Jewdokija Rostoptschina: Die Menschenfeindin

Übersetzer und Herausgeber Alexander Nitzberg will mit der vorliegenden Werkauswahl – erschienen dieses Jahr (2019) bei Klever in Wien – eine seiner Meinung nach im deutschen Sprachraum zu Unrecht unbekannte russische Autorin ins Bewusstsein des Publikums rufen. Ja, er nennt Jewdokija Rostoptschina im Klappentext gar die bedeutendste russische Dichterin des 19. Jahrhunderts.

Rostoptschina lebte von 1811 bis 1858 und war – ich folge Nitzbergs Ausführungen in seinem Nachwort – Mitglied des russischen Hochadels. Ihre grosse Liebe durfte sie nicht heiraten; ihre Ehe war eine dynastische, die sie einging, nachdem ihr Geliebter ebenfalls eine andere geheiratet hatte. Sie steckte ihre überschüssigen Gefühle in ihre Dichtung und in ihr Leben als Autorin. Befreundet mit Puschkin, Gogol und Lermontow – vor allem Lermontow – publizierte sie in regelmässigen Abständen Gedichtbände. Jedenfalls so lange, bis zuerst Puschkin im Duell fiel, und wenige Jahre später auch Lermontow, der Puschkin in allem verehrt hatte und zum Schluss sogar dessen Tod im Duell imitierte. Rostoptschina aber kam auch in Russland ausser Mode. Die nun tonangebenden jungen Realisten hielten ihre Dichtung für veraltet; man warf ihr ihre Zugehörigkeit zum Hochadel ebenso vor, wie die Tatsache, dass sie gerne auf Bälle ging.

Tatsächlich machte sie zum ersten Mal Furore, als sie in einem Gedicht die russische Annexion grosser Teile von Polen kritisierte. Der Zar verschloss zur Strafe den Kreml vor ihr, und das war wohl die grösste Schmach, die er ihr antun konnte: dass sie nicht mehr die Bälle des Zaren besuchen durfte. Kein Wunder hielten sie die bürgerlichen jungen Autoren für einen Dandy.

Vorliegender Band enthält auf etwas über 200 Seiten neben dem Nachwort Nitzbergs vor allem Lyrik von Rostoptschina und ihr Drama Die Menschenfeindin. Die Gedichte sind jeweils zweisprachig aufgeführt – links das russische Original, rechts die deutsche Übertragung. Leider ist von den zwei Jahren Russisch-Unterricht damals am Gymnasium zu wenig hängen geblieben; ich kann heute nicht einmal mehr alle Buchstaben des russischen Alphabets auf Anhieb entziffern. Aber bei Lyrik ist so eine Zweisprachigkeit natürlich Pflicht. Für mich heisst es dennoch, dass ich mich auf die Arbeit des Übersetzers abstützen muss. Da wollen mir die Gedichte weder speziell gut, noch besonders schlecht erscheinen. Eine begabte Amatrice. Ton und Inhalt oft balladesk, alles in allem eher an die Gedankenlyrik Friedrich Schillers erinnernd, als an die spätromantische deutsche Natur- und Gefühlslyrik, deren Zeitgenossin Rostoptschina war. Zwei oder drei Gedichte Lermontows sind ebenfalls enthalten – Gedichte, die Lermontow als kurze Einführung in Rostoptschinas Gedichtbände verfasst hatte. Auch nicht die ganz grosse Lyrik. Das auf die Gedichte folgende Drama ist seinerseits etwas hölzern, was die Figuren und die Figurenführung betrifft.

Alles in allem müsste man also sagen, dass Rostoptschina wohl zu Recht vergessen ging. Wenn da nicht eine klitzekleine Kleinigkeit wäre… Diese Frau, die von ihren Zeitgenossen als Dandy abgetan wurde wegen ihrer Liebe zu rauschenden Bällen, zeigt in ihren Werken ein ganz anderes, erstaunliches Gesicht. Das Gedicht zum Beispiel, in dem sie die russische Annexion polnischen Gebiets kritisiert, tut das, in dem es Polen als die schwache Gemahlin Russlands stilisiert – und die Annexion als das, was wir heute „Vergewaltigung in der Ehe“ nennen. Und ihr Drama zeigt, bei aller Hölzernheit der Figuren, die Utopie einer Frau, die ihr Leben selber gestalten will und kann, die nicht auf Männer angewiesen ist, die sie und ihre Ländereien be“herr“schen. Tatsächlich schimmern bei Rostoptschina in der uns gegebenen Auswahl immer wieder feministisch-emanzipatorische Klänge durch. Es ist die von ihr vorgeführte Utopie der sich selber bestimmenden Frau, die ihre Texte nach wie vor lesenswert macht. Eine Utopie, die auch dem Herausgeber Nitzberg grösstenteils entgangen ist.

Zum Hören:
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