Schlüsselbegriffe der Philosophie des 19. Jahrhunderts

herausgegeben von Annika Hand, Christian Bermes und Ulrich Dierse. Hamburg: Felix Meiner, 2015. (=Archiv für Begriffsgeschichte, Sonderheft 11)

Das Archiv für Begriffsgeschichte wurde seinerzeit gegründet, um verschiedenste Lemmata für ein philosophisches Wörterbuch in der Nachfolge des veraltenden Wörterbuchs von Rudolf Eisler zu sammeln und aufzubereiten. Dieses Wörterbuch ist seither unter der Federführung von Joachim Ritter erschienen; das Archiv für Begriffsgeschichte existiert aber weiterhin.

Hier nun also Sonderheft 11. Schon der Titel wirft verschiedene Fragen auf – nämlich für jedes darin verwendete Substantiv.

Was ist ein Schlüsselbegriff? Während ich zugeben will, dass das Wort Begriff in gewisser Weise unhintergehbar ist, weil der Versuch, es zu definieren, fast unweigerlich in zirkulären Definitionen endet, hätte ich von den Herausgebern eine etwas genauere Definition dessen, was ein Schlüsselbegriff darstellt, schon gewünscht. Ich verstehe darunter einen Begriff, der mir eine Epoche, einen Denker, eine Denkbewegung etc. ‘aufschliesst’, einen Begriff, der in irgend einer Weise zentral ist für einen Denker, eine Denkbewegung, ein Epoche. Einen Begriff, an Hand dessen ich (zusätzliches) Verständnis für eine Denkbewegung, eine Epoche, einen Denker gewinne. Das scheint mir im vorliegenden Buch nicht bei allen Begriffen in gleichem Masse der Fall zu sein, vor allem nicht bei der Behandlung, die ihm dann der eine oder die andere der hier versammelten Autoren angedeihen lässt.

Was ist – als zweites gefragt – die Philosophie? Ich gebe zu, dass auch ich zu jenen gehöre, die, wenn sie das Wort ‘Philosophie’ ohne weiteres Beiwort hören oder lesen, darunter das verstehen, was Bertrand Russel in seiner Philosophie des Abendlandes vorstellt: Das Denken in der westlichen, europäischen und US-amerikanischen Hemisphäre des Globus. Mit dieser Erwartung an die Schlüsselbegriffe der Philosophie des 19. Jahrhunderts heranzugehen, bedeutet allerdings, eine herbe Enttäuschung zu erleben. Mit einer Ausnahme vermitteln alle Beiträge den Eindruck, es hätte im 19. Jahrhundert nur deutsche Philosophie, deutsche Geschichte gegeben. Dass auch andere Gebiete als genuin philosophische im heutigen Verständnis einbezogen werden, wird hingegen vom Herausgeber Ulrich Dierse in einer Einleitung explizit angesprochen und gerechtfertigt. Die Philosophie verliert im 19. Jahrhundert ihre zentrale Stellung als universale Wissenschaft; vor allem das Aufkommen der Naturwissenschaften einerseits, der Geschichte als Wissenschaft andererseits wird so in diversen Artikeln angesprochen. Das stört mich weniger als der Versuch, Philosophie des 19. Jahrhunderts als deutsche Philosophie auszugeben. Das mag für die beherrschende Stellung des sog. deutschen Idealismus in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts noch gelten; in der zweiten kamen vor allem in Frankreich und in den USA eigene Strömungen auf. Doch wird gerade einmal Bergson erwähnt, ein paar Mal William James (meist mit Sätzen im Stile von ‘In den USA entwickelte der Pragmatismus unter William James ähnliche Gedanken’), einzig der Artikel von Helmut Pulte zum Thema Wissenschaft gibt sich Mühe, auch Entwicklungen ausserhalb Deutschlands zu schildern. Einzig Pulte beschreibt die Position des Pragmatismus – und zwar nicht an Hand von James, sondern an Hand von Peirce. Einzig Pulte kennt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Gottlob Frege (den ich, ehrlich gesagt, auch in einem Artikel zum Begriff ‘Begriff’ gesucht hätte).

Last but not least die letzte Frage: Was ist das 19. Jahrhundert? In der oben schon angsprochenen Einleitung verwendet Dierse den (m. W. auf den Historiker Hobsbawn zurückgehenden) Terminus des langen 19. Jahrhunderts und meint damit eine Epoche beginnend mit der Französischen Revolution und endend mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Das mag für die Geschichtswissenschaft einen Sinn ergeben; die hier versammelten philosophiegeschichtlichen Beiträge zeigen, dass, was in einer Geschichtsform sinnvoll sein kann, in einer andern wenig Sinn ergibt. In praktisch allen Beiträgen zerfällt das 19. Jahrhundert in zwei Teile. Da ist eine erste Hälfte, die in den genuin philosophischen Beiträgen meist nicht mit der Französischen Revolution beginnt, sondern mit Kants Kritik der reinen Vernunft. Mehr historisch-soziologisch ausgerichtete Beiträge fangen mit Rousseau an; der Beitrag zum Thema Mechanik beginnt bei Voltaire, um dann gar zu Isaac Newton zurückzugehen und schliesslich zu enden bei – Hegel. Denn das ist der Bruch, den praktisch alle Beiträge im 19. Jahrhundert vorfinden: das Ende dessen, was man heute den ‘Deutschen Idealismus’ nennt (und was hier oft die klassische deutsche Philosophie genannt wird). Manchmal werden Junghegelianer oder Junges Deutschland noch zur ersten Hälfte gezählt, manchmal wird deren Bruch mit Hegel stärker betont und sie werden zur zweiten Hälfte gerechnet. Einige historische und die naturwissenschaftlich ausgerichtete Beiträge können ihrerseits wenig mit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anfangen und setzen erst so richtig mit Marx oder Helmholtz ein. Der Artikel zu Nation geht seinerseits weit ins 20. Jahrhundert, ja ins 21., hinein, wenn er die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Beiheft 11 aktuelle Situation der Europäischen Union anspricht, die vom wieder aufkeimenden Nationalismus seiner Mitgliedsstaaten auf ein harte Probe gestellt wird.

Fazit: Wer Beiträge zur Weltanschauung (auch dieser Begriff wird vorgestellt) im Deutschland des 19. Jahrhunderts (und ein bisschen vorher, sowie ein bisschen nachher) sucht, wer damit leben kann, dass sich gewisse Artikel zu gewissen Lemmata überschneiden, sich manchmal ergänzen, manchmal aber auch widersprüchliche Informationen liefern (so die Differenzierung zwischen ‘Volk’ und ‘Nation’ zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die für Christian Geulen (Nation) eine absolut klare, wenn auch andere als heute, gewesen sein soll, für Peter Brandt (Volk) aber schon die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Kuddelmuddel an unterschiedlichsten Verwendungs- und Differenzierungsarten aufweist) – wer also mit solchen Einschränkungen leben kann und nicht schülermässig eindeutige Informationen zu allem und jedem sucht, sondern selber weiter denken und weiter forschen will und kann, wird in den Schlüsselbegriffen der Philosophie des 19. Jahrhunderts einen Fundus an Anregungen finden. Schüler verweisen wir besser auf entsprechend aufbereitete Lexika.

Hier noch die Artikel und ihre Verfasser im einzelnen:

Begriff – Christoph Asmuth
Bewusstsein – Gerald Hartung
Bildung – Friedhelm Brüggen
Bürger, Bürgertum – Gunilla Budde
Dialektik – Annette Sell und Myriam Gerhard
Energie – Ernst Müller
Entfremdung – Micha Brumlik
Entwicklung, Evolution – Falko Schneider
Geist – Andrzej Przyblebski
Geschichte – Ulrich Dierse
Klasse – Alois Hahn und Matthias Hoffmann
Kritik – Christian Krijnen
Mechanismus – Renate Wahsner
Nation – Christian Geulen
Partei – Holger Glinka
Politische Freiheit – Jürgen Goldstein
Revolution – Olaf Briese
Unbewusstes – Ralf Becker
Volk – Peter Brandt
Weltanschauung – Gunter Scholtz
Wille – Matthias Kloßner
Wissenschaft – Helmut Pulte

2 Replies to “Schlüsselbegriffe der Philosophie des 19. Jahrhunderts”

  1. Den Hinweis auf den Unterschied zwischen historischen und philosophischen Epochen halte ich für wichtig (so manches Mal wird dies ignoriert): Philosophie kann Ereignisse vorbereiten oder auch auf Ereignisse reagieren (bzw. gar keinen Einfluss haben). Die Epochengrenzen aber werden dadurch natürlicherweise andere sein (müssen).

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