Jessica Pierce, Marc Bekoff: Vom Mitgefühl der Tiere

Eine Philosophin und ein Evolutionsbiologe auf der Suche nach spezifisch moralischem Verhalten in der Tierwelt. Ein Projekt, das nicht nur interessante Erkenntnisse verspricht, sondern bei mir als Leser offene Türen einrennt. Denn wer Darwin ernst nimmt, muss gleichzeitig auch die Sonderstellung des Menschen im Tierreich hinterfragen und alle Versuche, den Menschen als ein besonderes, durch unvergleichliche Eigenschaften sich auszeichnendes Wesen zu definieren, mit Skepsis betrachten. Ob animal rationale, homo faber, homo ludens, homo ridens oder, wie bei Hans Lenk, homo performans: Alle diese Begriffsbildungen, die dem Menschen einzigartige Eigenschaften zu konzedieren suchen, waren in Bezug auf ihre Einzigartigkeit alsbald zum Scheitern verurteilt. Angesichts der Tatsache, dass wir 99 % unseres Genmaterials mit den höheren Primaten teilen, kommt dieses Scheitern nicht überraschend: Wir sind ein Produkt der Entwicklung, eines, das besondere Fähigkeiten entwickelt hat (wie jedes „Produkt“ solche Besonderheiten für sich reklamieren darf), Fähigkeiten jedoch, die aufgrund unserer engen Verwandtschaft mit allen anderen Lebewesen, bei diesen in Ansätzen oder anderer Ausprägung ebenfalls vorhanden sind.

Dieser Wunsch, den Mensch aus der Masse der Säugetiere herauszuheben, ist – u. a. – einem christlichen Anspruchsdenken verbunden, das aus dem Menschen das Ebenbild Gottes zu machen sucht (wenn man sich die moralischen Physiognomien so mancher Gottesgläubiger ansieht, möchte man diesem Gott lieber nicht begegnen) und daraus ableitet, dass alles, was da sonst kreucht und fleucht auf diesem Planeten, ihm, dem Menschen untertan sei. Nur der Mensch besitze eine „Seele“ (ein irgendwie geistig und immaterielles Etwas, auch wenn das einen Widerspruch zu implizieren scheint: „Etwas“ und „immateriell“ sind nur schwer in Einklang zu bringen) und kraft dieser Seele, die das einzig wirklich Wertvolle am Menschen sei, sind wir denn auch berechtigt, mit den anderen Lebewesen entsprechend zu verfahren (philosophisch brachte dies Descartes mit seiner res cogitans und res extensa zum Ausdruck: Mit der Konsequenz, dass er Tieren sogar die Leidensfähigkeit abgesprochen hat). Je deutlicher wir uns von den übrigen Lebewesen unterscheiden, je mehr „unvergleichliche“ Eigenschaften wir an uns entdecken (auch wenn solche Ansätze wie oben stets zum Scheitern verurteilt waren: Lachen, Intelligenz oder Werkzeugerstellung ist durchaus nichts spezifisch Menschliches), desto eher kann man daraus die Berechtigung ableiten, dass allen anderen Kreaturen eine dienende Rolle im Weltgeschehen zukäme.*

Und so war das „moralische Tier“ für lange Zeit tabu: Auch wenn wir feststellen mussten, dass es im Tierreich Kooperation, Empathie, Altruismus oder sogar Gerechtigkeitsempfinden gibt. Eine krude sozialdarwinistische Einstellung schien das noch zu bestätigen: Das Überleben sei immer das Überleben des Stärksten, Brutalsten, desjenigen, der seine Macht am besten etablieren kann. Solche Vereinfachungen gab es vor (Hobbes) und nach Darwin en masse: Während das Konzept der Empathie, der Kooperation nur langsam in den Blickpunkt der Ethologen rückte und anfangs – weil ein derartiges Verhalten eigentlich gar nicht sein darf – auf rein utilitaristische Standpunkte zurückgeführt wurde.

Bekoff/Pierce bringen nun zahlreiche Beispiele, die kaum einen Zweifel am „moralischen“ Verhalten von Tieren zulassen: Wobei sie zurecht betonen, dass Moral kein übergeordneter Begriff ist, sondern von der Spezies abhängt. Elefanten, Primaten, Menschen, sogar Ratten haben ein jeweils spezifisches Moralverhalten und es wäre eine typisch anthropozentrische Haltung, unsere eigenen (im übrigen auch stark differierenden) Vorstellungen anderen Lebewesen aufoktroyieren zu wollen. Wobei sich die Autoren auch des Problemes bewusst sind, dass viel von der entsprechenden Definition der Begriffe abhängt. Ich kann Intelligenz, Empathie, Altruismus immer so definieren, dass sie ausschließlich auf Menschen zutreffen: Dies scheint aber kein legitimes Vorgehen zu sein. Fasst man diese Prinzipien also nicht bewusst eng, um andere Säugetiere (und um solche handelt es sich in den Beispielfällen durchgehend) von einer Teilhabe an diesen Begriffen auszuschließen, so kann man nicht umhin, praktisch jede moralische Haltung mutatis mutandis auch bei diesen Tieren zu konstatieren.

Das Buch aber ist trotz all dieser interessanten, instruktiven Ideen mit Vorsicht zu genießen: Man hat hier ein „Monstrum“ geschaffen, ein Mischwesen aus nettem Tierbuch mit Bilderchen (der Umschlag schon spricht Bände) und wissenschaftlicher Abhandlung mit einem wenig befriedigenden Ergebnis. So ist es ein Unding, dass auf Fußnoten völlig verzichtet wurde und nur eine Minimalbibliographie (die Bücher des eigenen Verlags) im Anhang erscheint (man kann sich allerdings die Fußnoten der englischen(!) Ausgabe auf der Seite des Verlages herunterladen); die Aufteilung in kleine Kapitelhäppchen (der leichteren Lesbarkeit halber) ist ebenfalls störend wie auch der oft ein wenig hilflos wirkenden Sprachduktus. Und es gibt auch keine wirklich klare Struktur: Es mangelt weitgehend an klaren Definitionen, die Autoren befleißigen sich einer seltsamen Übervorsicht in der Verwendung von prospektiv anthropomorphen Ausdrücken: Eine Vorsicht, die zwar prinziipiell nachvollziehbar ist, hier aber zu verschwommen Begrifflichkeiten führt. Der Gefahr, der Vermenschlichung des Tierverhaltens geziehen zu werden (diese Angst scheint für die Zurückhaltung ausschlaggebend gewesen zu sein) entkommt man auf diese Weise nicht. Hingegen sind klare, begründete Definitionen ein sehr viel besserer Weg, um derarten Vorwürfen vorzubeugen – und auch die Argumentation gewinnt aufgrund einer eindeutigen Terminologie an Schärfe. Und so wird man immer wieder mit Redundanzen und wenig stringenter Schreibweise konfrontiert, die die Qualität des Buches nicht unerheblich beeinträchtigen. Insgesamt aber ein wichtiges und anregendes Buch, das – wieder einmal – die Bedeutung der Ethologie für die Philosophie unterstreicht.


*) Wenn Tiere moralisch sind, hat das natürlich auch Auswirkungen auf unsere Moral im Umgang mit den Lebewesen: Das Zugeständnis, ein moralisches, verstehendes und entsprechend handelndes Wesen vor mir zu haben lässt Tierversuche in einem gänzlich anderen Licht erscheinen. Dann haben wir es nicht mehr nur mit einer indifferenten res extensa zu tun, sondern mit einem Tier mit Rechten und Würde: Und wir müss(t)en uns diesbezüglich auf eine Art Kooperationsebene begeben. Die schon in einem anderen Beitrag erwähnte Relativität des „höheren“ Lebens kommt hier wieder zu tragen: Wann und warum ist es einer Spezies erlaubt, eine andere weitgehend unabhängig von ihrem Wohl und Weh zu ihren Zwecken zu verwenden? Und könnten man ein solches Recht – so es zugestanden wird – nicht auch einer außerirdischen Spezies in Bezug auf den Menschen einräumen?
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