Hermann Burger: Blankenburg / Unglaubliche Geschichten / Der Schuss auf die Kanzel

Für einmal kann ich den Werbe-Klappentext eines Buches zustimmend zitieren:

Hermann Burger war von uns allen der größte Paniker, der virtuoseste Spieler aber auch, um uns und natürlich auch sich selber jeweils wieder aus dem Loch der Ängste herauszuholen, in das er uns und sich – mit seinen Geschichten – hineinmanövriert hatte. Ein Großer der Literatur.

Aber dann stammt diese Aussage auch vom kürzlich verstorbenen Urs Widmer.

Blankenburg – Erzählungen

Meines Dafürhaltens vielleicht der beste Teil der in Band 3 der Burger-Werkausgabe von Nagel & Kimche versammelten Geschichten.

Da ist vor allem Blankenburg, die titel-gebende Erzählung. Der Ich-Erzähler leidet an sog. Leselosigkeit – Lesen ist ihm physisch und psychisch derart zuwider, dass ihm seine Haushälterin die Briefe der Schlossherrin von Blankenburg vorlesen muss. Die Erzählung ist in der Lieblingsform Hermann Burgers geschrieben: der schriftlichen Rechtfertigung eines Individuums gegenüber einem Dritten – einer Abwandlung des Briefromans. Wir haben hier allerdings – ähnlich wie in den Leiden des jungen Werther – einen ‚einseitigen‘ Briefroman vor uns, indem wir die Briefe der Gräfin nur aus den Repliken des schreibenden Ich rekonstruieren können. Sie werden uns nicht vorgelegt. Unser Ich lebt und leidet in einer Klause ganz ohne Bücher. (Das hindert es nicht daran – aus dem Gedächtnis, wie es sagt – der Schlossherrin ungeheuer viele literarische Zitate herbeibringen zu können.) Die Gräfin hingegen ist Herrin über eine riesige Bibliothek. Die Zahl der dort versammelten Bücher wächst im Laufe der Erzählung von etwa 20’000 bis gegen 50’000. Alles ist in diesem Schloss auf Bücher und aufs Lesen ausgerichtet – selbst die jeden Morgen auf dem Söller aufgezogene Fahne. Der in seiner Bettgruft Vergrabene zitiert Hufelands Ueber die Ungewißheit des Todes und das einzige untrügliche Mittel sich von seiner Wirklichkeit zu überzeugen und das Lebendig begraben unmöglich zu machen nebst der Nachricht von der Errichtung eines Leichenhauses in Weimar, denn der Tod bzw. eben der Scheintod stellen seine hauptsächlichen Ängste dar. Nicht-Lesen- und Nicht-Schreiben-Können sind andere Formen des Sterbens für ihn. So selber scheintod in seinem Kaff Schruns-Grächen hausend, wird er von der Schlossherrin und ihrem Hausarzt (der zugleich der Hausarzt ihrer Bücher ist) geheilt, indem sie ihr an Fontanes Stechlin ausgerichtetes Leben zumindest brieflich an Stifters Nachsommer anpasst. Die Initialzündung zur Heilung war die Übersendung der 33 Bände des Grimm’schen Wörterbuchs – plus eines Blindbands für die eigenen Wörter des erzählenden Ich. Das Ganze ist eine Feuerwerk und Festschmaus für den Literatur-Liebhaber und den Bibliophilen; es ist auch ein (Fest-)Spiel des Autors mit seiner eigenen Biografie. Während es z.B. Blankenburg im Berner Oberland wirklich gibt (auch wenn die Bezeichnung ‚Schloss‘ dafür eher Schweizer Wunschdenken ist denn Realität, es ist ein typisches Herrenhaus der Berner Feudalzeit), finden wir auf der Landkarte kein ‚Schruns-Grächen‘ – wohl aber ein Grächen (im Kanton Wallis) und ein Schruns (im österreichischen Vorarlberg, dem Touristen bekannt als Schruns-Tschagguns). Ziemlich genau in der Mitte des Wegs von Schruns nach Grächen liegt – wer hätte das gedacht? – die mittelmässigste Provinz, die man sich vorstellen kann: der Kanton Aargau. So wundert es auch nicht, dass das wieder gesundete Ich, als es seine Gruft zum ersten Mal wieder verlässt, sich genau dort befindet. Ganz genau taucht es auf dem Schloss Brunegg wieder in die Landschaft, Burgers letztem Wohnsitz. (Im Gegensatz zu Blankenburg eine echte, mittelalterliche Burg – nebenbei gesagt.)

Der Puck ist eine Erweiterung eines frühen Werks. Im Wortspiel zwischen der Hartgummi-Scheibe des Eishockey und dem Kobold Shakespeare’scher Ausprägung angesiedeltes Quasi-Märchen.

Mit Die Wasserfallfinsternis von Badgastein – ein Hydrotestament in fünf Sätzen gewann Hermann Burger 1985 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Einmal mehr ein Rechtfertigungs-Schreiben. Das erzählende Ich, das an einer unheilbaren Krankheit leidet, von der es in Badgastein Linderung erhofft und sich deshalb daselbst in einem Hotel als Nachtportier anstellen lässt, gleichzeitig als Musik-Liebhaber nach einem verschollenen Werk Schuberts fahndend, erzählt wie es kam, dass die Wasserfälle von Badgastein plötzlich versiegten und es in der einsetzenden Stille nun in der Lage war, Schuberts verlorene Symphonie nachzukomponieren. Das Jury-Mitglied Marcel Reich-Ranicki hat die Erzählung hoch gelobt – kein Wunder, sie ist auch eine der typischen Erzählungen, mit denen man Jurys von Literaturpreisen beeindruckt: ein bisschen Literatur, ein bisschen Musik oder Malerei, eine ein bisschen verschrobene Sprache mit einem ein bisschen verschrobenen Helden. Burgers eigener Geist traf den Zeitgeist sehr gut. Im Gegensatz zu Blankenburg finde ich die Wasserfallfinsternis allerdings zu wenig genau komponiert.

Unglaubliche Geschichten und andere späte Prosa

Nichts, das man gelesen haben müsste. Eine Erzählung vom Sterben des grossen Magiers Houdini gehört noch zum Besten dieses Teils. Einen grossen Teil machen Geschichten aus, in denen Burger meines Dafürhaltens die Literatur missbraucht, um persönlichen Ressentiments Ausdruck zu geben. Mein Gefühl mag täuschen, aber ich mochte diese Erzählungen so nicht. Die Unglaublichen Geschichten sind welche, die sich tatsächlich ereignet haben oder haben könnten, aber mehr als ein momentanes Interesse bieten sie nicht. Ihnen fehlt die literarische Überhöhung, sie sind bestenfalls Nuklei für wirklich gute Geschichten.

Der Schuss auf die Kanzel

Die achtbändige Werkausgabe ist zunächst nach Gattungen sortiert, und erst innerhalb dieser Gattungen chronologisch. So kommt es, dass wir ganz zum Schluss der Erzählungen eine finden, die sich mit dem früher geschriebenen, aber erst im nächsten Band folgenden Roman Schilten beschäftigt. Auch hier allerdings wurde ich das Gefühl nicht los, dass diese Erzählung weniger meta-literarisch und mehr autobiografisch ist, sich Burger für seine Behandlung im Pfarrhaus von Küttigen rächt.

Die Geschichte erzählt nämlich, wie (und vor allem: warum!)  der Hilfs-Totengräber Umberer den Pfarrer Schmuhel auf der Kanzel erschossen hat. (Das ist dann allerdings auch die einzige Reminiszenz an C. F. Meyer, ausser natürlich der Tatsache, mit der Burger schon in seinen Kirchberger Idyllen gespielt hat, dass v.a. bei schludriger Aussprache ‚Kilchberg‘, wo Meyer begraben liegt, und ‚Kirchberg‘, wo Burgers Küttiger Pfarrhaus stand, leicht zu verwechseln sind.) Im Schuss auf die Kanzel wird enthüllt, dass tatsächlich der Autor Peter Stirner das Buch Schilten geschrieben habe, und es wird auch enthüllt, mit welchen Intrigen ihm die Kirchgemeinde Quittigen (ein leicht zu durchschauendes ‚Küttigen‘!) den Aufenthalt als Mieter im Pfarrhaus schwer machte. Eine Provinzposse, wie sie sich täglich ereignet. Burger gelingt der Ausbruch aus der Provinz nur im literarischen Versteckspiel, indem er gleich zwei Pseudonyme als Autorschaft seines grossen Romans vor sich selber stellt. Und selbst dann hat man den Eindruck, dass die Provinz in der Form der Kirchgemeindevorsteherschaft den sensiblen Autor Burger mehr getroffen hat, als er es wahrhaben will. Eine Rechtfertigungsschrift vordergründig, eine weitere literarische Rache im Hintergrund? Obwohl wir einiges darüber erfahren, mit welcher Taktik sich Stirner den Roman Schilten erarbeitet haben will, kann ich mich mit dem Schuss auf die Kanzel nicht anfreunden. Interessant und intrigierend höchstens die Frage, ob der Profi-Autor und begabte Amateur-Zauberer hier nicht einmal mehr, indem er vorgibt, seine Tricks zu verraten, einen weiteren Hasen aus dem leeren Hut zieht.

Parerga

Wie schon im zweiten Band der Werke folgen unter diesem Titel noch zusätzliche, zu den hier abgedruckten literarischen Texten gehörende theoretische und persönliche Reminiszenzen. Dem Burger-Aficionado sicher unerlässlich.

Alles in allem: Viel Futter, über das nachzudenken sich lohnt. Für mich Bibliophilen war das (einzige) Highlight dieses Bandes Blankenburg – natürlich auch auf Grund seiner fiktiven, literarischen Bibliothek. Aber selbst sprachlich will mir Burger in dieser Erzählung auf der Höhe seiner Meisterschaft erscheinen.

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