Robert Gerwarth: Reinhard Heydrich

Heydrich gilt gemeinhin als Intellektueller, auch als Gehirn Himmlers, der diesem zwar untergeordnet war, aber einen starken geistigen Einfluss auf ihn ausgeübt habe. Und gerade diese Kombination von gutbürgerlicher Herkunft (aus einem höchst musikalischen Elternhaus, sein Vater war Konservatoriumsdirektor und hat Opern verfasst) und seiner Rolle als ein führender Nationalsozialist und Mitinitiator des Holocaust lässt diese Person interessant erscheinen.

Gerwarth gelingt es in dieser hervorragenden Biographie, einige dieser Mythen zu entlarven und präsentiert einen anderen, trivialeren Heydrich, einen, dessen Haupteigenschaft ein fast grenzenloser Ehrgeiz war und der diesem Ehrgeiz alle – ohnehin nur rudimentär vorhandenen – menschlichen Regungen unterordnete. Wobei ihm seine Intelligenz unter anderem dazu diente, die zahllosen Verbrechen zu rationalisieren, sie mit dem gläubigen Auge des Nationalsozialisten zu betrachten und dadurch die Kohärenz seines Weltbildes aufrecht zu erhalten. Denn Heydrich war – im Gegensatz zu vielen anderen Nationalsozialisten, vor allem den “Gefährten der ersten Stunde”, zu denen er nicht zählte, keineswegs korrupt, er verachtete jene zutiefst, die ihre Postionen zu ihrem eigenen Vorteil verwandten und hat sich sogar einige Male gegen solche Übergriffe gestellt.

Geboren 1904 in Halle an der Saale wuchs er in dem erwähnten gut bürgerlichen Elternhaus auf und erlebte den ersten Weltkrieg als einen starken Einschnitt in dieses behütete Leben. Die materielle Unsicherheit erreicht auch den Konservatoriumsdirektor, die prekäre Wirtschaftslage ließ andere Dinge wichtiger erscheinen als Musikstunden. Noch stärker aber wurde der junge Heydrich von der Kriegsniederlage betroffen (mit der die Bevölkerung nicht rechnete): Zur Erklärung zog auch er bereitwillig die Dochstoßlegende heran, um so einen Nationalstolz aufrecht zu erhalten, der durch diesen Verlust allzu stark gelitten hätte. Er schloß sich zwar nach dem Krieg paramilitärischen Verbänden an, war aber noch zu jung, um wirklich in Kampfhandlungen verwickelt zu werden. So blieb auch ein Gefühl des Ungenügens zurück, ein Gefühl, selbst nichts gegen diese Niederlage, gegen die nachfolgenden chaotischen Zustände zu tun imstande gewesen zu sein.

Dennoch weist lange Zeit nichts auf seine spätere Karriere bei den Nationalsozialisten hin. Er geht nach dem Abitur zur Marine und versucht dort Karriere zu machen; nach einigen erfolgreichen Jahren wird ihm aber ausgerechnet zu Beginn der schweren Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre ein nicht eingehaltenes Verlobungsversprechen zum Verhängnis. Anstatt sich zu diesem Fehler vor einem Ehrengericht der Marine zu bekennen versucht er, der jungen Frau die Schuld zuzuschreiben: Und es ist gerade diese Feigheit, die dann zum Ausschluss führt. In dieser Situation wird er durch seine spätere Frau Lina von Osten auf die nationalsozialistische Bewegung aufmerksam und trifft bei einem Bewerbungsgespräch für den damals noch im Aufbau begriffenen Sicherheitsdienst mit Heinrich Himmler zusammen, der sich von ihm begeistert zeigt.

Der Rest ist ein fulminanter Aufstieg in der nationalsozialistischen Hierarchie, teilweise vom Glück begünstigt (erst der Röhm-Putsch machte die SS, der Heydrich angehörte, wirklich bedeutend) als auch durch seinen Arbeitseifer bedingt. Allerdings bleibt zweifelhaft, ob er schon von Beginn an auch ein Anhänger der Rassenideologie war: Denn bis zu seinem Eintritt in die Partei war er weitgehend unpolitisch, hat sich abwertend über die NSDAP und ihre Mitglieder geäußert (die er für Proleten hielt) und sich auch später noch des öfteren kritisch gegenüber den Entwicklungen geäußert. Insofern kam ihm das elitäre Bewusstsein der SS zugute, hier konnte er sich selbst als ein führendes und herausragendes Mitglied der Bewegung empfinden und später die Attitüde desjenigen annehmen, der aufgrund der geschichtlichen Situation zu all den Gräueln gezwungen ist, um den Nachfolgenden ein neues und herrliches Leben zu eröffnen.

Gerwarths Biographie ist brilliant recherchiert und räumt mit einigen Vorurteilen auf: So wird die Person Heydrich auf “menschliche” Maße zurechtgestutzt, sein stark ausgeprägter Ehrgeiz (der wohl einige Minderwertigkeitsgefühle kompensieren sollte) zum entscheidenden Antrieb für seinen Aufstieg, der Nationalsozialismus aber stellt bloß die zufällige historische Chance dar, die Heydrich ergriffen hat (solche Menschen wie Heydrich pflegen überall Karriere zu machen: Ich kann ihn mir ebenso als SED-Kader als auch als CDU-Mitglied vorstellen). Und er zeigt auch, dass die Entscheidung zum Holocaust keineswegs von langer Hand geplant war, dass man vielmehr in den Massenmord stolperte: Noch bei Kriegsbeginn schien die systematische Tötung der Juden unvorstellbar, erst der Kriegsverlauf, die für die Nationalsozialisten immer wieder auftauchende Frage des “wohin” mit all den Juden (durch die Eroberungen im Osten gab es plötzlich zehnmal mehr Juden im Deutschen Reich) führte zur Endlösung. (Auch die Wannseekonferenz war nicht jener entscheidende Wendepunkt, als der sie gerne dargestellt wurde: Selbst dort wurde noch nicht explizit eine Massenvernichtung geplant.) Anhand der Person Heydrich kann man diesen Weg zum Massenmord nachvollziehen: Eine Ideologie, die aufgrund der historischen Gegebenheiten zu immer extremeren Ansichten neigte und Menschen, die bereit waren, Menschenrechte sukzessive einzuschränken – bis hin zur totalen Vernichtung.

Und diese Sukzession ist Voraussetzung für solche Gräuel: Vom “Kauft nicht bei Juden” (also einem ökonomischen Boykott) bis nach Auschwitz ist es ein langer Weg. Aber die anfängliche Einschränkung von Menschenrechten bildet den ersten Schritt zu dieser Katastrophe und auch zur ständig steigenden Bereitschaft in der Bevölkerung, solches Tun zu akzeptieren. Hätte man Heydrich (oder anderen SS-Schergen) 1935 von den Gaskammern erzählt, wäre derlei wohl von allen entrüstet zurückgewiesen worden. – Ein hervorragend zu lesendes Buch, das dennoch höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt – und auch eine Geschichte darüber, wie Feindbilder konstruiert und schließlich Menschen vernichtet werden.


Robert Gerwarth: Reinhard Heydrich. München: Siedler 2011.

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