R. L. Stevenson: Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde

Auf den Inhalt von Dr. Jekyll & Mr. Hyde brauche ich wohl nicht einzugehen – der ist bekannt. 1886 zum ersten Mal erschienen, teilt dieser Roman mit Mary Shelleys Frankenstein das Schicksal, heute vorwiegend als Horror-Geschichte rezipiert zu werden. In beiden Fällen sind wohl die verschiedenen Adaptionen durch Funk, Film und Fernsehen in hohem Masse an dieser verqueren Rezeption mitschuldig, da diese Adaptionen sich nur auf den (zugegebenermassen vorhandenen) Horror-Bestandteil der beiden Romane stützen. Dabei geht es in beiden Romanen um ganz anderes: um die Möglichkeiten der modernen Wissenschaft und die daraus resultierenden Gefahren – für die Wissenschaft ebenso wie für den Wissenschafter. Science Fiction, nicht Horror.

Natürlich steht die gute, alte ‘Gothic Novel’ als Ahne oder Urahne hinter beiden Romanen. Bei Dr. Jekyll & Mr. Hyde wird schon im Titel das alte, romantische Schauermotiv des unheimlichen Doppelgängers angetönt, wie wir es z.B. von E. T. A. Hoffmann (oder auch Jean Paul) kennen. Nur ist bei Stevenson der Doppelgänger keineswegs übernatürlicher Herkunft, sondern Resultat eines verqueren Experiments des Wissenschafters Jekyll. Der hat es zustande gebracht, seine ‘böse Seite’ quasi abzuspalten. Mit Hilfe einer von ihm entdeckten Droge kann er sich in Mr. Hyde verwandeln. Sein Alter Ego lebt im Grunde genommen streng nach dem Lustprinzip. Es zeigt sich die Verwurzelung im viktorianischen Zeitalter darin, dass diese Lust als ‘böse’ qualifiziert wird. Und es zeigt sich das Viktorianische darin, dass diese Lust sich ‘nur’ als Gewalttätigkeit und unziemliches Reden ausdrückt. Die Sexualität z.B. bleibt völlig ausgeblendet. (Es kommen in diesem Roman keine Frauen in prominenten Rollen vor.)

Man kann den Roman auch als Beschreibung von Drogenmissbrauch ansehen, bzw. als Beschreibung einer zunehmenden Drogenabhängigkeit. Nachdem der Protagonist zu Beginn noch, zwar bedauernd, aber regelmässig und dann doch ‘vernünftig’ genug, das Gegenmittel wieder einnimmt, das ihn von Hyde zu Jekyll zurückkehren lässt, erleben wir zum Schluss, wie Jekyll sich in Hyde verwandelt sogar ohne Einnahme des Mittels, wie diese Verwandlung immer rascher und für den Protagonisten schmerzloser geschieht – und vor allem, wie das Gegenmittel an Wirksamkeit verliert. Zum Schluss sieht sich Jekyll mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Existenz für immer zerstört ist. Ob er als Hyde weiterlebt oder in seiner allerletzten Inkarnation als Jekyll den Mut aufbringt, sich irgendwie und irgendwo umzubringen – der Leser erfährt es nicht.

Das Raffinierte an diesem Roman ist, dass Stevenson uns das Schicksal von Jekyll/Hyde aus der Sicht von Gabriel John Utterson erzählt. Der Ich-Erzähler ist Anwalt und ein guter Freund von Dr. Jekyll. Er ist das Idealbild des Viktorianers: staubtrocken, mit wenig Phantasie ausgestattet und in bürgerlichem Wohlstand lebend. Der Unterschied zwischen ihm und seinem Freund, dem waghalsigen Forscher Jekyll, könnte kaum grösser sein. Das macht Utterson nicht nur zu einem glaubwürdigen Erzähler; es gibt der Geschichte auch jenen Hauch des Bizarren und Unerklärlichen, den sie braucht. Und es erschüttert die Unveränderbarkeit und Richtigkeit der viktorianischen Regeln, an die Utterson im Grunde genommen glaubt.


Gelesen in der Ausgabe der Folio Society, 22015. Mit äusserst gelungenen Illustrationen von Mervyn Peake, dessen Umrisszeichnungen gerade das Alltägliche, das der Geschichte als Hintergrund dient, betonen.

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