Robert Louis Stevenson: Der Master von Ballantrae

Als junger Student habe ich die Lektüre dieses Romans nach ca. ⅓ abgebrochen; und ich gebe zu, dass ich deshalb vor dem erneuten Versuch einen ziemlichen Bammel hatte. Tatsächlich ging es auch diesmal nicht ohne kleines Stocken, aber ich habe bis zum Schluss durchgehalten. Und im Grunde genommen kann von „Durchhalten“ nicht die Rede sein: Der Roman ist spannend und liest sich gut.

Dass ich als Student überhaupt dem dem Master von Ballantrae in Berührung gekommen bin, liegt an einer Vorlesung von Walter Killy über englische und deutsche Romane des 19. Jahrhunderts. Heute kann ich sagen, dass ich Killys Einschätzung, dass wir es bei dem Master mit einem bedeutenden Roman zu tun haben, im Grossen und Ganzen teile. Es gibt sicher schwache Stellen, so die fortwährende Verteufelung des einen Bruders oder die Tatsache, dass eben dieser Bruder ein wenig oft „stirbt“ und wieder aufersteht. Letzteres ist tatsächlich bedauernswert, stellt es den Master of Ballantrae doch in bedenkliche Nähe zum zeitgenössischen, trivialen Schauerroman. Ersteres ist auf den zweiten Blick aber eine natürliche Konsequenz aus der von Stevenson sehr klug gewählten Erzählweise.

Die Geschichte der beiden auf den Tod verfeindeten Brüder aus schottischem Hochadel, des Lord Durrisdeer und seines älteren Bruders, des Masters von Ballantrae, wird nämlich als Bericht des Gutsverwalters von Lord Durrisdeer, Ephraim Mackellar, ausgegeben, auf den Stevenson zufällig bei einem befreundeten Rechtsanwalt stösst. Es ist an und für sich noch nichts Neues und auch nichts Geniales, dass sich der eigentliche Autor als Herausgeber einer vorgefundenen Schrift tarnt, und wir kennen das von vielen Werken der Weltliteratur. Auch dass sich der „Herausgeber“ mit Fussnoten und vorgeblichen Kürzungen in den Bericht seines „Autors“ einmischt, ist nicht ganz aussergewöhnlich. Schon aussergewöhnlicher ist, dass sich Ephraim Mackellar klar als Partei zu erkennen gibt, sich seiner eigenen Parteilichkeit bewusst ist, sich deren sogar rühmt. Er wurde von Lord Durrisdeer als Verwalter eingesetzt, und seine ganze Loyalität gehört seinem Patron. Erst danach kommen dessen Frau, dessen Vater und später dessen Sohn und dessen Tochter. Den älteren Bruder aber, den Master von Ballantrae, hasst er auf den Tod, auch wenn er sich nicht traut, irgendetwas gegen ihn zu unternehmen. Mackellar nämlich ist ein Feigling (was er weiss und beklagt) und hat einen sehr begrenzten Horizont, wenn es darum geht, andere Leute zu verstehen (was er nicht weiss).

Es ist das Geniale an diesem Roman Stevensons, dass er auch dem Leser Mackellars Beschränkung nicht so einfach zu erkennen gibt. Wir erhalten über fast 300 Seiten hindurch ein parteiisches Bild der beiden Brüder. Für den Puritaner Mackellar ist der Master von Ballantrae so etwas wie ein personifizierter Teufel. Als sich im Laufe der Geschichte zeigt, dass Lord Durrisdeer offenbar gar nicht so verschieden von seinem älteren Bruder ist, wie es Mackellar haben will, reagiert dieser mit Unverständnis. Versuchsweise bringt er physiologische Gründe vor für das, was er als seltsame Veränderung in Lord Durrisdeers Charakter auffasst.

Ein weiterer genialer Schachzug Stevensons ist es, dass Mackellar nicht der einzige Erzähler ist. Der Master lebt ja über lange Jahre vom schottischen Familiensitz entfernt und hat so einige abenteuerliche Dinge durchgemacht. Von denen kann Mackellar nicht nur physisch keine Ahnung haben, weil er nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Auch psychologisch wäre es ihm unmöglich gewesen, 1745 auf der Seite der Aufständischen (wie er es empfindet) um Bonnie Prince Charlie zu kämpfen (was der Nukleus des Romans ist), später auf der Flucht Pirat zu werden oder noch später als englischer Spion in Indien tätig zu sein. Da erscheint schon früh im Roman ein Bote des Masters, in Form des irischen Colonel Burke, der mit dem Schotten einige Abenteuer erlebt. Der später in Frankreich rehabilitierte und geadelte Burke sendet Mackellar auf dessen Wunsch einen Bericht über die gemeinsame Zeit mit James Durie, dem Master. Wir haben also einen zweiten Ich-Erzähler – der keineswegs zuverlässiger ist als der erste. Nicht nur greift der erste immer wieder korrigierend in den Bericht des zweiten ein (wie seinerseits Stevenson in den seinen), auch findet der Leser rasch heraus, dass Burke im Grunde genommen ebenso feige ist wie Mackellar, es aber mit einem grossen Maul kaschiert. (Wenn Geschichte und Setting im Allgemeinen an Walter Scott erinnern, so diese Figur – auch wenn sich Stevenson immer dagegen verwahrte – an Thackereys Barry Lyndon.)

Eine verdoppelte Ich-Erzählung also, mit immer wieder angetöntem Doppelgänger-Motiv. Wenn Stevenson in Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde die zwei Seiten einer Medaille im menschlichen Wesen auf ein und dieselbe Person verteilt, so haben wir hier zwei Personen, die den ruhigen, gesetzten Bürger einerseits, den wilden Abenteurer andererseits, repräsentieren. Alles in allem bereue ich meinen zweiten Versuch am Master von Ballantrae keineswegs.


Gelesen habe ich die 2017 bereits in der 6 Auflage erschienene, von Melanie Walz übersetzte, herausgegebene und mit einem Nachwort versehene Edition des mareverlags, die auch die verschiedenen Vorwörter enthält, die Stevenson seinem Roman beigeben wollte. (Und die beizugeben sich seine Verleger damals hartnäckig weigerten!) Eine qualitativ hochwertige Edition, an der es nichts zu bemängeln gibt, und die ich nur empfehlen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.