G. K. Chestertons „Father Brown“

Dass die ursprüngliche deutsche Übersetzung von „Father Brown“ mit „Pater Brown“ zwar vokalisch gleich klingt, aber sachlich falsch ist, hat sich unterdessen, denke ich, überall herumgesprochen. Bei einem „Pater“ handelt es sich nämlich im Deutschen um einen Ordensgeistlichen. Brown dagegen ist ein Weltgeistlicher, dessen korrekte offizielle Anrede im Deutschen „Hochwürden“ wäre. Im englischsprachigen Raum werden auch Weltgeistliche mit „Father“ angeredet. Mittlerweile ist man dazu übergegangen, Brown auch in der deutschen Übersetzung mit „Father“ zu titulieren.

Chesterton hat 49 Erzählungen mit den Abenteuern des Father Brown veröffentlicht. Brown ist ein katholischer Geistlicher, der die Tricks und Schliche der Unterwelt kennt, weil er eine Zeitlang als Gefängnisgeistlicher gearbeitet hat. Hierin gleicht er also Miss Marple, die das Böse kennt, weil sie in einem kleinen Kaff in der englischen Provinz lebt. Doch Brown hat noch einen andern Trumpf in petto: Er vermag es, sich in die Psyche des Verbrechers hineinzuversetzen, und so kann er herausfinden, wer den Mord oder den Diebstahl begangen hat. Brown ist, sozusagen, die zweite Besetzung, die zwar nicht zum Zug kommt, die Rolle aber trotzdem genau studiert hat.

Last but not least kann Brown viele Fälle lösen, weil dieser unscheinbare Dorfgeistliche über profunde Kenntnisse der Kirchengeschichte und überhaupt der Geschichte verfügt. Ad hoch zurecht geschusterte übernatürliche Phänomene, die einen Diebstahl oder einen Mord vertuschen sollen, kann er so durchschauen, weil er die Unechtheit des Phänomens daran erkennt, dass der Bösewicht Dinge zusammenkleistert, die nicht zusammengehören. Wenn der Mörder sich z.B. als anglikanischer Pfarrer verkleidet, ist der Katholik Brown als einziger vom ganzen Dorf in der Lage, die Fälschung zu durchschauen, weil er als einziger feststellt, dass es nicht sein kann, dass ein anglikanischer Pfarrer ein Kreuz in seinen Privaträumen hängen hat (was ihn als Anhänger der High Church ausweisen würde), aber gleichzeitig das Theater und die Schauspieler als Teufelszeug verdammt (was einem Vertreter der Low Church zukommen würde). (Tatsächlich will der falsche Pfarrer keine Schauspieler sehen, weil er früher selber einer war, und fürchtet, erkannt zu werden.)

Im Grossen und Ganzen ist Brown Neuthomist, und versucht, Vernunft und Glauben miteinander zu versöhnen: Was nicht vernünftig ist, so Brown, darf auch nicht geglaubt werden.

Dass Chesteron – selber Konvertit – seine Figur Brown (auch) erfunden hat, um für den katholischen Glauben zu missionieren, merkt man ihr zum Glück nicht allzu sehr an. Dass Browns Fälle ebenso an den Haaren herbei gezogen sind, wie die von Miss Marple, wird durch die Tatsache, dass Brown nur in Kurzgeschichten agiert, ebenfalls recht erfolgreich verschleiert. Dass Brown auch ein Beispiel vom kleinen Dicken mit dem hellen Kopf abgibt, der die grossen, smarten Kerle regelmässig ausmanöveriert, macht wohl einen wichtigen Teil seines Erfolgs aus.

Wer Father Brown kennen lernen möchte, sollte tunlichst auf die deutschen Verfilmungen mit Heinz Rühmann verzichten. Es gab Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts eine TV-Serie mit Josef Meinrad in der Hauptrolle, die, soweit ich mich erinnere, ziemlich treu den Geschichten von Chesterton folgt. (Ausser natürlich der Tatsache, dass der lange Lulatsch Meinrad körperlich so überhaupt nicht zu Chestertsons Beschreibung des gedrungenen englischen Dorfpfarrers Brown passte.)

Alles in allem ein nette Lektüre für zwischendurch. Die einzelnen Fälle von Brown sind ja jeweils auf ein paar wenigen Seiten abgehandelt.

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