Die Horen. Jahrgang 1795. Viertes Stück

Pünktlich zum neuen Monat wird das alte Stück der Horen abgeschlossen 🙂

Dante’s Hölle

August Wilhelm Schlegel fährt weiter. Ich fand es sehr gelungen, wie der Kritiker und Übersetzer zum einen – völlig ohne Respekt vor dem „grossen“ Dante – zugibt, dass die eine oder andere Szene dem Altmeister eher unfreiwillig komisch geraten ist. (Aber es wird wohl Dante auch noch nicht den Ruf des unantastbaren Klassikers gehabt haben zur Zeit der Horen, zumindest nicht in Deutschland. Und Schlegel kritisiert auch nicht um des Heruntermachens Willen.) Andererseits bringt Augst Wilhelm auch gut ausgewählte Ausschnitte, wo er den Text direkt übersetzt und nicht einfach referiert. Gut gewählt ist z.B. die Stelle, wo Dante zugibt, einerseits zwar vor lauter Horror und Angst vor den Teufeln beinahe zu sterben, anderseits aber seine Neugier nicht bezähmen kann, die Namen der Teufel auswendig lernt und auch von jedem Unglücklichen, der da im heissen Pech gesotten wird, seine Geschichte hören will – so macht man den Leser auf einen Text neugierig! Und wenn Schlegel dann zugibt, dass er nicht zu erraten wage, warum ausgerechnet nur diese eine Brücke hier in der Hölle zerbrach, als bei Jesu Tod das famose Erdbeben stattfand, so macht ihn das auch nicht unsympathisch.

Im übrigen ist – wie User Gontscharow schon im Forum festhielt – Schlegels Übersetzung äusserst gelungen; es ist zu bedauern, dass August Wilhelm nicht die ganze Commedia übersetzte.

Ueber die männliche und weibliche Form

Der zweite Teil des Aufsatzes von Wilhelm von Humboldt ist nicht wirklich erleuchtender als der erste im dritten Stück der Horen. Mir scheint, ein Teil des Kuddelmuddels stammt vom Autor selber, der immer wieder realen Charakter von Männlichem und Weiblichem (Männern und Frauen?) vermengt mit deren Darstellung in der bildenden Kunst. Da schon der reale Charakter im Grunde genommen kein solcher, sondern eine Fiktion ist, wird es mit der Darstellung umso komplexer. Und da Humboldt immer wieder zwischen den beiden Polen Realität und Kunst schwankt, kann man keine klare Definition ausmachen – ausser, dass er offenbar Schillers ästhetische Position verdeutlichen will, quasi eine Anleitung für angehende Künstler verfasst.

Humboldt konnte es eigentlich besser…

Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten

Nun fährt auch Goethe fort in seinen Unterhaltungen. Der alte Hausfreund möchte gern von sich aus ein Stück erzählen, wird aber von der Hausfrau unterbrochen, bevor er angefangen hat. Sie stellt ganz betimmte poetologische Bedingungen an die Erzählungen, die sie zu hören wünscht. So darf diese z.B. nur geradlinig sein, Unterbrechnungen und Verschachtelungen mag sie nicht.

Es ist zum einen sicher, wie auch im Forum festgehalten wurde, hier eine Öffnung Goethes zur Romantik sichtbar, indem eine Kunstfigur die Kunstform, in der sie auftritt, selber in Frage stellt. Zum andern aber zeigt sich beim Hausfreund auch ein etwas merkantiles Verhältnis zur Kunst: Geliefert wird, was gefällt. Hier sprach wohl auch der Hofdichter Goethe.

Die Geschichte könnte aus dem Vorbild der Unterhaltungen, Boccaccios Decamerone, stammen. Alter Mann heiratet junge Frau, geht auf Reisen, nicht ohne der Zurückgelassenen den guten Rat zu geben, sie solle, wenn sie dann der erotische Kitzel packe, doch so gut sein, einen tüchtigen und verschwiegenen Liebhaber sich zu besorgen. Die Frau verneint natürlich in gutem Glauben, dass sie je dieser Kitzel packen werde. Doch das Leben in Luxus fordert seinen Tribut. Die Frau erinnert sich an die Ermahnungen des Mannes und sucht sich tatsächlich einen wertvollen Galan aus. Der ist allerdings so wertvoll, dass er die Frau geschickt vom Luxusleben ablenken kann, und durch Fasten ihren erotischen Kitzel bricht (sie zugegebenermassen auch an den Rand des Todes bringt).

Und die Moral von der Geschicht‘? Platt wie im Original (das übrigens entgegen Goethes Meinung nicht der Decamerone war, sondern die Cent Nouvelles Nouvelles – danke für die Mitteilung an Gontscharow aus dem Forum)? Oder doch eine Aufnahme der klassischen Position Schillers, wonach jeder Mensch in der Lage sein soll, sich selber zum idealen Menschen zu erziehen?

Es ist nicht Philosophie oder Pädagogik, was Goethe liefert, sondern Kunst. Und somit bleibt er – wohl bewusst – in der Schwebe.

Merkwürdige Belagerung von Antwerpen in den Jahren 1584 und 1585

Eine uninspirierte Nacherzählung alter Chroniken. Wie konnte Schiller hoffen, mit so etwas ein Publikum anzuziehen? Ein typischer Lückenfüller. Schiller ist meiner Meinung nach kein Prosaautor.

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2 Kommentare zu Die Horen. Jahrgang 1795. Viertes Stück

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