Auerbachs Keller

Leipzig ist die Stadt Johann Sebastian Bachs. Er wirkte jahrelang als Thomaskantor an der gleichnamigen Kirche. Dort befindet sich auch sein Grab. Heute kennzeichnet es eine schlichte Metallplatte in der Thomas-Kirche. Als ich dort war, lagen zwei winzige Blumensträusse darauf. Ich bin nicht nahe genug hingegangen, als dass ich das Alter der schon leicht angewelkten Blumen hätte bestimmen können; das Grab ist mit einer Kette vor Zu- und Drauftritten geschützt, und ich verfüge nicht über die jugendlich-gymnastischen Verrenkungsmöglichkeiten, die der junge Japaner seinem Körper in meinem Beisein zumutete, um die Platte möglichst senkrecht von oben fotografieren zu können. Leipzig ist die Stadt Johann Sebastian Bachs, was sich auch darin ausdrückt, dass etwelche ausgehängte Plakate auf Aufführungen in der nächsten Zeit hinweisen.

Doch Leipzig ist auch die Stadt des jungen Goethe. Er studierte dort von 1765 bis 1768. In Leipzig lernte der aus dem noch recht altväterisch daherkommenden Frankfurt stammende junge Student die offenen, leichteren Sitten der grossen Welt kennen. Das muss ihn sehr beeindruckt haben – so sehr, dass er noch Jahre später eine der bekanntesten Szenen des Faust I in einem Leipziger Wirtshaus spielen lässt: Auerbachs Keller. Der Gasthof, schon zu Goethes Studenten-Zeiten alt, existiert auch heute noch. Sicher, er ist umgebaut und renoviert worden, und von der Studentenkneipe und halben Räuberhöhle, die Auerbachs Keller zu Goethes Zeit gewesen sein muss, ist heute nichts mehr zu merken. Natürlich versuchen auch 2015 die Inhaber, dem alten Bild möglichst nahe zu bleiben, mit bemaltem Deckengewölbe, und Tischen und Stühlen, die den Eindruck vermitteln, mindestens 100 Jahre alt zu sein. Aber zwischen diesen Tischen und Stühlen wuseln Kellner und Kellnerinnen umher, die die Bestellung des Gastes mit modernster Technik aufnehmen, nämlich in ein Gerät eintippen, das es ihnen unnötig macht, die eingetippte Bestellung noch persönlich in der Küche abgeben zu müssen. Sie wird elektronisch übermittelt. Und auch jenseits der modernen Technik: Auerbachs Keller ist heute kein Weinlokal mehr, wie zu Goethes Zeiten, sondern ein gediegenes Speiselokal, bei dem der Gast an der Tür empfangen und zu einem Tisch begleitet wird. Und nur ein Bierchen kippen zu wollen, geht gar nicht, wie ein Pärchen zu seinem Leidwesen erfahren musste, das gerade am Eingang stand, als ich den Keller verliess. (Um genau zu sein, nicht den Original-Keller, sondern den neueren, nur etwa 100 Jahre alten Ausbau.) Das Essen war in meinem Fall tatsächlich ausgezeichnet: Sächsischer Schmorbraten an einer Champignons-Sauce mit Rotkraut und Kartoffel-Klössen, dazu ein dunkles Bier – passt perfekt, wenn man den halben Tag schon in Leipzig herumgewandert ist.

Den späteren Nachmittag verbrachte ich dann mit einem einheimischen Forumsmitglied, das mir das eine oder andere Stück der neueren Stadtgeschichte (seit der Wende) zu erzählen wusste. Wir klapperten noch zwei oder drei Antiquariate ab, die in der Altstadt liegen. Dabei durfte ich feststellen, dass die alten Insel-Bücher in Leipzig offenbar Pflicht-Bestand eines Antiquariats sind. Im Übrigen ist Leipzigs Altstadt nicht riesig, und der Zweite Weltkrieg hat doch empfindliche Lücken geschlagen. Diese Lücken werden jetzt mit modernen Bauten aufgefüllt, so dass 200 bis 300 Jahre alte Häuser neben 20- oder 2-jährigen stehen. Dem einen oder andern Puristen mag das missfallen, aber künstlich die alten Bauten wieder nachzuahmen, kann auch keine Lösung sein. Als krönenden Abschluss haben wir dann noch den Coffe-Baum heimgesucht, ein Café, das schon August der Starke frequentiert haben soll. Auch wir waren stark und haben tapfer auf jeden Kuchen dort verzichtet…

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Werbetafel im Zentrum von Leipzig. (c) litteratur.ch

Auerbachs Keller habe ich übrigens nicht fotografiert – weder innen noch aussen. Dafür die Werbetafel eines andern Restaurants gleich in der Nähe. Ich fand halt den Deppenapostroph allzu schön…

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