringen Begeisterung: Giulia Enders ist tatsächlich etwas gelungen, das auch vielen gestandenen Wissenschaftern und / oder Sachbuchautoren nicht immer gelingt. Sie vereinfacht gerade so viel, dass der medizinisch-biologische Laie folgen kann, aber nicht so viel, dass der Text einfach nur kindisch würde. Statistiken sind, wo sie angezogen werden, in den Text integriert; die von Kollege scheichsbeutel monierte Unsitte, wichtige Punkte in separat platzierten Boxen zu präsentieren, fehlt bei Giulia Enders überhaupt gänzlich. Natürlich fehlt (wie bei einem Buch, das die Bestseller-Listen stürmt, nicht anders zu erwarten) die obligate humorvolle Darstellung nicht, aber auch diese überschwemmt das Buch keineswegs – und vor allem, was bei diesem Thema nicht selbstverständlich ist: Giulia Enders enthält sich vollständig der platten Fäkalwitze, die sie problemlos hätte einflechten können. Das Buch vermeidet im Übrigen keineswegs wissenschaftliche Termini, im Gegenteil – sie werden aber in jedem Fall dem Laien erklärt. Das Kindlichste am Buch sind die Illustrationen von Jill Enders, Guilias Schwester und (gem. Klappentext) diplomierte Kommunikationsdesignerin. Aber es handelt sich bei ihnen um Illustrationen im eigentlichen Sinn: Visuelle Darstellung von Sachverhalten, die auch im Text erklärt werden. Man kann sie also bei der Lektüre auch weglassen, ohne Information zu verlieren. Im Anhang für jedes Kapitel eine Liste weiterführender Literatur – keine weiteren populärwissenschaftlichen Texte, ja nicht einmal die übliche einführende Literatur für Medizinstudenten, sondern Aufsätze aus medizinisch-biologischen Fachjournalen. (Wie überhaupt das Buch den aktuellen Stand der medizinisch-biologischen Forschung abzubilden sucht.)

Der Text folgt im Grossen und Ganzen dem Weg, den unser Essen nimmt, vom Moment an, wo wir es kauen, bis zum Moment der Ausscheidung der Reste. Anders, als die oben zitierte Kritikerin suggeriert, bleibt Giulia Enders wissenschaftlich; an keiner Stelle des Buchs insinuiert sie, dass „die Natur“ oder gar (ein) Gott dieses oder jenes extra so und so (nämlich: so gut!) eingerichtet hätte, wie es ist – keine Ingenieurskunst also, keine Teleologie. Allerdings kann Enders sogar dem Blinddarm, als Aufenthaltsort vieler nützlicher Bakterien, etwas Gutes abgewinnen. Die Bakterien sind sowieso die heimlichen Hauptdarsteller in diesem Buch – durchaus zu Recht, wenn man an die wichtige Rolle denkt, die unsere Darmflora (die keine Flora ist, sondern eine Fauna) für unser Befinden, unsere Stimmung(en) spielt. Der Darm, als Zentrum des vegetativen Nervensystems, wird dargestellt als ein dem Hirn (dem Zentrum des somatischen Nervensystems) ebenbürtiges Organ – ja vielleicht sogar ihm überlegen. Jedenfalls korrigiert Enders nicht zu Unrecht Descartes’ berühmtes Diktum „Ich denke, also bin ich“ und möchte es sinngemäss so formuliert haben: „Ich verdaue, also befinde ich mich, also denke ich, also bin ich.“

Ein schönes Plädoyer für ein Organ, von dem wir bestenfalls nur seine Abfallprodukte wahrnehmen – und auch die meist nur sehr ungern.

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