Robert Burton: The Anatomy of Melancholy. The Third Partition

The Third Partition, der dritte und letzte Teil also, von Robert Burtons Anatomy of Melancholy besteht seinerseits aus zwei Stücken, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einer Analyse der amorösen Tollheit und eine der religiösen Tollheit.

Zuerst also der amoröse oder Liebeswahnsinn. Bevor er so richtig ins Thema einsteigt, entschuldigt sich Burton zuerst, dass er so ein ’schlüpfriges‘ Thema überhaupt aufgreift. Als echter Büchermensch und -fresser tut er das, indem er eine Menge an Beispielen und Zitaten aufbringt, welche andere Theologen oder Kirchenväter sich auch mit diesem Thema beschäftigt hätten. Burton war, wie sich das für einen Mann gehörte, der nicht nur der anglikanischen Kirche angehörte, sondern zugleich der University of Oxford, ‚unbeweibt‘, konnte also offensichtlich nicht aus erster Hand über die Liebe schreiben. Vielleicht ist es aber gerade eine daraus resultierende ‚Rücksichtslosigkeit‘, die ihn dazu befähigte, mit dem Teil über die Liebe den besten Teil der Anatomy of Melancholy zu schreiben. Hier haben wir Satire pur. Zugegeben, der heutige Leser muss zuerst die Kröte schlucken, dass der Geistliche Burton die Liebe zu Gott zur reinsten und besten Form der Liebe erklärt, der Form, die allen andern Ausprägungen der Liebe vorangehen soll. Dann aber macht sich Burton über so ziemlich alle Formen von Liebe und Liebesverhältnissen lustig – über die geilen Böcke, die so ziemlich jede Frau flachlegen wollen, die ihnen über den Weg läuft; über die anämische Dame von Adel, die dann doch auch geheime Gelüste verspürt; aber auch über die jungen Männer, die aus Berechnung eine reiche, alte Ruine heiraten (und dies dann oft umsonst, weil sie doch noch vor lauter Ekel vor ihrer Frau sterben oder weil andere Nachkommen das Erbe beanspruchen, die der junge Mann völlig vergessen hatte). Und so geht es weiter im Ringelreihen der Liebe und der Sexualität. Nur die gleichgeschlechtliche Liebe übergeht er völlig.

In diesem Teil der Anatomy sehen wir auch, wie belesen Burton war. Er kennt und zitiert nun völlig andere Autoren und Werke, viel weltlichere bzw. weniger philosophische als bis anhin: der Spötter Lukian taucht vermehrt auf, Petronii Satyricon des öfteren, das Decamerone; des Parthenios Liebesleiden kennt er ebenfalls, auch aus den Essais des doch recht weltlichen Montaigne zitiert Burton. Alles in allem der Teil der Anatomy, der so richtig Spass macht beim Lesen.

Weniger Freude macht dem heutigen Leser der Schlussteil, wo es um den religiösen Wahn geht. Als ob er sich für die heidnisch-lustvolle erste Hälfte entschuldigen möchte, wird Burton im Schlussteil zum engstirnigen Theologen. Er macht sich zwar auch hier über diese oder jene religiöse Wahnvorstellung lustig – aber diese Wahnvorstellungen betreffen natürlich nur ‚die anderen‘, sprich: sowohl die ‚Heiden‘ (die alten Griechen und Römer, aber auch die Brahmanen) kommen daran, mit der Art und Weise zum Beispiel, wie im alten Rom praktisch für jede Tätigkeit und jeden Gegenstand eine eigene Gottheit kreiert wurde; die Muslime, wo sich Burtons Spott vor allem über Mohammed ausleert; aber auch die Papisten mit ihren ungezählten Heiligen und Legenden werden nicht verschont. Fast verschont, weil natürlich als einzige der einzig richtigen christlichen Glaubensform anhängend, werden die Protestanten – und völlig verschont natürlich Burtons eigene Kirche, die anglikanische.

Im Schlussteil bleibt Burton der typische Pfarrer, der auf Fragen, die tatsächlich Menschen in den Wahnsinn getrieben haben (wie zum Beispiel die, wer denn nun tatsächlich ‚in den Himmel‘ kommt: die mit den guten Taten im irdischen Leben, ein paar von Gott willkürlich und im vornherein schon ausgewählte Erlesene oder doch alle?), nur ungewisse und vertröstende Antworten bereit hat. So wird der Schluss der Anatomy of Melancholy für den heutigen Leser einigermassen ungeniessbar. Wenn nicht Burtons wundervoll-mächtige Sprache gewesen wäre, hätte ich wohl abgebrochen.

Es ist bezeichnend für den Geist des Schlussteils, dass er mit einem Zitat des Augustin endet:

Vis a dubio liberari? vis quod incertum est evadere? Age pænitentiam dum sanus es; sic agens, dico tibe quod securus es, quod pænitentiam egisti eo tempore quo peccare potuisti.

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