Sabatina James: Scharia in Deutschland

Die Autorin kam im Alter von 10 Jahren aus Pakistan in den Westen und sollte mit 17 an ihren Cousin zwangsverheiratet werden. Sie konnte sich dem widersetzen, brach mit ihrer Familie (die das Todesurteil über sie fällte, weshalb sie seither an einem unbekannten Ort lebt) und hat mit Büchern zu ihrer Lebensgeschichte einigen Erfolg erzielt. Diese biographische Notiz mag in mehrfacher Hinsicht den hanebüchenen Unsinn zu erklären, den die Autorin – unbeleckt von aller geschichtlichen Kenntnis – in diesem Buch von sich gibt. (Ich habe das Geschreibsel nach etwa einem Drittel mit gutem Gewissen weggelegt: Wer auf so wenigen Seiten so viel Unsinn zu schreiben imstande ist, wird das auch auf den restlichen Seiten nicht mehr zu kompensieren in der Lage sein.)

Sabatina James beklagt die allzu große Toleranz einer multikulturellen Gesellschaft, die sich der Gefahren des Islamismus nicht bewusst sei und durch ihr Verhalten die Unterdrückung (der Frau) in den entstehenden Parallelgesellschaften fördere. Die Begründung für diese ihre These besteht in einer Auflistung verschiedener Zeitungsartikel, in denen über Verbrechen, mafiöse Strukturen und Gewalt in türkisch-arabischen Kreisen berichtet wird. Die Ursachen für all das sieht sie im muslimischen Glauben, der patriarchal-autoritäre Strukturen fördern würde und zitiert zu diesem Zwecke auch aus dem Koran (wo man bezüglich der Aufforderungen zu Unterdrückung von Frauen oder Tötung Ungläubiger unschwer fündig wird). Das Problem in dieser Argumentation ist die unterstellte Monokausalität der Phänomene – in einer Form, wie sie auch von Boulevardzeitungen oder diversen Vereinigungen zur Verteidigung des Abendlandes verwendet wird: Hier Islam – dort Mord und Totschlag.

Nun bin ich der letzte, der sich zur Verteidigung dümmlicher Religionen berufen fühlt: Solch einseitige Zuschreibungen sind jedoch schlichter Nonsens. Die monierten (und zu kritisierenden) Parallelgesellschaften sind über Jahrzehnte entstanden, weil sich Politik und Gesellschaft um diese Immigranten nicht im mindesten gekümmert hat. Man war es zufrieden, billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben und wohl implizit der Meinung, dass diese sich nach ihrer Verwendung am Arbeitsmarkt entweder stillschweigend in ihre Heimatländer zurückbegeben oder aber zu Westeuropäern mutieren würden. Und man leistete der Ghettoisierung Vorschub, da man sie als Menschen zweifelhafter Herkunft nicht unbedingt in seiner Nähe haben wollte. Diese – und noch zahlreiche andere Fehler in der Behandlung ausländischer Arbeitskräfte haben zu jener Ausbidlung von Einwandererzirkeln in Großstädten geführt, aus denen sich nun tatsächlich Gotteskrieger bzw. der Nachwuchs für kriminelle Clans rekrutieren lassen. Mit dem Islam hat das nur insoweit zu tun, als dass jede Religion per se autoritäre Strukturen und völlig irrationale Verhaltensnormen für gut befindet, weshalb sich Religionsgemeinschaften, wollen sie auch nur einigermaßen nach ihren Vorschriften leben, automatisch zu Gegnern freiheitlich-aufgeklärter Lebensformen entwickeln.

Das alles aber hat die Autorin nicht einmal in Ansätzen verstanden. Ihr Hass auf den Islam speist sich zum einen (verständlicherweise) aus ihrer Lebensgeschichte, zum anderen ist es der Eifer des Konvertiten, der sie für differenziertere Erklärungsmodelle völlig blind macht. Denn es mutet wie ein Treppenwitz der Konversionsgeschichte an, wenn Sabatina James dem Islam den Rücken kehrt, weil dort die Recht der Frauen mit Füßen getreten werden und deshalb – man staune – zum Christentum katholischer Provenienz übertritt. (So als ob jemand von der NPD zur AfD wechseln würde, um sich endlich für die Belange von Flüchtlingen einsetzen zu können.) Und sie behauptet allen Ernstes, dass das Christentum eine Religion der Gewaltlosigkeit sei, dass die oftmals zitierte alttestamentarische Gewalt “auf einen historischen Kontext” bezogen sei und diese Aufforderungen zur Tötung von Ungläubigen also etwas gänzlich anderes als jene im Koran. Überhaupt habe das Christentum die blutigen Verfolgungen “still und betend” erduldet (nein, das ist ein Originalzitat, keine Ironie), erst später, nach Konstantin, sei es “zu Kompromissen mit der Staatsräson” gekommen. Denn “natürlich musste sich eine Großmacht auf verteidigen”. Aber die Kirche wirke als Friedensstifter, habe mit dem weltlichen Staat eigentlich nichts zu tun, wofür sie als Beleg Augustinus zitiert (den sie mit Sicherheit bestenfalls vom Hörensagen kennt), der ja zwischen weltlichem und Gottesstaat unterschieden habe und dadurch auf “die Trennung von Kirche und Staat” (sic) hingearbeitet habe. So musste der Kirchenlehrer fast 1600 Jahre auf eine islamische Konvertitin warten, damit von seinen Aufrufen zur Verfolgung und Tötung von Donatisten, Pelagianern, Circumcellionen, Manichäern, Juden und zahlreichen anderen Konvertiten oder Ungläubigen abgesehen und aus ihm ein Vertreter des säkularen Staates gemacht werden konnte. Dieses Ausmaß an Dummheit und Unkenntnis der Religionsgeschichte ist denn doch zuviel: Das persönliche Schicksal enthebt den Schreibenden nicht der Pflicht, sich wenigstens über das grundlegend zu informieren, worüber zu schreiben er sich entschlossen hat.

Die von Sabatina James so hoch gehaltenen Werte der Demokratie und Gleichberechtigung, des säkularen Rechtsstaates wurden samt und sonders gegen den Widerstand der christlichen Religionen errungen, die Demokratie als Staatsform wurde etwa erst im Jahre 1963 durch die katholische Kirche anerkannt (und wie es um Demokratie oder Gleichberechtigung in dieser Organisation steht braucht nicht eigens betont zu werden). Entweder die Autorin weiß tatsächlich nichts vom jahrhundertelangen Kampf um Aufklärung und staatsbürgerliche Rechte oder aber sie will es nicht wissen. Ich fürchte aber, dass der Einfluss ihrer religiösen Erziehung sehr viel stärker ist als sie sich eingestehen will und sie sich innerlich davon nie wirklich gelöst hat: Nur so scheint es verständlich, dass sie eine Sekte mit einer anderen vertauscht und für deren Ähnlichkeiten völlig blind ist.

Ein sehr dummes, aber auch gefährliches Buch, dessen sich PEGIDA & Co. mit größtem Vergnügen annehmen werden und das all jene Vorurteile tradiert, die von Boulevardmedien oder rechten Parteien mit großem Vergnügen bedient werden. Ein wenig auch an Samuel Huntingtons “clash of civilizations” erinnernd, der auch die Rolle der christlichen Religionen unzulänglich verkürzt dargestellt und damit suggeriert hat, dass Demokratie oder Gleichberechtigung christliche Werte wären. Sie sind es nicht – und überall dort, wo die christliche Religion (in Polen oder in Teilen der USA) Einfluss erlangt, tritt sie den Beweis für das Gegenteil an. Jedenfalls scheint die Autorin in einer ihr früh aufoktroyierten Denkweise befangen zu sein und in keiner Weise darüber Bescheid zu wissen, gegen welche Widerstände Freiheit, Gleichheit oder Demokratie im Westen erkämpft wurden (und immer noch erkämpft werden müssen).


Sabatina James: Scharia in Deutschland. München: Knaur 2015.

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