Kurd Laßwitz: Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit im Zusammenhange mit seiner Kritik des Erkennens allgemeinverständlich dargestellt

Gekrönte Preisschrift steht auf dem Titelblatt dieses 1883 erschienenen Textes. Tatsächlich handelt es sich hier um Laßwitz’ Antwort auf eine Preisauschreibung, die 1880 durch das Literatur⸗Institut von E. Last in Wien versandt wurde, im Namen eines gewissen Julius Gillis aus St. Petersburg; eine Preisausschreibung, deren Ziel es war, gleichgesinnte philosophisch durchgebildete Männer zu veranlassen, eine Popularisierung des wichtigsten Lehrsatzes Kants von der Idealität von Zeit und Raum zu versuchen. (So im Vorwort.) Laßwitz erhielt offenbar den ersten Preis zugesprochen. Ich weiss leider nicht, was diese Ausschreibung wert war – nicht im pekuniären Sinn (die Preissumme wird sogar genannt, man könnte sie in heutiges Geld umrechnen), sondern wissenschaftlich-philosophisch gesehen. Weder weiss ich, wer oder was das Literatur⸗Institut von E. Last in Wien genau war (eine wissenschaftliche Leihbibliothek und eine recht bekannte Kulturinstitution Wiens, ja – aber was heisst das?), noch kenne ich Herrn Gillis oder die übrigen eingereichten Schriften. Einzig die Juroren werden genannt, und unter diesen befand sich immerhin Wilhelm Wundt.

Laßwitz’ Text verwirrt zu Beginn der Lektüre, weil er einen eigenen Zugang zu Kants Erkenntnistheorie nimmt. Er beginnt nämlich mit der aktuellen Naturwissenschaft, deren Weltbeschreibung er als fundamental atomistisch und materialistisch einstuft. Das ist, so Laßwitz, ganz in Ordnung, so lange wir im Bereich der Naturwissenschaften bleiben; es stellt sich jedoch die Frage, wie die so beschriebene Welt von aussen in den Menschen hinein kommt. Hier wechselt Laßwitz, ohne dass es der Leser zuerst so ganz bemerkt, zu Kants Erkenntnistheorie über, wie sie der Königsberger vor allem in der Kritik der reinen Vernunft vorgelegt hat, und kommt zum Schluss, das letztendlich jede Wissenschaft, ob Psychologie, Theologie oder was auch immer, ihre eigene Welt beschreibt und, so lange sie innerhalb ihrer eigenen Welt bleibt, eine korrekte Weltbeschreibung liefert, die nicht in Konkurrenz zu einer andern steht.

Die Kritik der reinen Vernunft wird von Laßwitz im Übrigen fleissig zitiert, leider aus einer Ausgabe, die uns heute nur in digitalen Archiven zugänglich ist: Herausgeber war ein gewisser Dr. Karl Kehrbach, erschienen ist sie bei Reclam jun., ein Erscheinungsjahr wird von Laßwitz nicht genannt. Ich konnte sie im Digitalen Archiv der Bayerischen Staatsbibliothek ausfindig machen: Es steht tatsächlich kein Erscheinungsjahr auf dem Titelblatt, die Bibliothek gibt ca. 1878 an. Allerdings ist da wohl die Zweite verbesserte Auflage des Reclam-Hefts gemeint, da diese digitalisiert ist. Das Reclam-Heft präsentiert die Kritik der reinen Vernunft, wie Kehrbach ausführlichst in seinem Vorwort begründet, in der Form der ersten Auflage von 1781 (= A). Da Laßwitz nach Seitennummern zitiert, ist ein Vergleich mit andern Ausgaben mühsam, und ich habe darauf verzichtet. Sowohl Auswahl der Ausgabe wie Zitierweise führe ich auf den populären Charakter der Schrift zurück. Es werden im Übrigen – soweit ich es nachvollziehen konnte – keine Schlüsselstellen zitiert.

Fundamental atomistisch und materialistisch sind die Naturwissenschaften, haben wir gesagt, und sind bei Laßwitz’ Frage stehen geblieben, wie denn nun diese so gestaltete Aussenwelt in das erkennende Subjekt hinein kommt. Diese Trennung von ‘aussen’ und ‘innen’ ist ihrerseits für den Text fundamental und wird nicht hinterfragt. Fazit Laßwitz-Kants ist es, dass letzten Endes gar keine Verbindung herrscht. Was der Mensch von der Welt weiss, ist immer etwas ‘innen’ Gestaltetes. Ohne die Kategorien von Raum und Zeit kann er sich nichts denken, kann er nichts erfassen. Das Ding an sich darf nicht als ‘Ding’ aufgefasst werden (denn dann wäre es etwas, das völlig dem ‘Innen’ angehören würde), sondern es ist Kants Zeichen für die Barriere, die ‘innen’ und ‘aussen’ trennt. Was auf der andern Seite dieser Barriere ist, ob da überhaupt etwas ist, kann nicht erkannt werden. Auf diese Weise trennt Kant den Gordischen Knoten des Münchhausen-Trilemmas ganz einfach durch: Der Mensch organisiert seine Erkenntnis nach Raum und Zeit. Was diesen nicht unterworfen ist, kann nicht vorgestellt werden, und ob so etwas überhaupt existiert, kann der Mensch nicht wissen, wird er nie wissen, weil er es nie erkennen können wird. Eine letzte ‘Ursache’ der vom Menschen erkannten Dinge, eine ‘Ursache’ der Welt kann nicht erkannt werden. (Darüber – und Laßwitz tönt die Wittgenstein’sche Wendung des Arguments bereits an – kann nicht einmal sinnvoll geredet werden.) Das erkennende Ich steht – im Gegensatz zum erkannten Ich – ebenfalls ausserhalb von Raum und Zeit. Es ist sozusagen der Gegenpol zum Ding an sich. Zwischen diesen beiden liegt die Welt des Erkannten, des Erkennbaren. Auf diese These kocht Laßwitz Kants Kritik der reinen Vernunft zusammen.

Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit ist tatsächlich recht einfach verständlich und wohl für einen philosophischen Laien durchaus zugänglich. Ob Vereinfachungen als solche aber sinnvoll sind, wäre eine andere Diskussion. Jedenfalls habe ich schon dümmere Einführungen in Kants kritischen Idealismus gelesen.

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