Eugène Ionesco: Die kahle Sängerin [La cantatrice chauve]

Eugen Ionescu reiste 1942 – es könnte auch ein Jahr später gewesen sein – von Bukarest nach Marseille, um in Frankreich zu bleiben. Ionescu war der Sohn eines Rumänen und einer Französin. Die Ehe seiner Eltern war eher unglücklich und wurde nach wenigen Jahren geschieden. Der Vater war unterdessen in seine Heimat Rumänien zurück gezogen, die Mutter blieb in Frankreich. Eugen wuchs zunächst in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Mutter auf, und Französisch wurde im wahrsten Sinne des Wortes seine Muttersprache. Erst einige Zeit später holte ihn der Vater gegen seinen Willen von der Mutter weg nach Rumänien, wo er nun Rumänisch lernte (lernen musste). Der junge Mann hasste seinen Vater, und die Rückkehr nach Frankreich 1942 war auch so etwas wie eine Befreiung für ihn.

Ich bin nicht sicher, ob er bei seiner Rückkehr schon Teile seines Dramas bei sich hatte, oder ob er es erst in Frankreich konzipierte. Fest steht, dass Die kahle Sängerin anfangs noch auf Rumänisch verfasst worden ist. Erst im Laufe seiner Arbeit daran wechselte Ionescu auf Französisch – so, wie er nun auch seinen Namen französisierte und sich „Eugène Ionesco“ nannte.

Schon mit seinem ersten Drama lieferte Ionesco einen fundamentalen Beitrag zu dem, was sich im Laufe der nächsten Jahre als „absurdes Theater“ formieren und die Bühnen der Welt erobern sollte. Man kann sehr viel Ernsthaftes in dieses Stück hinein interpretieren. Im Grunde der Dinge aber ist es ein Stück voller Komik. Diese Komik entsteht dadurch, dass die Figuren eines sagen, etwas anderes tun – so z.B., wenn der Feuerwehrhauptmann aufgefordert wird, doch einen Moment zu bleiben, sich zu setzen und den Helm abzulegen, darauf antwortet, dass er eigentlich keine Zeit habe, aber doch einen Moment bleiben werden, allerdings werde er sich nicht setzen, nur rasch den Helm abnehmen, dann aber sich setzt und den Helm aufbehält. Es erinnert an Paul Watzlawicks Theorie des double bind, nur dass es hier ein und dieselbe Person ist, die sich doppelt bindet, und es offenbar nicht einmal bemerkt, so wenig wie die andern Figuren auf der Bühne.

Doch auch in den eigentlichen Gesprächen finden wir seltsame Kommunikationsformen. Ein Beispiel: Wir befinden uns im Wohnzimmer des Ehepaars Smith. Verspätet (oder doch nicht?) kommen die eingeladenen Gäste, das Ehepaar Martin. Donald und Elisabeth Martin werden einen Moment im Wohnzimmer alleine gelassen, worauf sich eine hanebüchene Konversation entspinnt, im Verlaufe derer die beiden Martins, die zunächst so miteinander reden, als ob sie sich nicht kennen würden, aber sich doch bekannt vorkämen, feststellen, dass sie beide aus Manchester stammen, zur selben Zeit am Bahnhof eingetroffen sind, im selben Zug gereist sind, ja im selben Abteil, und nun im selben Hotel wohnen, ja im gleichen Zimmer übernachtet haben – woraus Mr. Martin messerscharf schließt, dass er Mrs. Martin tatsächlich kennen muss, weil er ja die Nacht mit ihr verbracht hat. Der Umstand, dass beide eine Tochter namens Alice haben, die zwei Jahre alt ist und ein rotes und ein weißes Auge hat, beweist den beiden dann, dass sie sogar miteinander verheiratet sind.

Alle Gespräche und Handlungen in diesem Drama sind mehr oder weniger paradox angelegt. Einige erinnern an Gespräche, die bei Altersdemenz auftreten, wenn der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin sich nicht mehr an Dinge erinnern, die erst vor kurzem geschehen sind. Allerdings kennt Ionesco auch die aus dem Kabarett bekannte gewordene „Über-Pointe“ – eine Schlusspointe, die noch übertrifft und übersteigert, was bisher gesagt worden ist. In obigem Gespräch ist es Mary, die Bedienstete des Gastgeberpaars, die im Anschluss an das Gespräch der beiden Martins in einem kurzen, ans Publikum gerichteten Monolog, festhält, dass sich die Martins doch irren, wenn sie glauben, miteinander verheiratet zu sein. Denn wohl hätten beide eine Tochter namens Alice, die ein rotes und ein weißes Auge aufweise. Aber [führt Mary aus] Donalds Tochter hat ein weißes Auge rechts und ein rotes Auge links, während die Tochter von Elisabeth ein rotes Auge rechts und ein weißes Auge links hat! Womit bewiesen wäre, dass Donald und Elisabeth nicht Donald und Elisabeth sind. Und sie, Mary, muss es wissen, denn, wie sie dem Publikum zuflüstert: Mein wahrer Name ist Sherlock Holmes.

Wenn die Logik versagt, wenn Paul Watzlawicks Double-Bind-Theorie durch einen Double-Bind ad absurdum geführt wird, noch bevor sich dieser entwickelt hat, und das Ganze zum Schreien komisch ist: Dann haben wir ein Frühwerk Eugène Ionescos vor uns.

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