Robert Musil: In Zeitungen und Zeitschriften I. Unselbständige Veröffentlichungen 1898-1922

Irgendjemand scheint dem Herausgeber dieser Gesamtausgabe gesteckt zu haben, dass Buchtitel wie In Zeitungen und Zeitschriften doch etwas gar Kindliches an sich haben. Nur so kann ich mir erklären, dass Band 9 den Titel ein wenig variiert; wohl, um ihn akzeptabler, ‘erwachsener’ wirken zu lassen. Auf dem Schutzumschlag finden wir zwar noch immer In Zeitungen und Zeitschriften, aber nicht mit der römischen Eins dahinter, sondern mit dem Zeitrahmen, den Band 9 abdeckt: 1898-1921. Das Titelblatt führt dann allerdings genau den von mir kritisierten Titel (bei dem ich mich bis heute frage, warum man nicht wenigstens – im Sinne einer minimalen Konsistenz – die Nummerierung mit arabischen Ziffern weiterführen konnte, so, wie in eben dieser Ausgabe ja Der Mann ohne Eigenschaften arabisch von 1 bis 6 nummeriert wurde). Am besten – wenn’s denn schon In Zeitungen und Zeitschriften sein muss – gefällt mir die Version auf Seite 5 dieses Bands; den habe ich denn auch für die Überschrift dieses Aperçus übernommen.

So viel zum Formalen. Nun zum Inhalt: Band 9 bringt die frühen Texte Musils, so weit er sie veröffentlicht hat und so weit sie auffindbar sind. Einiges, von dem er später behaupten würde, dass es existiere, lässt sich offenbar eben gerade nicht auffinden. Wir finden aber auch so ein Sammelsurium von eigenen literarischen Texten, Literatur- und Theaterkritiken (letztere meist in ein Bashing der Theater in Wien ausmündend), kunst- und literaturtheoretischen Überlegungen (oft Kritik und Theorie in einander vermengt), oder auch philosophisch-wissenschaftsgeschichtlichen Essays. Viele Themen – der essayistischen wie der literarischen Texte – deuten schon auf entsprechende Abschnitte im Mann ohne Eigenschaften voraus. Einige Kritiken sind auch nur Freundschaftsdienste an mit Musil bekannte Autoren. Die wichtigsten Themen und Personen kann der geneigte Leser, die geneigte Leserin, den zum Aperçu gehörenden Schlagworten entnehmen.

Am Interessantesten fand ich jene beiden Texte, die der Herausgeber der Ausgabe als reine Pflichtübung für den Vater betrachtet und deshalb in seinem Nachwort relativ kurz abtut. Wir finden nämlich aus den Jahren 1903 und 1904 zwei Aufsätze, die auf den ersten Blick tatsächlich völlig aus dem Rahmen fallen: Die Kraftmaschinen des Kleingewerbes und Die Beheizung der Wohnräume. Beide sind in derselben Jugendzeitschrift erschienen. Beide dienen der wissenschaftlich-technischen Belehrung der Jugend. Wahrscheinlich handelt es sich tatsächlich um Pflichtübungen Musils, die dieser unter dem Druck seines Vaters auf sich genommen hat. Dennoch gelingt es Musil, vielleicht, ohne es zu wollen oder zu merken, mehr daraus zu machen – nämlich eine Fingerübung in Sachen Beschreibung. Dies sollte ihm beim doch sehr distanzierten Stil des Manns ohne Eigenschaften zu Gute kommen. (Von dessen Anfangskapitel mit der Beschreibung komplexer meteorologischer Vorgänge ganz zu schweigen!) Meiner Ansicht nach gehören die zwei Texte zum Besten, das Musil geschrieben hat in den Jahren, die Band 9 abdeckt.

Ein wenig seltsam fand ich hingegen den Umstand, dass Band 9 nochmals Texte bringt, die bereits in Band 8 figurierten. Wir verdanken das der Tatsache, dass Musil – um sich im Publikum halbwegs präsent zu halten, da Der Mann ohne Eigenschaften einfach nicht fertig werden wollte – einige seiner literarischen Texte, die er in Zeitschriften bereits veröffentlicht hatte, zusammenfügte zu eigenständigen kleinen Büchern (nämlich Drei Frauen – daraus finden wir die Grigia wieder – und Nachlass zu Lebzeiten). Die Differenzen zwischen den beiden Versionen sind minim. Ich hätte erwartet, diese Texte in einer kritischen Ausgabe nur einmal zu finden, und die Abweichungen im kritischen Apparat. Musil, der davon leben musste, durfte die Texte zwei Mal verwerten; von einer Werkausgabe erwarte ich mehr als unkontrolliertes Abdrucken dessen, was man so findet. Schade.

Wegen der Kritiken und eben wegen der beiden wissenschaftlich-technischen Texte alles in allem aber trotzdem ein lesenswertes Buch.

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