Alfred Russel Wallace: The Malay Archipelago. The Land of the Orang-Utan and the Bird of Paradise – A Narrative of Travel, with Studies of Man and Nature / On the Tendency of Varieties to Depart from the Original Type

Ich habe Wallace’ Bericht von seiner Reise in den malaiischen Archipel hier schon einmal vorgestellt. Allerdings war das damals in der völlig ungenügenden Ausgabe der edition erdmann im Marix-Verlag. Als nun die Folio Society ankündigte, eine eigene Ausgabe zu veranstalten, Originaltext von 1869, farbige Illustrationen (meist Reproduktionen von Litographien aus Wallace’ eigener Edition), und vor allem mit Wallace’ Aufsatz On the Tendency of Varieties to Depart from the Original Type von 1858, war es für mich klar, dass ich mir diese Ausgabe auch zulegen musstte. Der Aufsatz von 1858 ist nämlich wirklich interessant. Wallace schrieb ihn auf Borneo, in ein paar Tagen, die er Fiebers halben in seiner Unterkunft verbringen musste. Er schickte ihn noch von Borneo aus zur Begutachtung an Charles Darwin, und es war somit der Text, der Charles Darwin aus seinem dogmatischen Schlummer wecken sollte. Darwin nämlich wurde sich bewusst, dass hier ein anderer auf einem eigenen Weg zu praktisch denselben Resultaten gelangt war, was eine Entwicklung der Arten betraf, wie er selber. Darwin beendete einen eigenen kurzen Aufsatz zum Thema und liess beide Aufsätze zusammen in den Journals of the Proceedings of the Linnean Society, Abteilung Zoologie, veröffentlichen. Allerdings waren Darwin und Wallace’ Forscherkollegen nicht in der Lage, die Wichtigkeit dieser beiden Aufsätze zu erkennen. Darwin schrieb dann so rasch wie möglich das schon lange begonnene Buch On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life zu Ende. Wallace akzeptierte später Darwins Priorität immer, Zeit seines Lebens (und er wurde über 90 Jahre alt!) sprach er von der Evolutionstheorie immer als Darwinismus.

Dabei waren Darwins und Wallace’ Theorien nicht völlig identisch. Während Darwin z.B. Lamarcks Theorie, dass ein Individuum im Laufe des Lebens erworbene Eigenschaften an seine Nachkommen weitergeben konnte, nicht völlig ablehnte und die Veränderung der Arten als zielgerichtet verstand, war Wallace da ,moderner’: Er hielt die Änderungen für spontan. Sie konnten oder konnten nicht gegenüber der ursprünglichen Art Vorteile, vor allem in der Futterbesorgung, bieten. Fall sie Vorteile boten, würden sich die Veränderungen erhalten, und entweder würde die neue Varietät die ursprüngliche verdrängen oder sich in einer neuen Nische als neue Art festsetzen. Zielgerichtet waren die Änderungen nach Wallace’ Ansicht aber nicht. Allerdings dehnte Darwin die Evolutionstheorie auch auf die Pflanzen aus – Wallace war, wie man dem hier besprochenen Text anmerkt, vor allem Zoologe, die Pflanzenwelt (ausser ein paar Palmen) interessierte ihn wenig. Auch findet sich die These der sexuellen Selektion (das Weibchen zieht einen attraktiveren Partner einem weniger attraktiven vor) nur bei Darwin.

Im Übrigen habe ich meinen Worten zur deutschen Edition wenig hizuzufügen. Vielleicht zu ergänzen wäre, dass mir der im englischen Titel hervorgehobene ethnologische Teil von Wallace’ Forschungen diesmal mehr aufgefallen ist. Wallace versucht immer wieder einmal, die verschiedenen Rassen und deren Vorkommen zu definieren. Dazu dienen ihm physische Merkmale ebenso wie sprachliche – so findet er zum Beispiel Nachkommen der ursprünglichen portugiesischen Kolonisatoren vor allem anhand der Tatsache, dass sich in ihrem Malayisch immer noch portugiesische Redewendungen und Wörter finden lassen. Dass Wallace im Geist seiner Zeit unhinterfragt eine Stufenordnung der menschlichen Rassen annimmt und ähnlich wie Kipling die Aufgabe der weissen Rasse darin sieht, Kultur und Zivilisation zu den übrigen Rassen zu bringen, versteht sich von selbst – auch wenn er zugeben muss, dass die Malaien und die Papuas im Grossen und Ganzen ehrlicher sind als die weisse Bevölkerung Englands.

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