Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben

Der Titel ist Programm – und er spricht eine den meisten nicht zu Bewusstsein kommende Wahrheit aus. Buggle, Professor für Entwicklungs- und Sozialpsychologie, ist es weniger um das wohlbekannte sacrificium intellectus (die Widersprüchlichkeit der Bibel bezüglich moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse) zu tun, sondern um den moralisch-ethischen Aspekt. Und er weist im ersten Teil des Buches sowohl für das Alte als auch das Neue Testament die Untragbarkeit dieser Bücher für jeden aufgeklärten Menschen nach, er zeigt einen egoistischen, selbstgefälligen, brutalen und hinterhältigen, auf absoluten Gehorsam bestehenden Gott, der für Generationen von Kindern und Jugendlichen der Inbegriff eines Angst und Gewissensnöte erzeugenden Monsters geworden ist.

Dieser Teil ist für denjenigen, der die Bibel je mit einigermaßen unvoreingenommen Augen gelesen hat, nur eine simple Wiederholung, bestenfalls eine Bestätigung dessen, was man da selbst zu lesen gezwungen war, was aber keineswegs zum Allgemeinwissen des (auch gebildeteten) Mitteleuropäers gehört. Manchmal wird noch zur Kenntnis genommen, dass das Alte Testament eine brutal-sadistische Note habe, durch Indoktrination, selektives Zitieren von seiten kirchlicher Stellen und – häufig – Feigheit und Unwissenheit von seiten der Intellektuellen erfreut sich hingegen das fast ebenso brutale und als Grundlage für Moral oder Ethik völlig ungeeignete Neue Testament großen Ansehens. Dass etwa Jesus, ein bigotter, engstirnig-fanatischer Gläubiger war, der selbst in der Bergpredigt noch von ewigen Qualen und Höllenstrafen spricht, ist aufgrund der vorher erwähnten Selektion von Bibelzitaten den wenigsten bewusst. (So nebenher bleibt aber festzuhalten, dass auch das Alte Testament etwa für die katholische Fraktion absolut verbindlich ist: Denn noch im zweiten vatikanischen Konzil wird festgehalten, dass “alle Bücher des Alten und Neuen Testamentes heilig und kanonisch, weil unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben” sind. Der dort ständig vom “lieben Gott” anbefohlene Völkermord, das Umbringen der Zivilbevölkerung, von Frauen, Kindern und Säuglingen, die Ermordung Andersgläubiger oder von Atheisten etc. etc. müssen also irgendwie von Katholiken gerechtfertigt werden. Überhaupt bleibt mir diese Trennung von Alten und Neuen Testament (die ohnehin auch in moralischer Hinsicht – wie erwähnt – sinnlos ist) ein wenig rätselhaft: Gibt es ein Gotteswort erster und zweiter Klasse? Plagten den alten Jahwe bei der Abfassung des Alten Testamentes Verdauungsstörungen, war sein Sinn benebelt durch allzu viel Weihrauch, dass seine Anhänger nun seit Jahrtausenden seinen Sadismus beschönigen und hinter allerlei Wortwolken verbergen müssen?)

Dann setzt sich Buggle einmal mehr mit Hans Küng und dessen “aufgeschlossenem Christentum” auseinander. Eine philosophisch-epistemische Kritik hat Hans Albert schon vor vielen Jahren geschrieben (“Das Elend der Theologie”), sodass diesbezüglich nicht viel zu sagen bleibt. (Küngs Ansatz besteht darin, dem Leser zwei Möglichkeiten zu bieten: Eine vertrauensvoll gläubige Anerkennung der Realität oder eine nihilistisch sinnlose Variante. Leszek Kolakowski hat dieses Vorgehen treffend die “Erpressung mit der einzigen Alternative” genannt (ähnlich argumentiert auch Pascal in seiner Wette), ein Vorgehen, dass die unzähligen anderen, sehr viel angenehmeren und sich nicht der Verantwortung begebenden Möglichkeiten von vornherein ausschließt.) Indem nun aber Buggle die Inhumanität des Christentums in all seinen Wurzeln und Kerndogmen (etwa das Sühneopfer des “Sohnes”, ein aus höchst primitiv-archaischem Hintergrund stammendes Versöhnungsverfahren gegenüber als mächtig empfundenen Dämonen) nachweist, zeigt er auch die Unmöglichkeit einer “christlichen” Weltsicht, die nur dann unseren allgemein anerkannten grundsätzlichen Menschenrechten nicht widerspricht, wenn man die Bibel äußerst selektiv zitiert oder offenkundig Peinliches hinter symbolisch-hermeneutischen Wortkaskaden verbirgt, deren Unverständlichkeit vor allem im deutschen Sprachraum häufig mit Tiefe gleichgesetzt wird (ein Verfahren, das auch in der Philosophie höchst erfolgreich ist).

Neben Küng werden aber auch andere “christliche” Vertreter des öffentlichen Lebens kritisiert: Etwa die Gebrüder Weizsäcker oder auch H. v. Ditfurth, deren Versöhnungsversuche der Wissenschaft bzw. der Moral mit dem Christentum als intellektuell höchst unredlich gebrandmarkt werden. Und Buggle dürfte mit seiner psychologischen Diagnose Recht haben: Gerade die frühkindliche Indoktrination trägt Schuld an jenen unsichtbaren Schranken des Denkens, an einer Inkonsequenz, die sich die vorgenannten Denker in anderer Hinsicht nie würden zuschulden kommen lassen. Hier aber – bezüglich des Christentums – besteht eine tief internalisierte Hemmung, immer noch scheinen die Angstszenarien ihre Wirkung zu entfalten und im Grunde intelligente Menschen daran zu hindern, der offenkundigen Widersprüche wegen die einzig möglchen Konsequenzen zu ziehen: Nämlich die einer Abkehr vom Christentum.

Das führt auch zu einer anderen Problematik: Häufig werden Christentumskritiker mit dem sozialen Engagement vieler Christen konfrontiert (ein Engagement, das im übrigen nicht immer ganz so uneigennützig zu sein pflegt, wie es aussieht: Vor allem im sozialen und gesundheitlichen Bereich führt es zu Auswüchsen wie etwa der Abweisung von Vergewaltigungsopfern oder aber der Bevorzugung von christlichen Stellenbewerbern. Was so schlimm noch nicht wäre, würden diese Institutionen nicht mit staatlichem, also auch atheistischen Geldmitteln unterstützt). Nun ist selbstverständlich gegen das soziale Engagement an sich nichts einzuwenden: Aber dieses Engagement hat seine Wurzeln keineswegs in der vertretenen Religion bzw. in der Bibel – im Gegenteil. Weshalb vom rational-intellektuellen Standpunkt die Fundamentalisten in den Kirchen absolut im Recht sind: Weder ist irgendwo in der Bibel von Gleichheit die Rede (oder von der Gleichstellung der Frau: Gleichgestellt wird sie in den 10 Geboten mit dem Besitz und den Tieren des Nachbarns, welche man nicht begehren soll) oder von Toleranz (Andersgläubige werden abgeschlachtet, kommen in das ewig Höllenfeuer), von Kinderrechten (viele Erziehungsberechtigte konnten sich mit der Prügelstrafe zu Recht auf die Bibel beziehen) oder einem Respekt gegenüber der Natur (die soll dem Menschen untertan sein). Sodass man als Christentumskritiker redlicherweise die fundamentalistische Partei unterstützen muss, weil sie – wenn sie sich argumentativ auf die Bibel beziehen – schlicht im Recht sind. Traurigerweise sind es gerade auch diese “engagierten” Christen, die von Fundamentalisten häufig als Feigenblatt benutzt werden und damit verhindern, das zutiefst Unmenschliche der christlichen Religion offenkundig werden zu lassen. Wobei dies ohnehin häufig zutage tritt: Sind es doch stets konservativ-christliche Parteien, die nicht zufällig für Aufrüstung und Kriegseinsätze stimmen (nicht nur in den USA). Wobei auch hier zu sagen ist: Die Bibel als anerkannte Grundlage aller christlichen Konfessionen gibt diesen Hardlinern absolut Recht, sowohl was naturwissenschaftliche als auch moralische Belange anlangt. (Nicht zufällig stammt aus den USA auch die Rede von der Achse des “Bösen”: Der Böse (= Teufel) ist übrigens auch ein dogmatisch anerkanntes Wesen.)

Das Hauptübel liegt aber in der immer noch stattfindenden christlichen Indoktrination (etwa dem Religionsunterricht in den Schulen, der Unterstützung theologischer Fakultäten) und in der daraus (nicht nur, aber auch) resultierenden Feigheit vieler Intellektueller (etwa im Schul- oder Universitätsbereich, hier herrscht eine Beißhemmung gegenüber den religiösen Kollegen, die fast peinlich wirkt. Man übt sich in “onkelhafter Toleranz” (Buggle), geht über offenkundige Widersprüche hinweg, zeigt sich nachsichtig, wie man es etwa in wissenschaftlicher Weise nie wäre und auch nicht sein könnte). Dazu kommt der enorme Einfluss der Kirchen auf die öffentlichen Medien (Buggle berichtet etwa von seinen eigenen Schwierigkeiten, entsprechende Sendungen zu realisieren: Unbotmäßige Redakteure werden fast überall – nicht nur in Bayern oder Österreich – unter Druck gesetzt), der eben diese selektive Lesart der Bibel zur einzig richtigen erklärt und all die Dummheit und Unmoral, mit der “aufrechtes Christentum” zwangsläufig verbunden ist, unter den Tisch kehrt.

Umso wichtiger sind Bücher wie dieses: Aber sie werden allseits totgeschwiegen. Und der neue, ach so nette Papst, wird die Beißhemmung gegenüber dieser Kirche noch erhöhen, wird die intellektuelle Unredlichkeit fördern, weil man doch den lieben alten Herrn nicht kränken will. Dass aber die Religion und insbesondere das Christentum wahrscheinlich die Organisation in der Geschichte der Menschheit ist, die für die meisten Toten, Hingerichteten, Hingemetztelten gesorgt hat (und immer noch sorgt), dass dieses Christentum im Kern eine pervers archaische Haltung fördert, die unter entsprechenden Umständen (wie etwa derzeit im Islam) sofort wieder zu Religionskrieg und Intoleranz aufrufen würde, wird darüber vergessen und verdrängt.

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