Hans Woller: Gerd Müller

Eigentlich sind Sportlerbiographien ein Genre, das wenig anziehend auf mich wirkt. Bei diesem Buch habe ich eine Ausnahme gemacht – zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Dem Zeithistoriker Hans Woller ist eine ganz ausgezeichnete Darstellung des “Bombers der Nation” geglückt, ganz ohne hagiographische Elemente, die einen Einblick in die (sport-)politische Landschaft Bayerns der 60er und 70er Jahre gibt und dabei so manchen, oft ungustiös-korrupten Abgrund auslotet.

Müller wurde 1945 in Nördlingen geboren und scheint von früh an nur ein wirkliches Steckenpferd gekannt zu haben – den Fußball. Und so wurden Scouts auf den 19jährigen Müller aufmerksam, der da in der Landesliga Süd Tor um Tor schoss und nach einigen Querelen mit seinem Heimatverein (die er diesem nie verzieh) beim FC Bayern München landete. Mit Nördlingen verließ er aber auch eine soziale Situation, in der er sich wohl und sicher gefühlt hatte, so geborgen wie vielleicht nur gegen Ende seiner Karriere wieder, als Assistenztrainer der A-Jugend bei Hermann Gerland. Dazwischen liegen schier unglaubliche Erfolge, unzählige Meistertitel, der Europacup der Landesmeister (die heutige Champions League), Torrekorde in der Bundesliga, er war oftmaliger Torschützenkönig (und hält mit 40 Treffern in einer Saison nicht nur bis heute den Rekord, sondern auch die zweit- und drittbeste Marke in dieser Statistik). Und ein Leben, das wohl nie wirklich glücklich war, eingespannt in ein ungeheuer strapaziöses Sportlerleben (100 Spiele pro Jahr waren keine Seltenheit und für das Auskurieren von Verletzungen ließ ein solcher Terminplan keine Zeit) verbunden mit einer kaum zu übertreffenden Berühmtheit, die Müller zwar für lukrative Werbeverträge zu nutzen verstand, die er aber nie wirklich zu genießen imstande war.

Im Gegensatz zu Franz Beckenbauer, seinem ewigen Gegenspieler, der trotz aller Müller-Rekorde immer noch ein wenig berühmter, angesehener, vor allem sicherer war in der Öffentlichkeit, der bei Auftritten souveräner wirkte als der doch wenig wortgewandte Müller und seinem “Gerd” diese Überlegenheit bis in die Zeit ihrer Amerika-Aufenthalte immer wieder spüren ließ. Der Kaiser war eben der Kaiser, sowohl im Verein als auch in der Öffentlichkeit und für Müller blieb – wenn überhaupt – stets nur die Nummer zwei: Ob es sich um Ranglisten der Fachzeitschriften handelte oder auch beim Publikum. Dazu kam ein schwieriger Charakter, oft jähzornig, ehrgeizig, aber auch trotz aller Erfolge immer leicht zu verunsichern und recht dünnhäutig. Nach dem WM-Titel 1974 der Rückzug aus der Nationalmannschaft, die folgenden Jahre bei den Bayern von Streitigkeiten mit dem Verein, den Trainern, den nachrückenden Jungen (wie Breitner und Hoeneß) und immer wieder Beckenbauer geprägt. Doch das Geld stimmte, wenngleich die Finanzgebarung des FC-Bayern und seiner Spieler höchst dubios war (aber von maßgeblichen Politikern wie Strauß und Huber gedeckt wurde), bis die offenkundigen Unstimmigkeiten vor den Steuerfahndern nicht mehr versteckt werden konnten. Sowohl der Verein als auch die Spieler wie Müller wurden zu hohen Nachzahlungen (nicht aber zu Strafzahlungen, soweit reicht der Arm der Politik dann doch noch) verurteilt, was den “Bomber” aufgrund seines wenig glücklichen Händchens in wirtschaftlichen Dingen besonders schwer traf.

Ein Ausweg bot sich schließlich in einem Engagement in den USA bei Fort Lauderdale in Miami: Aber trotz anfänglicher Erfolge wurde Müller auch dort nicht glücklich, zudem er wieder einmal auf den erfolgreicheren Franz Beckenbauer traf (der mit New York Cosmos größere Triumphe feierte). Sein Versuch, mit einem Lokal sich ein zweites Standbein zu schaffen, scheiterte nicht unwesentlich an einem Problem, das er schon länger mit sich herumtrug, seiner zunehmenden Abhängigkeit vom Alkohol. Dieser war in den 70ern ein ständiger Begleiter des Fußballsports (die Zahl der süchtigen Spieler und Trainer ist Legion*) und war für Müller häufig Trost in schwierigen sportlichen oder privaten Lagen (seine Ehe mit Uschi Müller, die er sehr jung geheiratet hatte, war wenig harmonisch, die beiden lebten sich zusehends auseinander, weil Uschi sich von der ihr zugedachten Rolle zusehends zu emanzipieren begann, obschon sie schließlich doch von einer Trennung absah). Und so blieb nach seiner Rückkehr aus Amerika erneut kaum Geld (das Lokal wurde verkauft) und Müller musste seine im Abnehmen begriffene Popularität mühselig vermarkten – bei Benefizspielen, Autogrammstunden oder als Ehrengast bei der Eröffnung von Einkaufszentren.

So verlor der einstige Superstar zusehends den Halt im Leben (diverse “gute Freunde” trugen das ihre zum Absturz bei), bis schließlich Anfang der 90er die Lage untragbar wurde: Müller hielt noch nicht mal Termine zu Autogrammstunden ein, seine Frau beschloss endgültig, sich scheiden zu lassen. In dieser Situation war es dann doch der alte Verein, der als Auffangnetz diente (ob hier reiner Altruismus eine Rolle spielte oder aber man sich von seiten der Vereinsführung nur nicht vorwerfen lassen wollte, dass man den einstigen Superstar fallen ließ, sei dahingestellt): Man zwang Müller zu einer Entzugskur und bot ihm den schon erwähnten (und relativ gut bezahlten) Job eines Assistenztrainers an. Auch wenn es wohl wieder schmerzhaft gewesen sein mag, dass sein ehemaliger Konkurrent Beckenbauer nun Vereinspräsident, er hingegen A-Jugendtrainer war, so fand er sich doch gut in seine neue Rolle – und schien im Laufe der Zeit auch zufrieden damit. Diese ruhige Phase seines Lebens fand erst mit der Alzheimer-Erkrankung Müllers (wozu Kopfballspiel und Alkohol einiges beigetragen haben dürfte) ein Ende. Müller lebt heute in einem Heim (anfangs wurde er noch von seiner Frau betreut, die die Scheidung schließlich zurückgenommen hat), Auftritte in der Öffentlichkeit sind nicht mehr möglich.

Das Großartige dieser Biographie liegt in der zeitgeschichtlichen Einbettung des Lebens von Gerd Müller: Sie zeigt ein Sittenbild der 70er Jahre mit der selbstverständlichen (und selbstgefälligen) Verquickung von Politik und Sport (die sich von der heutigen Zeit so sehr nicht unterscheidet, wenn auch die Kontakte weniger stark an die Öffentlichkeit gebracht werden; das Naheverhältnis Stoiber-Hoeneß wird sicher nicht zum Nachteil des FC-Bayern gewesen sein, obschon es diesen nicht vor dem Zuchthaus bewahren konnte), von der – durch das Geld verstärkten – Rücksichtslosigkeit gegenüber der Gesundheit, der Person des Sportlers (nicht einmal Superstars wie Müller oder Beckenbauer konnten sich dem von ihnen geforderten, körperlichen Raubbau entziehen), von einer Welt, die in jener Zeit den Wandel von Autoritätsgläubigkeit zu erstem Aufbegehren vollzog. Während die Helden von Bern sich noch wie selbstverständlich dem Trainer, den Vereinsbossen oder den Funktionären des DFB unterordneten, war das spätestens mit dem Auftritt von Spielertypen wie Hoeneß oder Breitner vorbei: Man verlangte Mitspracherecht, man demontierte Trainer, Präsidenten. Die enormen Summen, die in den Fußball flossen, waren diesem neuen Selbstbewusstsein sicherlich zuträglich, aber es war wohl auch der Zeitgeist der 68er-Generation, der selbstverständlichen Gehorsam in selbstbewusste Kritik verwandelte. Müller partizipierte von diesem Wandel, aber er verunsicherte ihn auch: Auf sein Leben in der Öffentlichkeit, auf die Anforderungen eines zum Superstar ernannten Sportlers war er nicht vorbereitet. Sein Leben war Ausdruck dieser Zerrissenheit zwischen alten, Sicherheit versprechenden Strukturen und einer Moderne, der er nicht gewachsen war. – Ein wunderbar zu lesendes, zeitgeschichtliches Werk, keineswegs nur für Fußballinteressierte.


*) Ich selbst habe damals in Schüler- und Jugendmannschaften gespielt und habe die Selbstverständlichkeit der Besäufnisse nach Meisterschaftsspielen miterlebt. Da konnte man sich abseits des Spielfeldes bereits als 13jähriger einiges an Anerkennung verschaffen, wenn man mit den Großen mitzutrinken imstande war.
Hans Woller: Gerd Müller. Oder wie das große Geld in den Fußball kam. München: Beck 2019.

Zum Hören:
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