Plinius: Kosmologie

Noch bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt Plinius als Autorität in den Naturwissenschaften, vor allem den beschreibenden wie der Botanik, der Zoologie oder auch der Geografie. Er verdankte das seinem 37 Bücher starken Werk Naturalis historia, das er ab 77 zu veröffentlichen begonnen hatte, und das bei seinem Tod im Jahre 79 – Plinius kam bekanntlich ums Leben beim Versuch, Freunde aus der gefährdeten Region zu retten, als der Vesuv ausbrach und die ganze Nachbarschaft verwüstete; er wurde allerdings nicht von einem Lava-Brocken erschlagen, sondern starb höchstwahrscheinlich an Herzversagen, weil die Aufregung und die schlechte Luft dem Asthmatiker nicht bekamen – bei seinem Tod im Jahre 79 also war das Werk noch nicht vollendet. Dennoch ist es als einziges von Plinius praktisch in voller Gänze auf uns gekommen. (Und Plinius war ein Vielschreiber!)

Plinius ist kein origineller Autor – oder originell höchstens in dem Sinne, dass keiner vor und keiner nach ihm die Quellen naturwissenschaftlicher Forschung derart ausgiebig gelesen und zitiert hätte. Plinius ist kein selbständiger Naturforscher. Er referiert Forschungen anderer oder auch einfach nur seltsam-sensationelle Berichte selbst nicht-forschender Freunde oder Bekannter. Seine Naturkunde (nicht: „Naturgeschichte“ – es handelt sich bei diesem Werk um keine Geschichte; das lateinische Wort „historia“ meint hier einfach „Bericht“!), seine Naturkunde also stellt eine Art zusammenfassendes Referat bisheriger Erkenntnisse dar: ein enzyklopädisches Unternehmen, kein primäres Forschungsprojekt.

Das zeigt sich auch im vorliegenden Büchlein, das dem zweiten Band des Originals entspricht und behandelt, was üblicherweise „Kosmologie“ genannt wird: Die Entstehung der Welt ebenso, wie ihre gegenwärtige (meta-)physische Form. Es ist das ptolemäische Weltbild, das er referiert: Die Erde als Kugel im Mittelpunkt, in ihren jeweiligen Sphären (die vielleicht Musik machen, vielleicht auch nicht!) die Fixsterne ganz weit weg, die Planeten auf komplizierten Bahnen um die Erde drehend etc. Plinius ist kein Mathematiker, und es fragt sich, ob er in seiner im Grunde genommen unverständlichen Beschreibung der Planetenbahnen so etwas wie eine Beschreibung der epizyklischen Planeten-Bewegungen versucht hat, mit denen das ptolemäische Weltbild die Bahnen der bekannten Planeten zu beschreiben suchte. Weiter sind da die fünf Erdzonen: Arktis und Antarktis zu kalt, die Äquatorialzone viel zu heiss, um bewohnt zu sein; menschliches Leben also nur in den beiden gemäßigten Zonen der Nord- und Südhalbkugel möglich; ein Kontakt zwischen den beiden Zonen aber durch die heiße Äquatorialzone verhindert. Mit dieser seiner Beschreibung wurde Plinius für die nächsten 1000 Jahre kanonisch. Noch Dantes Welt war genau so aufgebaut, wenn man davon absieht, dass auf der Südhalbkugel sich der Läuterungsberg auftürmt. (Weil im Christentum auf der vom Norden komplett getrennten gemäßigten Südzone keine Menschen leben durften – es gab ja in der Bibel nur einen Adam!)

Wetterphänomene wie Blitz und Donner sowie Berechnungen der Größe der Erde runden das zweite Buch der Naturalis historia ab. Letztere sind natürlich ebenfalls immer Berichte von Experimenten und Berechnungen Dritter. Plinius war, wie gesagt, noch weniger Mathematiker als Naturforscher. Wobei aus heutiger Sicht auffällt, dass die Größe des Erdballs schon recht genau berechnet werden konnte; die Distanz der Erde zu den Sternen / Planeten (oder dieser untereinander) aber um Vielfaches zu klein angesetzt worden war. Die Größe des Weltalls, wie wir sie heute kennen, war für die Antike undenkbar.

Alles in allem durchaus ein Text, den man lesen sollte. Wenn nicht aus wissenschaftsgeschichtlichem Interesse, so doch aus kulturgeschichtlichem. Immerhin hatten die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Antike in ihrer Vermittlung durch Plinius Bestand bis weit in die Neuzeit hinein.


C. Plinius Secundus d. Ä.: Naturkunde. Band I: Kosmologie. Herausgegeben und übersetzt von Gerhard Winkler und Roderich König. (= Ausgewählte Werke, Band I). Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2008.

Zum Hören:
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