Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Viel von dem, was Harari hier beschrieben und erörtert hat, findet sich auch in den “Lektionen” wieder. Oft geistreich, auch durchdacht, analysiert er die “technologische Herausforderung”, vor der die Menschen stehen (wenn mir auch seine Angst vor den allgegenwärtigen, uns ausspähenden Algorithmen manchmal etwas übertrieben erschien), die Implikationen, die eine KI-Zukunft auf politische, freiheitliche oder soziale Belange hat bzw. haben könnte. Wie alle leicht zum Dystopischen neigenden Autoren fällt es ihm schwer, sich die Annehmlichkeiten eines Lebens vorzustellen, in dem Arbeit immer weniger Zeit in Anspruch nimmt und für unsere Grundbedürfnisse gesorgt werden wird; das Vertrauen in den Menschen, eine solche – eigentlich angenehme – Zukunft zu gestalten, ist gering zu nennen (und ganz unrecht dürfte er mit dieser Skepsis nicht haben).

Wirklich viel Neues findet man nicht: Natürlich sind alle Nationalismen (oder ihre Derivate) per se unfähig, mit globalen Problemen umzugehen, selbstverständlich können archaische Religionen keine Lösungen für das Leben in einer modernen Welt bieten. Die offene Gesellschaft, die da allenthalben propagiert wird, mag für uns alle die beste Form sein, aber sie entspricht nicht den Erwartungen vieler Menschen nach Klarheit, Eindeutigkeit oder dem selten offen geäußerten Wunsch nach Führung. Die Geschwindigkeit des Lebens hat sich geändert, sodass unsere bisherige Art und Weise, Kindern und Jugend einen Grundstock des Wissens zu vermitteln, mit dem sie mehr-weniger gut durchs Leben kommen, fragwürdig wird: Was von all dem, das da heute gelehrt wird, hat in 30, 50 Jahren noch Bestand, ist von Nutzen? “Schulen sollten sich auf die Vermittlung der vier Ks verlegen – kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität”, das klingt gut, aber wenig originell und kann wohl mit allem gefüllt werden, was sich Staaten einfallen lassen könnten – von ganz rechts über liberal zu ganz links.

Der vielleicht eindrucksvollste Abschnitt des Buches ist jener, in dem Harari all die “Erzählungen” dekonstruiert (habe ich diese Vokabel nun tatsächlich gebraucht – alt musste ich werden), die verquere Lösungen meinen anbieten zu können (besonders gelungen die Ausführungen zum Buddhismus, der ja allgemein – und zu Unrecht – als eine besonders friedfertige, intellektuell anspruchsvolle Religion gilt). Harari besteht darauf, dass diese Narrative Illusionen sind, die den Menschen falsche Sicherheit vorgaukeln und das Denken vernebeln. Und er möchte diese Entwürfe einem einfachen Realitätstest unterziehen, indem er die Frage stellt, wie es mit dem Leiden der in den Erzählungen behandelten Entitäten bestellt ist? Kann eine Nation, eine Rasse, eine Religion leiden? Nein, antwortet Harari, es sind immer ganz konkrete Menschen, die leiden, weshalb man bei allen Politikern, die ähnlich mystische Begriffe in ihrem Repertoire haben, sehr skeptisch sein sollte. Womit er Recht hat.

Auf den allerletzten Seiten fühlt sich Harari schließlich bemüßigt, dem Leser seinen ganz persönlichen Umgang mit den Fährlichkeiten der Welt mitzuteilen: “Nachdem ich so viele Geschichten, Religionen und Ideologien kritisiert habe, ist es nur fair, dass ich mich selbst in die Schusslinie begebe und erkläre, wie es jemandem, der so skeptisch ist, trotzdem gelingen kann, morgens freudig aufzuwachen.” Allerdings muss ich meist schlucken, wenn mir – wer auch immer – ankündigt, mich in sein Inneres sehen zu lassen*. Auch Harari hätte sich diese letzten Seiten ersparen können, sollen: So erfuhr ich, dass er zwei Stunden täglich meditiert, was er in einem Vipassana-Meditationskurs erlernt zu haben berichtet. Das allein wäre so schlimm noch nicht (auch wenn ich die Sinnhaftigkeit solcher Übungen in der Regel bezweifle); dass er aber einen irgendwie rätselhaften Geist postuliert, welcher möglicherweise gehirnunabhängig vor sich hin west, das hat mich schon mehr verstört. Außerdem bezweifle ich seine Schlussfolgerung, wenn er meint, durch Introspektion dem Rätsel des Bewusstseins auf die Spur kommen zu können. Daniel Dennett hat die Problematik dieses Ansatzes aufgezeigt und gemeint, dass der Betreffende sehr oft gar nicht wisse, was da in seinem Kopf vorgehe und dass möglicherweise ein Beobachter (durch entsprechende Verfahren) dies sehr viel besser einzuschätzen in der Lage wäre. Wie auch immer – Hararis eigene Meditationserzählung hätte er sich ersparen können (müssen, wenn er das, was er von den “Erzählungen” zuvor geschrieben hat, ernst genommen hätte). Trotzdem ich große Teile des Buches mit viel Vergnügen gelesen.


*) Denn in den meisten Fällen würde ich dieses lieber nicht sehen. Ein Erlebnis aus der lang zurückliegenden Jugend hat mich möglicherweise für immer geschädigt: Ein wirklich wunderhübsches Wesen, das mir da gegenübersaß, dessen Hand zu halten ich die unbändige Freude hatte, die Humor, Witz zu haben schien (was da alles meiner Voreingenommenheit und den Hormonen geschuldet war, will ich nicht beurteilen). Jedenfalls beschloss auch sie, mir ihr Herz zu öffnen und ihre innersten Geheimnisse zu offenbaren. Der beachtliche esoterische Schmonzes, der da zum Vorschein kam, hat mich tief getroffen, die Aussicht auf einen romantischen Abend in grausamer Weise zerstört. Ich kann das nicht, kann nicht mit einem Menschen vertraut sein (oder welche Art Verbindung auch immer mit ihm eingehen), wenn ich den/die Betreffende(n) für einen veritablen Dummkopf halte. Si tacuisses usf., wobei die von Boëthius unter die Leute gebrachte Sentenz in ihrer üblichen Auslegung fragwürdig ist: Wenn mit Philosoph ein Mensch gemeint sein sollte, der des Denkens fähig ist, so wäre durch Schweigen nichts gewonnen. Nur das Wissen des Gegenüber wäre ein anderes.


Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. München: Beck 2018. (ebook)

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